12. Januar 2015, 22:33 Uhr

SPD verleiht Prof. Dr. Franz Neumann die Willy-Brandt-Medaille

Gießen (no/rge). Der Körper mag nicht mehr so wollen, wie man sich das wünschen darf, aber der Geist ist nach wie vor hellwach und die Augen funkeln bei Prof. Dr. Franz Neumann, der hierzulande als Politikwissenschaftler von Rang ebenso bekannt ist wie als langjähriger Vorsitzender des Kreistages.
12. Januar 2015, 22:33 Uhr
Beim Neujahrsempfang der SPD in Buseck überreichte Parteivorsitzender Matthias Körner Prof. Franz Neumann die Willy-Brandt-Medaille, die höchste Auszeichnung der Sozialdemokraten.

Am Montag, 12. Januar, feierte der Sozialdemokrat in Hausen im Kreis von Familie, Freunden und Weggefährten seinen 80. Geburtstag, am Abend verlieh ihm seine Partei die höchste Auszeichnung, die sie an Mitglieder zu vergeben hat, die Willy-Brandt-Medaille. Rund 350 Gäste des SPD-Neujahrsempfangs klatschen stehend Beifall und erlebten dann einen Franz Neumann von der Art, die ihm über Parteigrenzen hinweg Respekt und Anerkennung einbrachten.

»Macht’s gut – für die Demokratie!«

Wie man es von ihm gewohnt ist, begründete er seine Geisteshaltung und Menschenfreundlichkeit zunächst mit seinem Elternhaus, mit dem väterlichen Vorbild eines eher konservativen Industriearbeiters und empathischen Christen. »Ich musste meinen Weg in die Sozialdemokratie selbst finden.« Gegangen sei er ihn, weil er »die Vorstellung unserer Partei« für die beste halte, um das Zusammenleben der Menschen zu gestalten. Seine Schlusssätze waren mit Bedacht gewählt. Zunächst ermunterte er die seinen: »Macht’s gut, in der Sozialdemokratie!« Dann bezog er die weiteren Gäste ein, darunter Repräsentanten der politischen Mitbewerber auf Kreisebene: »Macht’s gut – für unsere Demokratie!«

Zu den ersten Gratulanten am Vorsmittag zählten – über Ehefrau Erika, die zwei Kinder und die vier Enkel hinaus – Kreistagsvorsitzender Karl-Heinz Funck und Thomas Euler als Büroleiter der Kreisorgane sowie Ex-Landrat Willi Marx, der auf der Trompete ein Ständchen zum Ehrentag spielte. Auch Nachbarn und Vereinsvertreter gratulierten. Am Abend in Buseck hielt SPD-Unterbezirksvorsitzender Matthias Körner die Lobrede, sprach von einer großartigen Leistung, weil Neumann politische Lager und Menschen unterschiedlicher Meinungen zusammengeführt habe. Davon war, ein Blick auf die Worte zum 70. Geburtstag belegt’s, auch früher schon die Rede: »Der Staatsphilosoph und Menschenfreund war noch einmal gefordert, als er (2001 – d. Red.) damit begann, das Mit- und Gegeneinander von 81 höchst unterschiedlichen ›Strategen» abzuwickeln und zu lenken.«

Der Lebensweg des im Sudetenland gebürtigen Achtzigjährigen ist in dieser Zeitung mehrfach gewürdigt worden, darunter die Zeit als Politikwissenschafter und Soziologe an den Universitäten in Marburg und Gießen sowie als Präsident der Gesamthochschule Kassel von 1981 bis 1989.

An dieser Stelle legen wir die zum 70. Geburtstag veröffentlichte Würdigung neu auf, die in ihrem Kern nichts an Bedeutung und – wenn man so will – Aktualität verloren hat.

Sein 70. Lebensjahr vollendet am heutigen Mittwoch in Hausen am Schiffenberg der emeritierte Politikwissenschaftler, langjährige Präsident der Gesamthochschule Kassel und amtierende Vorsitzende des Kreistages Gießen, Prof. Dr. Franz Neumann (SPD). Der »Bub« aus Großborowitz im Sudetenland, getauft auf den Namen Franz Xaver, kam nach der Vertreibung 1946 nach Biskirchen und Leun bei Wetzlar. Seit 1963 verheiratet mit Erika geb. Thürmer, ist Neumann Vater zweier Kinder und stolzer Opa zweier Enkel. (…)

Am »Philippinum« in Weilburg bestand das »Flüchtlingskind« 1957 das Abitur. Die Studien in Chemie und Mathematik sowie später Politikwissenschaft und Soziologie verschlugen ihn nach Marburg an die Philipps-Universität. Ausdrücklich heißt es in Neumanns Vita, er sei – wie übrigens auch Jürgen Habermas – Schüler von Prof. Wolfgang Abendroth gewesen. (Der 1985 verstorbene Politologe stand unter anderem für die Analyse der Politisierung der Geisteswissenschaften im Nationalsozialismus, gehörte zu den »Ziehvätern« der studentischen Rebellion der 1960er Jahre und galt, laut Habermas, als »Partisanenprofessor im Lande der Mitläufer«.)

Die Marburger Jahre waren sicher mit lebensprägend für Neumann, der nach Examen 1963 und Promotion 1966 wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Universitäten Marburg und Gießen war. 1972 folgte die Professur für Politikwissenschaften. Fast die gesamten 80er Jahre wirkte Neumann an exponierter Stelle: Er war von 1981 bis 1989 Präsident der Gesamthochschule Kassel. Weitere 14 Jahre blieb er der nordhessischen Hochschule als Honorarprofessor erhalten, wie wohl er auch in Gießen von 1981 bis 2004 eine Gastprofessur wahrnahm. Er unterrichtete zudem während der 90er Jahre an den Universitäten in Jena und in Tampere/Finnland.

Und (partei-)politisch? Seit 1968 zählt Neumann zur SPD. Er war Mitbegründer der Gruppe »Demokratische Universität«. Von 1977 bis 1981 machte er sich im Ortsbeirat seines Wohnortes Hausen nützlich. Und seit 1998 ist er Mitglied des Kreistages Gießen, dem er – in der Nachfolge von Alfred Funk aus Laubach – seit dem 7. Mai 2001 vorsteht.

»Nur« Professor war der immer zugängliche und stets zum Zuhören bereite Geisteswissenschaftler aber keineswegs: »Jahre meines Lebens« kostete ihn beispielsweise das von ihm mit herausgegebene »Lexikon der Politik« (Reihe Gesellschaft und Staat/Verlag Vahlen), das 2003 in der zehnten Auflage erschien und etwa 275 000-mal über den Ladentisch ging. Vergangenes Jahr hielt Neumann in Gießen seine Abschiedsvorlesung, in der er sich – wie so oft – mit Fragen der politischen Ethik sowie der Würde und dem Leben des Menschen beschäftigte.

*

Zwischen den Zeilen mag man es herausgelesen haben: Franz Neumann ist zwar ein politischer Mensch, aber keiner, der sich gern in breiter Öffentlichkeit mit dem alltäglichen Geschäft brüstet. Das machte anfänglich die Arbeit als Parlamentsvorsitzender im Kreis nicht leicht: Neumann, der Staatsphilosoph und Menschenfreund, war noch einmal gefordert, als er damit begann, das Mit- und Gegeneinander von 81 höchst unterschiedlichen »Strategen« abzuwickeln und zu lenken. Er brauchte seine Zeit, bis er eine eigene Form der Sitzungsleitung gefunden und durchgesetzt hatte. Die wird mittlerweile auch von jenen akzeptiert, die ehedem Alfred Funks »klare Ansprache« bevorzugt hatten...

Neumann ist – nur wenige Fälle liessen sich dagegen ins Feld führen – kaum aus der Ruhe zu bringen. Er will, so sagen Wegbegleiter, niemanden über den Tisch ziehen, sucht keinen kurzfristigen Erfolg, keine Schlagzeilen, ist eher ein Mann der leisen Worte. Er will Annäherung bewirken, ist klug – aber, auch mit 70, nicht altklug. Für die politische Kultur im Kreis war und ist Franz Neumann ein Gewinn. Vieleicht deshalb, weil er selbst bereit ist, seine Träume auszubreiten, seine Empfindungen. Mit welchem seiner Zitate, wie sie im Archiv dieser Zeitung nachzulesen sind, charkterisierte man ihn zu seinem Geburtstag wohl am besten? Vielleicht diesem, da eben unpolitisch, aber treffend und weise, geäußert 2001 beim 70. Geburtstag von Helga Meyer-Jaeger in Wettenberg: »Das Leben ist unvorhersehbar – und gerade deshalb ist es so schön!« Ad multos annos, Herr Professor! No. Schmidt

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