12. März 2008, 18:08 Uhr

Der Mensch braucht ein Gärtchen

Wettenberg (m). »Der Mensch braucht ein Gärtchen und wär's noch so klein, von dem er kann sagen: Dies Gärtchen ist mein! Hier lieb ich, hier leb ich, hier ruh' ich mich aus, hier ist meine Heimat, hier bin ich zuhaus'«. Adolf Wagner hat dieses Dichterwort abgewandelt. Inzwischen verstorben, gehörte er zu den Gründungsmitglieder des Obst- und Gartenbauvereins Wißmar. In diesem Jahr blickt der rührige Verein mit seinen 112 Mitglieder auf sein 75jähriges Bestehen zurück.
12. März 2008, 18:08 Uhr
Der »Stöffche«-Stand des Vereins beim Krämermarkt im Mai 2005 mit Vorsitzendem Michael Pfandler (rechts) (Archiv-Foto: m)

Wettenberg (m). »Der Mensch braucht ein Gärtchen und wär's noch so klein, von dem er kann sagen: Dies Gärtchen ist mein! Hier lieb ich, hier leb ich, hier ruh' ich mich aus, hier ist meine Heimat, hier bin ich zuhaus'«. Adolf Wagner hat dieses Dichterwort abgewandelt. Inzwischen verstorben, gehörte er zu den Gründungsmitglieder des Obst- und Gartenbauvereins Wißmar. In diesem Jahr blickt der rührige Verein mit seinen 112 Mitglieder auf sein 75jähriges Bestehen zurück. Kommersabend ist am 15. März ab 19 Uhr im Bürgerhaus. Kelterfest wird am 14. September ab 11.30 mit dem Blasorchester Wißmar an der Verwaltungsstelle gefeiert. Schirmherr ist Bürgermeister Gerhard Schmidt.

Fast auf den Tag genau, am 11. März 1933, fiel - wie viele andere Vereinsgründungen jener Zeit - auch diese in den Beginn des finstersten Kapitels deutscher Geschichte. Gründungsinitiator war der damalige Leiter der örtlichen Volksschule, Rektor Heinrich Görnert, der auch den Volksbildungsausschuss leitete. Dort konnte man sich über den Obstbau und die Gartenpflege kundig machen und ein Vortrag am 5. Februar 1933 von Kreisbauinspektor Gilg (Wetzlar) gab den Anstoß zur Gründungsversammlung, die von einer eigens dafür gegründeten Kommission vorbereitet wurde. Die Gründungsmitglieder waren Wilhelm Bepperling, Wilhelm Bittendorf, Christian Dönges, Eduard Drescher, Heinrich Euler, Heinrich Görnert, Wilhelm Klar, Georg Klinkel, Heinrich Kümmel, Karl Link, Heinrich Mandler, Ludwig Prinz, Ludwig Schieferstein, Karl Schmidt, Friedrich Speier, Heinrich Speier, Ludwig Stroh, Wilhelm Todt, Georg Törner, Adolf Wagner, Heinrich Wagner, Wilhelm Wagner und Heinrich Will. In der Gastwirtschaft Reeh (Schmuck) wurde Rektor Görnert zum 1. Vorsitzenden gewählt. Schon am Ende des Gründerjahres war die Mitgliederzahl von 24 auf 78 gestiegen. Zuvor fand im September an zwei Tagen die erste Obst- und Gemüseschau im Saal Wolf mit 40 Ausstellern statt. Ein fulminanter Start also für den Obst- und Gartenbauverein Wißmar.

»Eßt deutsches Obst - kauft deutsches Gemüse« - dieser Slogan der damaligen Machthaber sollte zeigen, wo die Reise hingehen würde. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde viel getan auf dem Gebiet des Obstbaues. 1935 beispielsweise wurden, ohne die gemeindlichen Obstbaumbestände, fast 2300 Obstbäume gespritzt, um den Schädlingen auf den Leib zu rücken. Die Geräte stellte der Kreis Wetzlar kostenlos zur Verfügung, die Spritzmittel gab es zum Selbstkostenpreis, und 1934 hatte der Verein schon seine eigene Baumspritze für 50 Reichsmark erworben. Im gleichen Jahr wurde die erste Obstpresse angeschafft. Der Nutzgarten hatte eine völlig andere Bedeutung als ein Garten heute. Schädlingsbekämpfung bedeutete damals für die Mitglieder auch Vogelschutz, denn die gefiederten Freunde waren die eigentlichen und natürlichen Schädlingsvertilger. Der Vogelschutz ist inzwischen längst Aufgabe der örtlichen Vogelschutzverbände und NaBu-Ortsgruppen. Der Umweltschutz aber nach wie vor auch ein wichtiges Ziel der Obst- und Gartenbauer. Die Gemeinde Wißmar stellte dem Verein ein Grundstück unterhalb des Bahndamms am Lohrbach zur Verfügung und noch im selben Jahr, 1936, beschloss man den Kauf einer Kelter mit hydraulischem Druckwerk. Nach dem Zweiten Weltkrieg, 1948, wurde der Verein wieder aktiv. Die Chronik weist im Besonderen auf die Anlage der Kirschplantage mit 250 Bäumen auf dem Grubenberg hin, und 1955 wurde der heute noch bestehende Obstgarten am Steinborn bepflanzt. Heinrich Will war nach dem Krieg 21 Jahre lang Vorsitzender. In diese Zeit fiel auch 25jährige Jubiläum, 1958. Ein Festakt mit einer Obst- und Gemüseschau bot den feierlichen Rahmen. Die Mitgliederzahl betrug inzwischen 260.

Rosenweg ist eine Stück Vereinsgeschichte

Der Straßenname »Rosenweg« ist Teil der Geschichte des Vereins, denn dort wurden in der Grünanlage die herrlichen Rosen von Adam Englert und Karl Baba gepflegt, nachdem für diese beiden die Zucht und Pflege zu einer Aufgabe wurde, die sie ohne den Obst- und Gartenbauverein nicht mehr bewältigen konnten. An der Rosenpergola hatte der Zahn der Zeit genagt, und so wurde diese 1999 durch eine Roseninsel ersetzt. 1964 hatte die alte Kelter ausgedient und die Neuanschaffung war ein finanzieller Kraftakt für den Verein. Sie kostete 7500 DM und das überstieg das Vereinsvermögen, so dass ein Darlehen aufgenommen werden musste. 1973 fand aus Anlass des 40jährigen Vereinsbestehens eine Obstschau im Bürgerhaus statt. Vorsitzender war seinerzeit Alfred Pausch. Zum 50jährigen Jubiläum musste diese Ausstellung mangels Obst ausfallen. Der inzwischen verstorbene Ehrenvorsitzende Otto Leib stand an der Spitze der Wißmarer Obst- und Gartenbaubauer, und dies 13 Jahre lang.

Die Zeiten hatten sich geändert und auch die Aktivitäten und Vereinszielsetzungen. Durch die Aufstellung von 20 Ruhebänken in der Wißmarer Gemarkung hatten die Mitglieder einen wesentlichen Beitrag für die Bereicherung des Naherholungsgebietes geleistet. Die Geselligkeit kam ebenfalls nicht zu kurz. Ausflüge, Tagesfahrten, Wanderungen und die Beteiligung an Festzügen prägten das Vereinsleben mit.

1989 wurde eine neue Satzung verabschiedet. Naturschutz, Landschaftspflege und Umweltschutz galt der Hauptaugenmerk. Am 10. April 1989 erfolgte der Eintrag in das Vereinsregister. Der heute noch amtierenden Vorsitzende Michael Pfandler war bereits zwei Jahre zuvor als Nachfolger von Otto Leib gewählt worden. Vor acht Jahren musste die Hydraulik der Kelter erneuert werden. Der Aufwand betrug 10000 DM. Im Kelterraum im Gebäude der Verwaltungsstelle und einem Nebenraum, wurde der Boden abgesenkt, neue Abflussrohre verlegt, Boden und Wände gefliest, die Elektrik erneuert, eine Toilette eingebaut, Waschbecken und Heizung installiert. Die Maßnahme wurde von der Gemeinde Wettenberg unterstützt. 2006 gab es eine Obstmühle mit Waschanlage und Elevator (Förderschnecke) für 8700 Euro. Das entlastet die Kelterwarte bei ihrer Arbeit - durch die Waschanlage gelangt jetzt nur noch gereinigtes Obst in das Mahlwerk.

»Unsere Aufgaben haben sich verändert«, so Michael Pfandler im Gespräch. Garten ist heute meist erweiterter Wohnraum. Der Nutzgarten ist kleiner geworden oder verschwand gänzlich. Rasenflächen für Sport und Spiel mit Ziersträuchern und Blumen liefen ihm den Rang ab, aber auch das hat seine Bedeutung für das Kleinklima in den Wohnbereichen, weiß Pfandler. Was geblieben ist: Der Gartenbau stellt nach wie vor einen Ausgleich für viele Menschen in einer zunehmend hektischeren Zeit dar. Der Obst- und Gartenbauverein Wißmar ist Anlaufstelle für Kindergärten und Grundschule, die insbesondere zur Keltersaison gerne zu Gast sind und sich die Mostherstellung ansehen. Der Verein beteiligt sich auch an den Ferienspielen und ist seit 1991 Mitglied der Landschaftspflegegemeinschaft. Er pflegt die Obstbäume an den gemeindlichen Gehölzen, lädt zu Schnitt- und Veredelungslehrgängen ein und fördert die Fachausbildung seiner Mitglieder und der Bürger. All dies war mit ein Grund dafür, das der Obst- und Gartenbauverein Wißmar 2001 den Umweltpreis der Gemeinde verliehen bekam. Hinzu kommt die Ausrichtung - im Wechsel mit den beiden anderen Obst- und Gartenbauvereinen in Wettenberg - der jährlichen Dorfverschönerungs-Wettbewerbe.

Der Vorstand im Jubiläumsjahr:

Seit 24 Jahren 1. Vorsitzender ist Michael Pfandler, seit 21 Jahren 2. Vorsitzender Klaus Gobereit, seit 34 Jahren 1. Schriftführer Alwin Klaar, seit sechs Jahren 1.Kassierer Helmut Leib, seit acht Jahren 2. Kassierer Georg Bojtek jun., seit 20 Jahren 2. Schriftführer Erhard Gruber, seit 18 Jahren Beisitzer Friedel Beermann, seit 15 Jahren Beisitzer Horst Jakob und seit je zwei Jahren Beisitzer Daniel Schwalm und Margarete Klar.

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