13. Juli 2016, 10:23 Uhr

Flüchtlinge: Gekommen, um zu warten

Staufenberg (khn). Hussein wartet. Das macht er seit acht Monaten. Eigentlich würde der Syrer gerne sein neues Leben anfangen. Aber noch weiß er nicht, ob er in diesem Land überhaupt ein Leben haben darf. Wie viele andere Geflüchtete auch, wartet er auf ein Gespräch mit dem Bundesamt für Migration. Dort entscheidet sich, ob der junge Mann als Asylbewerber anerkannt wird.
13. Juli 2016, 10:23 Uhr
(Foto: Kays Al-Khanak)

Es ist einer der wenigen richtig schönen Tage in der Frühphase dieses Sommers. Ein Tag zum Genießen. Der dunkelhaarige junge Mann sitzt auf einer Bank im Grünen, die Sonne scheint ihm ins Gesicht. Dann lässt er den Blick schweifen. Sein Blick fällt wieder nach einem kurzen Moment des Innehaltens auf den Zettel; dann schreibt er weiter, englische Wörter und deren deutsche Übersetzung: »Langweilig – Boring«. Hussein heißt nicht wirklich so. Seine Identität spielt keine Rolle, denn seine Geschichte ist eine von vielen. In Staufenberg zum Beispiel leben 66 Geflüchtete in der Gemeinschaftsunterkunft, und 53 von ihnen warten noch immer auf ein Gespräch mit dem Bundesamt für Migration.

Auf dem Weg zur Entscheidung, ob und wie lange ein Geflüchteter Asyl in Deutschland erhält, ist das Interview mit der Bundesbehörde eine entscheidende Wegmarke. In diesem Gespräch schildert er seine Verfolgung und seine Gründe, nach Deutschland zu kommen. Werden diese von der Behörde akzeptiert, gibt es eine befristete Aufenthaltsgenehmigung. Das Problem: Die Ämter sind ob der Zahl der Antragssteller überlastet, die bürokratischen Mühlen mahlen langsam. Im Schnitt dauert ein Verfahren 5,3 Monate. Doch viele Asylbewerber müssen mehr als ein Jahr warten, bis ihr Antrag bearbeitet ist. Die Bundesregierung will den Prozess deutlich beschleunigen (siehe Kasten ).

Husseins Chancen für eine Aufenthaltsgenehmigung sind gut. Ob er vorerst ein, zwei oder drei Jahre in Deutschland bleiben darf, spielt für ihn aktuell aber keine Rolle. Er wäre schon glücklich, wenn er nach acht Monaten überhaupt zum Interview in die Rödgener Straße oder den Meisenbornweg eingeladen wird. »Diese Ungewissheit macht Angst«, sagt der junge Mann auf Deutsch. Ihn treibt die Sorge um, ob er überhaupt weiterlernen oder arbeiten darf.

Hussein ist über die sogenannte Balkanroute nach Deutschland gekommen. »Ich habe Glück gehabt«, sagt er zu der Reise, die in Syrien ihren Anfang genommen hatte. Der junge Mann sollte zum Militärdienst eingezogen werden. Nur war der Familie klar, dass dies für den ausgebildeten Elektroingenieur keine Option ist. Als Angehöriger einer ethnischen Minderheit im Land ist die Chance, aus einem solchen Konflikt heil herauszukommen, nicht besonders gut.

Handfester Streit

Zuerst lebte Hussein in der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen, dann in einer Notunterkunft im Landkreis und zuletzt in einer Gemeinschaftsunterkunft. Von Beginn an büffelt er Deutsch, obwohl er nicht weiß, ob er hier eine Zukunft hat. Aber nur zu warten – darauf hat der Syrer keine Lust. »Wir sind nicht dazu gemacht, herumzusitzen«, sagt er und steckt sich seine mittlerweile zweite Zigarette an. Eine Atempause. Er zieht daran, pustet den Rauch aus und setzt erneut an. »Syrien ist ein reiches Land. Ich bin nicht hierhin gekommen, um Geld fürs Nichtstun zu bekommen.«

Die Daubringerin Bärbel Mielke kümmert sich um Geflüchtete in der Gemeinschaftsunterkunft in Staufenberg. Sie erzählt vom ständigen Fragen der Bewohner, wann sie endlich zum Gespräch mit dem Bundesamt eingeladen werden. »Meine Antwort, dass ich es nicht weiß, macht sie nicht glücklicher.« Ein Dach über dem Kopf und ausreichend Essen reiche ihnen nicht. »Bei vielen spielt die Familie eine wichtige Rolle.« Da ist der Vater mit seinem kleinen Sohn, der auf das Interview wartet, während seine Ehefrau und das Neugeborene in Syrien ausharren müssen. Solange das Asylgesuch nicht bearbeitet ist, kann kein Familienmitglied nachgeholt werden. »Niemand weiß, wie es weitergeht, und das nagt an den Menschen.«

Diese Rastlosigkeit kombiniert mit Langeweile aufgrund der Warterei kann zu einem explosiven Gemisch werden. Hussein erzählt von Streitereien zwischen Bewohnern einer Unterkunft, die handfest endeten. Mal findet es einer unfair, dass ein Geflüchteter vor ihm angehört wird, obwohl dieser viel später ins Land gekommen ist. Die Frage, die viele immer wieder stellen: Warum ist der jetzt besser als ich? Dann heißt es, einige Antragsteller seien spontan beim Bundesamt aufgekreuzt und tatsächlich sofort zum Gespräch gebeten worden – während andere immer wieder weggeschickt werden.

Hussein hat aus der Not eine Tugend gemacht. Er lernt weiter Deutsch, und dank des neuen Asylgesetzes, das die Bundesregierung verabschiedet hat, schreibt er gerade Bewerbungen für Praktika. Außerdem hat sich der Syrer mit dem Asylverfahren auseinandergesetzt. Das nutzt er, um anderen zu helfen. Er begleitet Geflüchtete zum Arzt oder zu Behörden. Darauf angesprochen, warum er das macht, schaut er den Autoren verständnislos an. Er überlegt lange, zieht an seiner Zigarette und zuckt dann mit den Schultern. »Ich mache es gerne.«

Schlagworte in diesem Artikel

  • Asylbewerber
  • Aufenthaltserlaubnis
  • Migration
  • Staufenberg
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos