18. Oktober 2012, 09:13 Uhr

Drei Russlanddeutsche erinnerten sich im Erzählcafé

Rabenau (vh). Erinnerung ist eine schwere Bürde: Das betrifft vor allem Heimatvertriebene, Kriegsgefangene und ähnlich Betroffene gleichermaßen. Was geschieht, wenn die Neugierde der Mitmenschen obsiegt?
18. Oktober 2012, 09:13 Uhr
Moderator Gerd Schönhals (rechts) und Jakob Fischer (links) interessierten sich für die Lebensgeschichte von Rosa Tugova, Elisabeth Stolinski und Lydia Seipp (von links). (Foto: vh)

Dann lädt der Verein für Heimat- und Kulturgeschichte der Rabenau beispielsweise zum Erzählcafé mit Zeitzeugen ein. Diesmal kamen die Gäste ursprünglich aus Russland. So geschehen am Sonntagnachmittag im Bürgersaal Londorf. Wobei Erzählen für diesen Fall eine möglicherweise verharmlosende Umschreibung wäre. Denn Erzählen, Zuhören und zur Tagesordnung übergehen – diesen scheinbar normalen Ablauf eines Rabenauer Erzählcafés begriffen die knapp 80 Gäste diesmal anders. Zum Abschluss der Wanderausstellung »Volk auf dem Weg. Geschichte und Gegenwart der Deutschen aus Russland« (wir berichteten ) hatten der Vereinsvorsitzende Gerd Schönhals und Jakob Fischer, Referent für die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland (Stuttgart), auf die Schnelle organisiert.

Aus ihren Erinnerungen gaben Elisabeth Stolinski (Lollar) und Lydia Seipp (Londorf) einiges preis. Hinzu gesellte sich aus der Situation heraus Rosa Tugova, die Vorsitzende des Orts- und Kreisverbands der Deutschen aus Russland in Gießen. Tugova darf allerdings, so hatte es ein deutscher Staatsmann einst formuliert, die »Gnade der späten Geburt« für sich in Anspruch nehmen.

Zunächst wurde im Bürgersaal jedoch nicht erzählt, sondern ausgiebig gesungen. Beteiligt waren der deutsch-russische Singkreis »Silberklang« aus Lollar unter Tamara Schulz und der evangelische Kirchenchor Londorf unter Leitung von Arndt Roswag. Dann berichteten Stolinski und Seipp, beide sind Russlanddeutsche aus der Schwarzmeerregion und Leidtragende des deutschen Russlandfeldzugs. Stolinski berichtete von Zwangsarbeit, die Mädchen und Frauen nicht ausschloss. Im zarten Teenager-Alter erlebte sie Hunger, schlimmer noch, verhungernde Menschen (dabei auch ihre Mutter) und erinnerte an das Schlimmste, nämlich den Sterbenden nicht helfen zu können. Mittlerweile ist die Seniorin 86 Jahre alt, hat zwei eigene Kinder und zwei Enkelkinder und kann relativ gefasst die nüchternste Bilanz ziehen, die möglich ist. »Es war doch Krieg. Was konnten wir denn machen?«

Seipp blickte beim Erzählcafé auf ihre Familiengeschichte zurück. Ihr Großvater hatte noch im Ersten Weltkrieg mit den russischen Soldaten gegen Deutschland gekämpft, jedoch schnell die Seiten gewechselt. 1930 wurde die Familie enteignet und nach Sibirien verbannt. Seipps Mutter und eine jüngere Schwester flüchteten. Sie wurde 1937 geboren, hat ihren Vater nie kennengelernt. Er wurde nach ihrer Geburt vom Geheimdienst nachts aus der Wohnung geholt und tauchte nie mehr auf.

Tugova ist ein im Ural geborenes Nachkriegskind ohne eigene Erfahrung mit Deportation. Der Vater sei zur Todesstrafe verurteilt worden, musste letztendlich für zehn Jahre ins Zwangslager. In einem deutschen Dorf ist Tugova inmitten deutscher Sprache und Traditionen aufgewachsen. Man habe Wurst gemacht und Kuchen gebacken. Leider habe sie keine Rezepte davon aufgehoben. Russisch hat sie in der Schule gelernt, später studiert. Im Gespräch mit Moderator Schönhals traten am Ende zwei Erkenntnisse hervor. Die elende Ungewissheit der Russlanddeutschen, wie es denn weitergeht und das Wunder eines jeden Überlebenden der Kriegsereignisse. Ein Nachmittag, der einem in den Kleidern hängen blieb.

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