12. Januar 2010, 22:02 Uhr

Todesfahrer muss hinter Gitter

Gießen/Reiskirchen (ti). Sein Blick ist starr nach unten gerichtet. Nicht einmal sieht der 26-Jährige auf, nachdem er zwischen seinem Verteidiger und einer Dolmetscherin auf der Anklagebank im Saal 200 des Gießener Amtsgerichtes Platz genommen hat.
12. Januar 2010, 22:02 Uhr

Gießen/Reiskirchen (ti). Sein Blick ist starr nach unten gerichtet. Nicht einmal sieht der 26-Jährige auf, nachdem er zwischen seinem Verteidiger und einer Dolmetscherin auf der Anklagebank im Saal 200 des Gießener Amtsgerichtes Platz genommen hat. Er schaut nicht auf, wenn Gericht und Staatsanwaltschaft ihm Fragen stellen. Er wagt es nicht, den ihm gegenüber sitzenden Nebenklägern ins Gesicht zu sehen. Selbst dann nicht, als er sich bei ihnen entschuldigt. Er weiß um die schwere Schuld, die er auf sich geladen hat, und dass es für das Ehepaar auf der anderen Seite keine Wiedergutmachung geben kann. Denn dessen 18-jähriger Sohn ist tot. Überfahren von dem Mann auf der Anklagebank, der sich in der Nacht zum 13. September vergangenen Jahres mit mehr als zwei Promille Alkohol im Blut hinters Steuer gesetzt hatte, um - ungeachtet der wiederholten Bitte seiner Beifahrerin, doch umzukehren - in eine Diskothek nach Reiskirchen zu fahren. Dafür muss der bis dahin unbescholtene Bamberger nun ins Gefängnis. Ein Schöffengericht unter Vorsitz von Wolfgang Hendricks verurteilte ihn am Dienstag zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten und ordnete den Entzug des Führerscheins an. Die Sperrfrist beträgt zwei Jahre.

Am Tag vor der tödlichen Kollision hatte der Bamberger seine Familie in Gießen besucht und schon nachmittags begonnen, Alkohol zu trinken. Abends fuhr er mit Freunden in eine Diskothek nach Wetzlar, wo er ebenfalls zu Bier und Wodka griff. Später ging es wieder zurück in die Heimat. Doch der gebürtige Kasache wollte noch in ein Tanzlokal nach Reiskirchen und setzte sich ans Steuer, obwohl seine Freundin versuchte, ihn davon abzuhalten. »Ich hatte ein schlechtes Gefühl«, sagte die 32-Jährige.

Es war kurz vor halb drei, als die beiden von Gießen kommend in Reiskirchen einfuhren - laut Anklage mit 75 bis 90 Stundenkilometern auf dem Tacho, obwohl bereits mehrere hundert Meter zuvor nur noch Tempo 60 erlaubt ist. Wegen überhöhter Geschwindigkeit, Alkoholgenusses, Übermüdung - die Nacht zuvor hatte er nicht geschlafen - und eines Streits mit der Frau an seiner Seite nur eingeschränkt wahrnehmungsfähig, sah er den 18-Jährigen nicht, der auf der Fahrbahnmitte stand und laut Kfz-Gutachter Michael Röhler gerade dabei war, sehr langsam die Straße zu überqueren. Das Auto erfasste den Fußgänger vorne links. Der Hungener, der vorher mit Freunden in jener Disco gewesen war, in die auch der Bamberger gewollt hatte, wurde über Motorhaube und Windschutzscheibe geschleudert, vom Wagen abgewiesen, blieb dann nach einem Kontakt mit der Fahrbahn im Graben liegen. Seine Verletzungen - mehrere Brüche im Oberschenkel-, Hüft- und Schädelbereich sowie eine abgerissene Hauptschlagader - wogen so schwer, dass er noch an der Unfallstelle verstarb. Todesursache: ein Polytrauma aufgrund massiver stumpfer Gewalteinwirkung, wie der Sachverständige Prof. Dr. Marcel Verhoff ausführte. »Selbst wenn er innerhalb einer Viertelstunde auf dem OP-Tisch gewesen wäre, hätte das wahrscheinlich nicht gereicht«, so die Einschätzung des Rechtsmediziners.

Bei sorgfältiger Fahrweise jedoch wäre der Zusammenstoß vermeidbar gewesen, saget der Kfz-Sachverständige. Röhler führte vor allem überhöhte Geschwindigkeit und mangelnde Aufmerksamkeit als Gründe für den Unfall an. Verhoff sprach vom »Tunnelblick« und der »Enthemmung« aufgrund Alkoholgenusses.

Tatsächlich hatte der 26-Jährige den Fußgänger nicht gesehen. »Wir fuhren, die Straße war leer, es gab einen Aufprall, die Scheibe war kaputt«, erinnerte sich der Kraftfahrer, der beruflich täglich 400 Kilometer zurücklegt. Seine Freundin hatte immerhin noch Beine wahrgenommen, konnte aber nicht sagen, ob diese von Mensch oder Tier stammten.

Ein Jahr und zehn Monate forderte Staatsanwalt Alexander Hahn für diese Fahrlässigkeit, denn »wir können es nicht zulassen, dass unsere Mitbürger mit zwei Promille über die Straße fahren und andere gefährden.« So sah es auch das Gericht. Hendricks sprach von Alkohol und Übermüdung als »Todsünden des Kraftfahrers«. Das Verhalten des Angeklagten sei unverantwortlich gewesen. »Bei normaler Sorgfalt hätten Sie den Fußgänger erkennen und mit einer Vollbremsung dass Auto vor ihm zum Stehen bringen müssen.« Mit Blick auf die Familie sagte der Richter: »Wir können mit unserem Urteil die Tragik und das Leid nicht aus der Welt schaffen, nur versuchen, eine Entscheidung zu treffen, die Täter, Opfer und Angehörigen gerecht wird.«



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