03. Juli 2014, 20:48 Uhr

Staufenberger Netzwerk für Toleranz verstärkt Arbeit

Staufenberg (khn). Die extremen Rechten, die vor allem zwischen 2012 und 2013 Teile des Landkreises Gießen unsicher gemacht haben, sind in der jüngsten Zeit kaum noch in Erscheinung getreten. Doch weg sind sie nicht.
03. Juli 2014, 20:48 Uhr
Den Schaukasten der SPD in Treis haben Unbekannte mit Aufklebern versehen. Angeblich stammen sie von der Jungen Union. Experten vermuten die rechte Szene hinter der Aktion. (Foto: bkf)

Zwei von ihnen wurden bei Aktionen im Odenwald, in der Rhein-Neckar-Region, in Thüringen oder in Westfalen gesichtet, zwei weitere in Wiesbaden und Wetzlar. Das Netzwerk für Demokratie und Toleranz will sich nicht nach dem Sankt-Florians-Prinzip auf die faule Haut legen, spricht von einer trügerischen Ruhe. Am Dienstagabend hat sich die Gruppe nun in der Stadthalle Staufenberg wieder getroffen und den Fahrplan für die kommenden Wochen beschlossen.

Neben der Vorstellung eines Leitbildes, das das Organisationsteam erarbeitet hat, ging es vor allem darum, die Arbeitsgruppen vorzustellen. Dort können sich die Mitglieder des Netzwerkes engagieren und ihre Ideen einbringen. Ein Team sichtet kulturelle Ereignissen und Veranstaltungen, ein anderes um das Thema Weiterbildung. Konkret geht es darum, Multiplikatoren auszubilden, die ihr Wissen über die extrem rechte Szene vertiefen und weitergeben.

Eberhard Lang vom Beratungsnetzwerk Hessen sagt, der Landkreis Gießen organisiere bald eine solche Fortbildung. Angeregt habe diese der Runde Tisch gegen rechts in Allendorf. Unter anderem sollen Jugendpfleger und Jugendwarte von Vereinen und der Feuerwehr sensibilisiert werden – genauso wie Mitarbeiter in Jugendhäusern. Denn hier, so war die Strategie der extremen Rechten vor allem in Ostdeutschland, sollten die Aktivisten »national befreite Zonen« schaffen, in denen Einwanderer und Andersdenkende unerwünscht sind. Ein Rabenauer Gemeindepädagoge erzählt beim Treffen, dass die Jugendhäuser in Teilen des Lumdatals vor mehreren Jahren regelrecht »besetzt« gewesen seien von Neonazis.

Die Gruppe »Geschichte und Politik« will vor allem das Leben im Nationalsozialismus in den jeweiligen Städten und Gemeinden ausarbeiten. Dort soll es aber nicht darum gehen, die Täter an den Pranger zu stellen, sondern zu fragen, wer die Opfer waren und ihnen so ein Gesicht zu geben. Eine Gruppe soll Exkursionen vorbereiten – beispielsweise nach Kirdorf, wo sich eine Initiative erfolgreich gegen Rechtsrockkonzerte gewehrt hat; eine weitere soll Aktionen zur spontanen Unterstützung auf die Beine stellen. Dass das alles nicht von heute auf morgen umgesetzt werden kann, betont Lang gegenüber den Teilnehmern des Treffens. Das Netzwerk und der Runde Tisch in Allendorf bräuchten Zeit, »um ins Rollen zu kommen«.

Zwei zentrale Themen kristallieren sich für das Netzwerk heraus: Jugendarbeit und Flüchtlinge. Gefeller sagt, gerade in den Jugendzentren sollte eingegriffen werden, zeigten sich bei einem Kind oder einem Jugendlichen extrem rechte Tendenzen. »Wir wollen ihnen vermitteln, für unsere Gesellschaft und Demokratie einzustehen.« Lang lobt die Entscheidung der Stadt, das örtliche Juz wieder an zwei Abenden in der Woche zu öffnen. Auch in den Vereinen sollte nicht weggehört werden bei rechten Parolen. »Man muss klar sagen, ich will den Witz hier nicht hören. So etwas rutscht nicht einfach nur heraus. Wer damit nicht aufhört, fliegt.«

Dass weitere Flüchtlinge in den Kommunen des Landkreises aufgenommen werden, sollte offensiv vermittelt werden, sind sich die Mitglieder des Netzwerkes einig. »Bevor es zu Unterschriftenlisten kommt, sollte in den Kommunen schon im Vorfeld eine Willkommenskultur aufgebaut werden«, rät Lang. Über gegenseitiges Kennenlernen könne Akzeptanz erzeugt werden. »Und diese Kultur ist es, die den Nazis den Boden unter den Füßen wegzieht«, betont er. Ein positives Beispiel sei hier die Arbeit der evangelischen Kirche um Pfarrer Andreas Lenz in Treis, die mit den im Stadtteil lebenden Flüchtlingen Begegnungen ermögliche. Wer seine Heimat verlasse, tue dies nicht freiwillig, betont Lang, sondern sei oft traumatisiert. »Und dann soll es hier wieder losgehen?«

Dass die extrem Rechten im Landkreis mitnichten verschwunden sind, zeigt ihre aktuelle Aktion. Im Vorfeld der Kirmes in Treis an diesem Wochenende stehen sie im Verdacht, weit über 50 Aufkleber auf Verkehrsschilder und Laternenmasten angebracht zu haben – und vor allem am Schaukasten der SPD an der Hauptstraße. Dabei verfolgen die Aktivisten eine neue Masche: Sie nutzen das Logo einer demokratischen Partei – oder einer der Jugendorganisationen. In Treis versuchen sie zu suggerieren, es handele sich bei der Parole auf dem Aufkleber um eine Aussage der Jungen Union. Die betont aber gegenüber der Polizei, nichts mit der Klebeaktion zu tun zu haben.

Staufenbergs Bürgermeister Gefeller sagt, sowohl die Stadt als auch der SPD-Ortsverein hätten Strafanzeige gegen Unbekannt wegen Sachbeschädigung gestellt. Die Aufkleber sollen von Bauhof-Mitarbeitern beseitigt werden; Gefeller nahm dafür am Mittwochnachmittag ebenfalls Spachtel und Schwamm in die Hand. »Das wird einen Aufwand von vielen Arbeitsstunden nach sich ziehen«, betont der Behördenchef. Am Ende müssten diesen Schaden die Staufenberger zahlen.

In diesem Zusammenhang rät Lang: »Wenn Sie solche Aufkleber sehen, fotografieren sie diese, notieren Sie sich Ort und Straße und senden es ans Netzwerk.« So könne eventuell zurückverfolgt werden, woher die Aktivisten kämen. Auch Christian Zuckermann von den Allendorfer Grünen erinnert daran, dass die ersten Aktionen der extremen Rechten in seiner Heimatstadt das Anbringen von Aufklebern gewesen seien. Der Kommunalpolitiker betont aber: »Sie werden in Treis keine Chance haben.«

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