Reiskirchen

»Wir hatten einen sauberen Businessplan«

Reiskirchen (agl). Eine verzwickte Situation: Ein Unternehmen ist insolvent, vier Mitarbeiter möchten als Geschäftsführer eine neue Firma gründen, stellen drei weitere zu dieser Zeit Arbeitslose ein, ersparen dem Staat dadurch hohe Kosten - dann lehnt es die Agentur für Arbeit ab, allen vier Geschäftsführern mit einem Gründungszuschuss unter die Arme zu greifen. Betroffen ist die Romröder Transport GmbH (RTG) mit Sitz in Reiskirchen und Romrod.
17. Dezember 2009, 18:14 Uhr
Schwieriger Start in die Selbsständigkeit: (von links) Heinrich Latta, Jürgen Baier, Heinz Langstädtler und Gernold Kümmel (es f
Schwieriger Start in die Selbsständigkeit: (von links) Heinrich Latta, Jürgen Baier, Heinz Langstädtler und Gernold Kümmel (es fehlt: Siegfried Czech) hatten mit mehr finanzieller Unterstützung gerechnet. (Foto: agl)

Reiskirchen (agl). Eine verzwickte Situation: Ein Unternehmen ist insolvent, vier Mitarbeiter möchten als Geschäftsführer eine neue Firma gründen, stellen drei weitere zu dieser Zeit Arbeitslose ein, ersparen dem Staat dadurch hohe Kosten - dann lehnt es die Agentur für Arbeit ab, allen vier Geschäftsführern mit einem Gründungszuschuss unter die Arme zu greifen. Betroffen ist die Romröder Transport GmbH (RTG) mit Sitz in Reiskirchen und Romrod. Einer der Geschäftsführer, Jürgen Baier, hat laut Arbeitsagentur ein Anrecht auf den finanziellen Anschub. Heinrich Latta, Siegfried Czech und Heinz Langstädtler gehen leer aus, folglich muss das neue Unternehmen mit deutlich weniger Startkapital zurechtkommen.

Im AZ-Gespräch machten die vier ebenso wie Gernold Kümmel, einst Chef der mittlerweile insolventen Kümmel Transporte und auch in der neu gegründeten Firma tätig, ihrem Unmut Luft. Pressesprecher Johannes Paul von der Agentur für Arbeit: »Das Problem ist, dass es nur einen vertretungsberechtigten Gesellschafter in der Firma gibt. Die anderen drei sind zwar Gesellschafter in Form einer Einlage, aber ohne Mitspracherecht. « Die Krux liege folglich im Gesellschaftervertrag des Unternehmens, demzufolge einzig und allein Baier Entscheidungs- und Vertretungsberechtigter sei. Anstelle des Unternehmens würde er den Gesellschaftervertrag ändern, damit auch die anderen drei Geschäftsführer unter Umständen eine Chance hätten - weitere Prüfungen würden anstehen - den Gründungszuschuss zu erhalten, sagte Paul. Doch könne es sein, dass es zu spät sei, wenn der Gesellschaftervertrag erst nach Eintreten der Selbstständigkeit entsprechend geändert worden sei.

Der »Allgemeinen Zeitung« liegt eine Kopie des Protokolls zur Gesellschafterversammlung vor, in der es heißt, dass »alle neuen Geschäftsführer« - also Langstädtler, Latta und Czech - »einzelvertretungsberechtigt« seien. Die Änderung werde man der Arbeitsagentur noch vorlegen, hieß es von Unternehmensseite, die am Mittwoch mitteilte, dass diese Gesellschafterversammlung am Montag stattgefunden habe.

Wie auch Arbeitsagentur-Pressesprecher Paul sagte, liege dieses Schriftstück der Agentur noch nicht vor. Gegenüber der AZ sagte Kümmel, dass der Firma von verschiedener Seite dazu geraten worden sei, nur einen Geschäftsführer als Vertretungsberechtigten anzugeben.

Kümmel nannte in diesem Zusammenhang unter anderem die Industrie- und Handelskammer (IHK). Beate Hammerla, Pressesprecherin der IHK Gießen-Friedberg, verwies auf die Schweigepflicht bestimmte Beratungen betreffend und formulierte allgemein: »Grundsätzlich wird bei der IHK so beraten, dass verschiedene Möglichkeiten erläutert werden. Die Entscheidung für eine Möglichkeit fällt immer der Einzelne, der Kunde.«

Die bisherige, noch junge Firmengeschichte ist geprägt von einem schwierigen Start. Am 2. September dieses Jahres wurde die RTG gegründet. Die vier Geschäftsführer haben einen Existenzgründerlehrgang bei der IHK durchlaufen. Von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (kfw) habe man sich Geld erhofft, teils auch als Kredit, erklärt Kümmel. Doch diesen Zuschuss gebe es nur über eine Hausbank, aber: »Eine neue Firma hat noch keine Hausbank«, so Kümmel.

Lediglich eine Bank habe Dispo-Kredit und Bürgschaft zur Verfügung gestellt. Unterstützung sei vom Insolvenzverwalter und von einem Geschäftspartner, einem Spediteur, gekommen. Zudem haben die vier Geschäftsführer privat Geld in die Firma gesteckt.

Froh und dankbar auf der einen Seite - doch die Geschäftsführer zeigten sich am Montag im Pressegepräch auch enttäuscht und verständnislos gegenüber der Ablehnung vonseiten der Arbeitsagentur. »Wir hatten einen sauberen Businessplan«, hieß es in der Runde.

Und dann die Ersparnis für den Staat, indem vier Menschen, alle über 50, nicht das ihnen 15 Monate zustehende Arbeitslosengeld und danach möglicherweise Hartz IV beanspruchten, sondern dass sie versucht haben, auf eigenen Füßen zu stehen und sogar noch andere Menschen von der Arbeitslosigkeit in die Beschäftigung lotsten. Eine enorme Ersparnis für den Staat sei dies doch. Dann aber die Schwierigkeiten mit der Arbeitsagentur und den Banken.

Czech legt zwei Schriftstücke vor: Bei einem handelt es sich um ein Schreiben der Arbeitsagentur, in dem Czech die »Freiwillige Weiterversicherung in der Arbeitslosenversicherung« gewährt wird. Darin heißt es: »Sie gehören zum Personenkreis der selbstständig Tätigen (...).« Das andere Schreiben ist ein Widerspruchsbescheid, den die Behörde an Czech adressiert hat. Der hatte Widerspruch eingelegt gegen die Ablehnung der Zahlung eines Gründungszuschusses. »Der Widerspruch wird als unbegründet zurückgewiesen«, heißt es. Weiter ist zu lesen: »Jedoch ist in dem Änderungsvertrag der Gesellschafter Jürgen Baier als alleinvertretungsberechtigter Geschäftsführer benannt. Damit ist die Gewährung von GZ an den Widerspruchsführer (und die beiden weiteren Gesellschafter Heinz Langstädtler und Heinrich Latta) nicht möglich.« In dem Ablehnungsbescheid an Latta steht: »Sie sind an die Weisungen des Geschäftsführers gebunden und daher nicht selbstständig.« Schließlich musste Langstädtler lesen: »Sie bringen weniger als 50 Prozent in das erforderliche Stammkapital ein und haben laut Vertrag in der Gesellschaft keine Entscheidungsbefugnis.« Anders hingegen im Fall Baier: Er bekam einen Gründungszuschuss für die Zeit vom 2. September dieses Jahres bis zum 1. Juni 2010 gewährt.

Der Hintergrund: Langstädtler konnte sich erst am 1. Oktober für einen Tag arbeitslos melden. Im ersten Monat der Firma, im September, hatte Baier Langstädtlers 25 Prozent am Unternehmen übernommen, sodass er auf 50 Prozent kam, deshalb der Vorteil für Baier. Doch der nutzt ihm auch nichts, da es um die Firma geht, und für diese das Geld knapp gewesen ist.

Wie sieht die Lage des Unternehmens nun aus, da man mit wesentlich weniger Mitteln auskommen musste, als eingeplant? »Wir wurschteln uns durch«, sagt Kümmel. Und Czech korrigiert: »Wir kämpfen.« Der alte Auftraggeber stehe hinter der neuen Firma. Für ihn fährt RTG, den Rest der Fahrten sucht sich das Unternehmen mit Sitz in Romrod und Reiskirchen selbst. Touren gehen nach Würzburg, Köln, Alzenau, Hannover, Frankfurt und München. Insgesamt bietet die Firma acht Arbeitsplätze.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/kreisgiessen/reiskirchen/Reiskirchen-Wir-hatten-einen-sauberen-Businessplan;art103,39860

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