08. August 2008, 17:22 Uhr

Für ihre »Eliza« ziehen alle an einem Strang

Reiskirchen (gl). »Als Produktionschef komme ich mir vor wie der Captain auf dem Star-Trek-Schiff. Alle wissen worum es geht und es funktioniert«. Andreas Czerney ist voll des Lobes für seine Sänger, mit denen er das Musical »My Fair Lady« einstudiert.
08. August 2008, 17:22 Uhr
Dieser »Portikus« ist der ganze Stolz der engagierten Kulissenbauer.

Reiskirchen (gl). »Als Produktionschef komme ich mir vor wie der Captain auf dem Star-Trek-Schiff. Alle wissen worum es geht und es funktioniert«. Andreas Czerney ist voll des Lobes für seine Sänger, mit denen er das Musical »My Fair Lady« einstudiert. Sie sind nicht nur bei den Proben mit Feuereifer bei der Sache, sondern wissen auch, worauf es hinter den Kulissen einer Theaterproduktion ankommt. Neben Kulissenbau, Kostümauswahl und Requisite gibt es eben jede Menge Organisatorisches, das zu erledigen ist. Und da packt jeder gleich mit an - ohne lange zu fragen.

So wie an diesem Probenabend im von der Schwüle des Tages aufgeheizten Bürgerhaus Reiskirchen, als die Hiobsbotschaft von der plötzlichen Erkrankung der Hauptdarstellerin Therese Glaubitz schnell die Runde macht. Die »Eliza« wird sie beim Auftritt am Samstag (9. August) auf dem Schiffenberg nicht singen können. »Da müssen wir dann improvisieren«, meint Czerney, was angesichts der vorgesehenen Auswahl an Melodien aus dem berühmten Musical, zu schultern sein wird. Dieter Lanze, der im Stück den Professor Higgins gibt, kümmert sich um Therese im Krankenhaus, ein anderer Sänger holt Darsteller Alwin Wildenburg, der den Oberst Pickering singen wird, vom Bahnhof ab und Silke Pribbernow übernimmt spontan das Einsingen des Chores. Das ist echte Teamarbeit.

Der Gesangverein »Einigkeit-Harmonie« hat sich an die Aufgabe gewagt, das berühmte Musical von Frederick Loewe und Alan Jay Lerner nach Bernhard Shaws »Pygmalion«-Vorlage mit Laiendarstellern auf die Bühne zu bringen. Das ist nicht nur aufführungstechnisch ein anspruchsvolles Unterfangen, sondern auch finanziell. Schließlich sind die Aufführungsrechte ausgesprochen teuer. Doch mit Spendensammlungen und der Zuversicht, dass die drei vorgesehenen Aufführungen im September in Reiskirchen und Wetzlar (siehe Kasten auf dieser Seite) gut besucht sein werden und die Kosten somit erwirtschaftet werden können, hat der Verein das ehrgeizige Projekt gestartet. »Die projektbezogene Arbeit ist für den Verein auch eine Chance«, berichtet Silke Pribbernow, die bei »My Fair Lady« nicht nur als »Mädchen für alles« im Einsatz ist, sondern im Gesangverein auch den Kinderchor leitet. »Für ein solches Projekt ist es leichter, aktive Sänger zu gewinnen«, weiß sie aus Erfahrung. Und wenn das aufzuführende Stück dann auch noch so attraktiv ist wie »My Fair Lady«, dann ist es auch möglich, rund 120 Mitwirkende zusammenzubekommen. Neben den Mitgliedern des zur »Einigkeit-Harmonie« gehörenden Chores »vocomotion 2000« und gut 30 Musikern des Jugendsinfonieorchesters Wetzlar sind dies als Solisten Schüler der Gesangsklasse von Andreas Czerney. Als Musiklehrer an der Gießener Liebigschule konnte der 41-jährige international gefragte Oratorien- und Liedsänger auch dort Engagement für das Reiskirchener Projekt wecken. Kunstklassen bemalen die Kulissenteile, ein Deutschkurs steuert Beiträge zum Programmheft bei und die Kunstabteilung kümmert sich um Requisiten. Und auch die in Reiskirchen ansässige Tanzschule Theuerl unterstützt das Projekt, in dem schließlich nicht nur gesungen sondern auch getanzt werden wird.

Und genau das stellt die »vocomotion«-Sänger vor neue Herausforderungen. »Für den Chor ist das szenische Spiel etwas Neues«, schildert Ingrid Runzheimer ihren Eindruck, um wenige Augenblicke später auf der Bühne des Bürgerhauses als Teil einer illustren Gesellschaft ausgelassen lachend und tanzend echtes Schauspieltalent erkennen zu lassen.

Andreas Czerney, der als Gesamtleiter von Anne Abel als Regieassistentin unterstützt wird, versteht es, seine Akteure zu motivieren. Es mache ihm ungeheuren Spaß, sich in die Rolle des Higgings einzuarbeiten, berichtet Dieter Lanze, der bei Czerney seit einigen Jahren Gesangsunterricht nimmt. Die Geschichte hinter der Geschichte um den Sprachprofessor Henry Higgins, der dem Blumenmädchen Eliza Manieren und korrekte Aussprache beibringt, sei ein »hochspannendes Ding«. Gemeinsam mit seinem Gesangslehrer Andreas Czerney, der schon rein optisch mit Wrestling-T-Shirt und tätowierten Bodybuilder-Oberarmen das Bild eines eher unkonventionellen Opernsängers vermittelt, hat der frühere Vertriebs-Mitarbeiter die Figur Higgins für sich entdeckt. »Wir haben mit der letzten Szene angefangen, weil Higgins da seine Gefühle erkennt«, berichtet Lanze. Für ihn ist es die erste große Rolle - und er freut sich darauf, auf der Bühne zu stehen.

Warum ausgerechnet »My Fair Lady«? Auf diese Frage hat Andreas Czerney eine einleuchtende Antwort: »Weil meine Gesangsklasse genau auf die Besetzung passt«. Seit 2005 ist der gebürtige Gießener Dirigent des Gesangvereins »Einigkeit-Harmonie« Reiskirchen. Seit dieser Zeit hat er mit den Reiskirchenern schon diverse größere Projekte gemeistert. Noch bestens in Erinnerung sind die Aufführungen von »Kirche in der Oper«, bei der Sänger aus Reiskirchen und Hattenrod in einer »Mammut-Inszenierung« in Watzenborn-Steinberg die verschiedenen Darstellungen der Kirche in romantischen Opern beleuchteten. Es folgten eine Gospelmesse und ein spanischer Abend - und nun ist »My Fair Lady« dran.

»Das ist ein Projekt, das mir am Herzen liegt«, erzählt Czerney, der seit Monaten seine ohnehin knapp bemessene gesamte Freizeit dafür investiert. Neben den Proben mit Chor und Solisten, die seit Ende des vergangenen Jahres laufen, kümmert sich Czerney sogar eigenhändig um den Kulissenbau - unter anderem unterstützt von Christian Kühle. »Besonders stolz sind wir auf unseren Portikus«, sagt Czerney mit einem Schmunzeln und schildert, wie aus ein paar Spanplatten und Pappaufbauten ein prächtiger Hauseingang entstanden ist.

Bis Mai haben die insgesamt 120 Beteiligten einmal pro Woche geprobt, in den letzten Wochen wurde die Schlagzahl auf zweimal wöchentlich erhöht und im August werden die einzelnen Elemente Chor, Orchester und Solisten zusammengeführt. Bei einem Probenwochenende Ende August am Edersee steht dann der Feinschliff an. (Fotos: gl/pm)

»My Fair Lady« in Reiskirchen und heute auf dem Schiffenberg

Insgesamt drei Mal wird »My Fair Lady« als komplettes Musical auf der Bühne zu erleben sein. Aufführungen stehen am Samstag, 6. September, um 19.30 Uhr und am Sonntag, 7. September, ab 18 Uhr im Bürgerhaus Reiskirchen an. Auch in der Wetzlarer Stadthalle werden die Reiskirchener ihre »My Fair Lady« vorführen: am Sonntag, 14. September, um 19.30 Uhr. Wer eine Kostprobe der beliebten Melodien erleben möchte, der hat dazu am heutigen Samstag, 9. August, ab 20 Uhr auf dem Schiffenberg Gelegenheit. Andreas Czerney und seine Sängerinnen und Sänger werden auf Gießens Hausberg die beliebten Evergreens aus dem Musical singen.

Karten für die Aufführungen in Reiskirchen gibt es in der Reiskirchener Blumenscheune, der örtlichen Shell-Tankstelle, im Musikhaus Schönau in Gießen sowie bei den aktiven Sängern. Die Karten kosten im Vorverkauf 15, an der Abendkasse 18 Euro. Ermäßigungen (10/12 Euro) gibt es für Schüler und Studenten. (gl)



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