15. Oktober 2012, 09:33 Uhr

Thomas Hettche kehrt zurück zum Treiser Totenberg

Staufenberg. Der Schriftsteller Thomas Hettche kehrt mit seinem aktuellen Essayband »Totenberg« zurück in seinen Geburtsort Treis. Die Gießener Allgemeine Zeitung traf ihn auf der Frankfurter Buchmesse und sprach mit ihm über Heimat und die Frage, wie einer anfängt, zu schreiben.
15. Oktober 2012, 09:33 Uhr
Vielgereist und oft geehrt: Der Schriftsteller Thomas Hettche. (Foto: HR/Herlinde Koelbl)

Die Rückkehr ins Regionale, ins Heimatliche, wird oft mit der Globalisierung und der für viele immer schneller drehenden und komplexer werdenden Welt erklärt. Krimis, die nicht in New York, sondern in der Eifel oder in Bayern spielen, verkaufen sich wie geschnitten Brot. Deutschsprachige Musik dudelt im Radio häufiger als früher. Heimat ist wieder »in«. Doch was ist Heimat überhaupt? Schwärmer nennen es ein Gefühl, der Homo Ratio spricht von einer Beziehung von Zeit und Raum und Sozialisierung. Fragt man den in Treis geborenen Autor Thomas Hettche nach Heimat, kann er zwar im Gespräch auf der Frankfurter Buchmesse keine klare Antwort geben – dafür in seinem aktuellen Essayband »Totenberg«.

Hettche ist weit gereist. Er hat in Frankfurt studiert, war in Krakau, Venedig, Rom und Los Angeles. Er hat für die Neue Züricher Zeitung geschrieben, ist Mitglied des Deutschen PEN und lebt (wieder) in Berlin. Er hat Preise erhalten, die hier nicht aufgezählt werden müssen. Seine Bücher führen ihn und den Leser ebenfalls weiter weg – in Zeit und Raum. Nun folgt mit »Totenberg« die Heimkehr nach Treis. Denn der namengebende Totenberg ist der Hausberg des Ortes, in dem Hettche geboren und aufgewachsen ist.

Sein neues Buch ist eine Art Autobiografie. Die soll erklären, wie einer Schriftsteller wird, wo er herkommt, woran er gelitten hat. Um dem auf den Grund zu gehen, hat Hettche das gute alte Gespräch gesucht. Mit Hans-Jürgen Syberberg redet er über die Bindung der Kunst an die Landschaft, mit Christa Bürger über die Verantwortung des Intellektuellen, mit Henriette Fischer über die Ausdruckstänzerin Valeska Gert und mit Michael Klett über Ernst Jüngers Haltung und das Soldatische in unserer Gegenwart. In einem früheren GAZ-Interview hat Hettche gesagt, man suche sich die Bücher nicht aus, sondern es gebe eine Dringlichkeit, von der die Agenda bestimmt werde. Was ist der Anlass für »Totenberg«? »Ich habe die Empfindung, dass sich die Buchwelt verändert«, sagt Hettche. »Mit dem Buch lege ich mir gegenüber selbst Rechenschaft ab, was die literarische Welt für mich ausmacht und wo ich herkomme.«

Wo er herkommt, laufen die zehn Fäden des Schriftstellers zusammen: Treis, Stadtteil von Staufenberg, 2200 Einwohner. Der dem Band seinen Namen gebende Essay »Totenberg«, sagt Hettche im Gespräch mit der Gießener Allgemeinen Zeitung, sei von zentraler Bedeutung. Er sei »Schlüssel- und Scharniertext«. Doch kein Hettche ohne Differenzierung: »Der Titel Totenberg ist doppeldeutig«, sagt er, »denn Literatur steht auf Texten von Menschen, die tot sind.«

An den Ort seiner Jugend kehrt Hettche immer wieder zurück. Seine Eltern leben hier. In dem Haus, das so aussehe, als sei es »die Vorlage für das Haus des Nikolaus«, schreibt er. Hier wurde Hettche 1964 geboren – zwei Jahre nach dem Richtfest. Die Eltern hatten zusammen mit Freunden und Verwandten – natürlich – selbst gebaut. »Das früheste Bild, das es von mir gibt, eines der gezackten kleinen Schwarzweißphotos im Album mit den raschelnden Zwischenblättern aus Seidenpapier, zeigt mich im Taufkleid vor der Tür des noch unverputzten Hauses im Arm meiner Mutter. Ich war das Baukind, wie sie es nannte, und das Haus gehörte mir.«

Nicht nur das Haus. Alles drum herum ist seine Welt gewesen. Hettche erinnert sich an den Sommer, ans unbeschwerte Spiel in der Neubausiedlung, in der aus Stauden und Stapeln Unheimliches erwachsen kann, sobald die Sonne untergeht. Mysteriöses gibt es auch im Haus: In Gestalt einer Kiste auf dem Dachboden. Hettche erinnert sich noch genau an ihr Aussehen: Sie sei »die einzige Antiquität, die es in meiner Kindheit gab, vielleicht einen Meter lang und siebzig Zentimeter hoch, mit einem Beschlag, den man mit einem Vorhängeschloss sichern konnte, mehr Kasten als Truhe, aus rotbraun gestrichenem Holz ziemlich einfach gezimmert.«

Diese Kiste ist in Hettches Augen nicht nur deshalb so merkwürdig, weil sie das einzige im Haus ist, das ungenutzt bleibt. Sie ist auch noch leer. Aufschrift: »Totzau, Kr. Kaaden«. Diese Wörter haben sich bei ihm eingeprägt. Es ist der Ort, in dem seine Mutter geboren wurde. Im Sudetenland. »Jene Kiste enthielt ein verschwundenes Haus, einen verschwundenen Ort, ein ganzes verschwundenes Land. « Schon damals habe er versucht, schreibt Hettche, die Leere der Kiste zu füllen: »Mit den Geschichten, die sie umgaben.«

Um die Kiste herum ordnen sich andere Erlebnisse an: Das Spiel am 350 Meter hohen Totenberg, in dessen Steinbruch und Wald. Hettche füllt einen Ort, an dem Bagger fahren, Stahlseile gespannt sind und Krüppelkiefern umherstehen, mit Geschichten von Jägern und Säbelzahntigern. Selbst die Funde, die die älteren Jugendlichen hinterlassen hatten, passen dazu: Neben Bierflaschen und einer schmutzigen Bluse finden sie Parolen wie »Love«, »SS«, »Beate« und »RAF«. Hettche schreibt, als Kinder hätten sie nicht gewusst, »ob wir nach einer Vergangenheit suchen oder doch eher nach unserer Zukunft.«

Immer wieder stößt Hettche auf die Kiste der Mutter – zusammen mit dem Begriff Sudetenland. Davon sei er »noch heute ebenso peinlich berührt, wie wenn ich eine alte Dame ihre Katze Muschi rufen höre. « Die Kiste enthielt die Vergangenheit der Mutter: Die Vergewaltigung seiner Tante durch russische Soldaten, die Erschießung jedes zehnten Mannes auf dem Dorfplatz und die Mutter, die zugucken musste, die Flucht, das Zwangsquartier in Treis und die Liebesgeschichte der Eltern. »Für meine Mutter«, sagt Hettche, »ist Treis eine halbe Heimat geblieben.« Sie habe sich eine imaginäre Kindheitsheimat bewahrt, »Alle werden irgendwie aus ihrer Kindheit vertrieben.« Bei seiner Mutter war diese Erfahrung real.

Als sich 1989 der Ostblock öffnet, zieht es die Familie ins heutige Tschechien. Die Mutter will ihre Heimat zeigen. Als sie dort ankommen, sprudelt es aus ihr heraus, Hettche erinnert sich an ihre »leuchtenden Augen«. Sie erzählt von Haus, Dorfplatz, Schule, Brunnen und einem großen Walnussbaum. »Doch da war nichts«, schreibt Hettche. Nur Wald und Gestrüpp. Seine Mutter malte sich bei ihrer Rückkehr die alte Heimat aus. Trotzdem war nichts wie vorher. »Diese Erfahrung verbindet mich mit meiner Mutter«, sagt der Schriftsteller. Es gebe eine nicht reale Welt, die Einfluss auf uns habe. »Das Nichtfassbare ist das, dem Literatur eine Form geben soll. Diese Erfahrung war sicherlich eine Sensibilisierung für das Unsichtbare in der Welt.«

Herr Hettche, was ist Heimat für Sie? Heimat sei ein merkwürdiger Begriff, sagt er. Viele Literaten meinten, die Sprache sei ihre Heimat, und da möge etwas dran sein. Hinzu komme die Komponente des Ortes, von dem man herkomme, der Geruch, der Klang. »Es hat mit der Gegenwart nichts zu tun.« Der Philosoph Ernst Bloch hat sinngemäß gesagt, Heimat ist ein Blick in die Kindheit. »Deren Fehlen ist etwas Besonderes«, sagt Hettche. »So wie wir leben, machen wir die Erfahrung von Heimat zu selten.« Kays Al-Khanak

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