19. Mai 2011, 11:15 Uhr

20 Jahre Schwalbenhaus in der Krofdorfer Schieferstraße

Wettenberg (tma). Jetzt, Ende Mai, ist es wieder gut beflogen - als Notlösung wurde es entwickelt, und keiner hätte je gedacht, dass die Idee einmal so weite Kreise ziehen wird: Am 11. April 1991 wurde in Krofdorf-Gleiberg das erste Schwalbenhaus aufgestellt. Seitdem ist nicht nur der Bestand an Brutpaaren an dieser Mehlschwalben-Kolonie gewachsen - auch der Bestand an Schwalbenhäusern im Kreis Gießen, in Hessen und bundesweit. Selbst in Nachbarländern und den USA stehen schon Nisthilfen für Mehlschwalben nach dem Vorbild aus der Krofdorfer Schieferstraße.
19. Mai 2011, 11:15 Uhr
Das Schwalbenhaus in der Schieferstraße.

Aus der Not heraus geboren...

Die Brutstatistik des Schwalbenhauses wie auch im »Schwalbenhaus II« in der Fohnbachstraße und im ganzen Ort ist eine wahre Erfolgsgeschichte: Seit den ersten drei Bruten im Jahr 1992 stieg der Besatz auf 76 Brutpaare im vergangenen Jahr. Zeitweilig beherbergte das Schwalbenhaus ein Viertel des gesamten Brutbestands in Krofdorf-Gleiberg. Ständig wurden von Erbauer und »Schwalbenvater« Reinhold Stork weitere künstliche Nester unter dem von einem Mast getragenen Dach angebracht und die Mehlschwalben bauten weitere Nester selbst an. Überschlägt man anhand der besetzten Nester die Anzahl der allein im Schwalbenhaus geschlüpften Jungtiere, kommt man auf beachtliche Zahlen: »Im Durchschnitt werden bei der ersten Brut vier, bei der zweiten Brut drei Eier von den Schwalbeneltern bebrütet - bei einer Summe von 921 besetzten Nestern in den 20 Jahren ergibt das 6447 junge Mehlschwalben«, rechnet Stork vor. Nicht alle sind flügge geworden und der geringste Teil dürfte nach der Überwinterung in Afrika nach Krofdorf zurückgekehrt sein und gebrütet haben. Dennoch ein großer Erfolg.

Wie es zum Bau des Schwalbenhauses kam, ist auch in der aktuellen Festschrift »50 Jahre für Mensch und Natur - NABU Krofdorf-Gleiberg« nachzulesen: Das ehemalige Feuerwehrgerätehaus war Standort zahlreicher Mehlschwalbennester. Der Umbau des Gebäudes im Jahre 1990 hatte zur Folge, dass alle Nester während der Brut hätten entfernt werden müssen.

Der NABU entschied sich, eine wohl einmalige Rettungsaktion durchzuführen, um - wenn überhaupt möglich - wenigstens einen Teil der Bruten zu retten. Mithilfe der Gemeinde Wettenberg wurden Holzwände aufgestellt, die durch ihre Machart an eine Hauswand mit Dachüberstand erinnerten. Anschließend wurden die Nester mitsamt ihren Bewohnern abmontiert und an den Provisorien angebracht. Mit Erfolg: Die Altvögel reagierten weiterhin auf die Bettelrufe ihrer Jungen und fütterten sie auch am neuen Standort.

Nach erfolgter Aufzucht konnten die »Notunterkünfte« entfernt werden. Am neuen Feuerwehrhaus war jedoch bauartbedingt kein Platz für neue Schwalbennester, also musste Ersatz her. Durch einen Hinweis von Günter Schlierbach, der Jahre zuvor eine Mastkonstruktion mit Dach und Mehlschwalbennestern in Aalen in Baden-Württemberg fotografiert hatte, kam die Idee, selbst ein Schwalbenhaus zu bauen. Am 11. April 1991 konnte das von Stork und Schlierbach gebaute Schwalbenhaus aufgestellt werden.

Ein Erfolg von Anbeginn an

Viele NABU-Gruppen und andere Vereine begannen, sich für die Idee zu interessieren und selbst Schwalbenhäuser zu bauen. Stork stand häufig mit Rat und Tat zur Seite, auch Oliver Wegener brachte sich ein. Denn auch Behörden wurden auf diese Möglichkeit aufmerksam, etwas für die bedrohte Mehlschwalbe zu tun. Von Wegener wurde in Zusammenarbeit mit dem Hessischen Landesamt für Bodenmanagement und Geoinformation eine Broschüre entwickelt, für »das Schwalbenhaus« eine Statik erstellt und schließlich wurden diese Nisthilfen zum Verkauf angeboten. In weiteren Veröffentlichungen wurde über Schwalbenhäuser berichtet. Heute finden sich allein in Hessen weit über 250 Schwalbenhäuser.

Eine ebenfalls positive Tendenz zeigen die Daten der bereits seit 1961 im gesamten Ort durchgeführten Zählung der Mehlschwalben. Von damals 81 Brutpaaren stieg die Population auf deutlich über 300 Brutpaare seit 2005. In den Jahren 2006 und 2010 wurde mit 408 bzw. 416 Paaren auch die 400er-Grenze überschritten. Man könne sich kaum vorstellen, welche Mengen an fliegenden Insekten die Krofdorfer Schwalbenpopulation allein im vergangenen Jahr vertilgt habe, schwärmt Experte Stork: »Bei 416 Brutpaaren müssen mindestens 832 Altvögel anwesend sein. Mit den Jungvögeln aus zwei Bruten ergibt das einen theoretischen Herbstbestand von über 3700 Mehlschwalben.«

Erfahrungsaustausch mit Experten

Ihre umfangreichen Erfahrungen aus dem praktischen Schwalbenschutz wollen die Krofdorfer NABU-Aktiven im Rahmen einer Tagung weitergeben: Der »zweite Krofdorfer Schwalbentag« soll am 7. August stattfinden, bei dem u. a. der Rauchschwalbenexperte Dr. Karl-Heinz Loske sowie der Mauerseglerexperte Erich Kaiser referieren werden.



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