06. April 2010, 00:40 Uhr

Treis: Gemälde soll erhalten werden

Staufenberg (vh). Am Nachmittag des Karfreitags waren die Bänke der evangelischen Kirche in Treis voll besetzt, wie es dort bei der »Sternstunde«, dem besonderen Gottesdienst, üblich ist.
06. April 2010, 00:40 Uhr
Diplom-Musikpädagogin und Dekanatskirchenmusikerin Daniela Werner (Mitte) aus Mainzlar dirigierte den Kirchen- und Projektchor Treis. Solisten waren am Karfreitag Prof. Dr. Heinz Bauer (E-Piano), Heike Amend (Sopran) und Herbert Becker (Tenor); beide stehen links am Altar.

Staufenberg (vh). Am Nachmittag des Karfreitags waren die Bänke der evangelischen Kirche in Treis voll besetzt, wie es dort bei der »Sternstunde«, dem besonderen Gottesdienst, üblich ist. Und es war ja auch wieder ein besonderer Gottesdienst, weil das Oratorium »Die letzten Stunden« (Musik: Daniela Werner, Text: Andreas Lenz), orientiert an den sieben letzten Worten Jesu am Kreuz, nach genau drei Jahren wiederaufgeführt wurde - morgens in der Kirche auf dem Kirchberg, nachmittags zur überlieferten Todesstunde Jesu in Treis. Daniela Werner leitete den Kirchen- und Projektchor Treis. Solistische Parts hatten Heike Amend (Sopran), Herbert Becker (Tenor) und Prof. Dr. Heinz Bauer (E-Piano) übernommen.

Noch eine Besonderheit wartete vor dem Altar in der Treiser Kirche, ein dringend der Restaurierung bedürfendes Kreuzigungsgemälde von Heinrich Will aus dem Jahr 1930. Will war am 27. August 1895 in Treis geboren worden, studierte an der Städelschule in Frankfurt, an der Kunstakademie in Düsseldorf und schließlich an der Akademie für bildende Künste in Wien, wo er seine Ehefrau Elisabeth Will geb. Klein kennen und lieben lernte, 1930 wurde in Wien geheiratet. Elisabeth folgte dem Porträt- und Landschaftsmaler nach Gießen, wo das Paar zum - ausspionierten und verratenen - regimekritischen »Kaufmann-Will-Kreis« gehörte, der verbotenerweise Radio Beromünster BBC London empfing. Will wurde im nationalsozialistischen »Dritten Reich« vom sogenannten »Volksgerichtshof« wegen des »Hörens von Feindsendern« zum Tode verurteilt und am 19. Februar 1943 in Frankfurt-Preungesheim hingerichtet. Mehrere Gnadengesuche aus Treis waren ergebnislos geblieben. Elisabeth Will wurde nach Auschwitz deportiert.

Pfarrer Andreas Lenz beschrieb den in Treis geborenen Kunstmaler als »hoch intelligent, gebildet und begabt«. Das der Restaurierung bedürfende Gemälde habe Will der Kirchengemeinde noch aus dem Zuchthaus heraus vermacht. Es zeigt den vom Kreuz abgenommenen Christus auf dem Boden liegend; die rechte Hand berührt den Bildrand und in dieser Haltung quasi die Betrachter. In zentraler Bildpose ist vermutlich die betende Maria Magdalena abgebildet. Wie von Pfarrer Lenz nach dem Gottesdienst zu erfahren war, liegt die Kostenkalkulation für die Restaurierung bei rund 2000 Euro. Die Karfreitagskollekte erbrachte 500 Euro (!) und wird den finanziellen Grundstock für die Restaurierung bilden. Wills Gemälde soll, so Lenz, nachfolgenden Generationen zur Mahnung erhalten bleiben. Weitere Spenden sind jederzeit erwünscht.

Das - wie schon sein Titel vermittelt - siebensätzige Werk »Die letzten Stunden« hatte Daniela Werner als Teil ihrer Abschlussprüfung zum Erwerb des A-Diploms für Kirchenmusik im Jahr 2006 an der Hochschule für Musik in Frankfurt/Main komponiert. Im Ergebnis sollte ein zeitgenössisches Werk für Chor und Solisten ohne aufwändiges Orchester entstehen. Die entscheidende Frage hatte damals gelautet: Welcher vorhandene Text eignet sich zur Vertonung? Daniela Werners vorherige Berührungspunkte mit dem Passionsthema führten sie zu den sieben letzten Worten Jesu aus den Evangelien (Lukas 23, Johannes 19, Markus 15).

Doch der zusammengefasste Textinhalt reichte noch immer nicht für ein Oratorium oder eine Kantate - beides ist zutreffend, da von ähnlicher Struktur. Pfarrer Lenz wusste schließlich Rat. Er stellte jedem Jesuswort eine zeitgenössische Auslegung mit einer gewichtigen Paradiesbetrachtung (zweites Wort) und für den sich verschärfenden Kontrast drastisch zulaufende Formulierungen bei, die im sechsten Wort (»Es ist vollbracht«) und im siebten Wort (»Meinen Geist in deine Hände«) in Monotonie als Moment des Fallenlassens in Vertrauen einmünden. Die Absicht des Pfarrers ist, den Trost und die Erlösungsfunktion der Bibelworte plausibel zu machen. Daniela Werners Musik bildet einen stark assoziativ verdichtenden Harmonierahmen mit einer Vielzahl von akademischen Prüfungselementen. Text und musikalische Bildersprache wirken stimmig. Der Laienchor zeigte sich gut disponiert und stellenweise auf hohem Niveau. Aus dem Chor agierten die beiden Gesangssolisten. Prof. Dr. Bauer am Klavier hatte wohl den leichtesten Part von allen mit dem Schwerpunkt der Intonation von Ostinato-Elementen. Gesangstechnisch am beeindruckendsten wurde der Mittelteil mit dem vierten Wort (über das Verlassensein) und dem fünften Wort (vom Dürsten) gestaltet.



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