30. Juli 2012, 16:43 Uhr

Riesenprogramm zu Fliegerjubiläen in Pohlheim

Pohlheim (agl). Neun Stunden und 40 Minuten war er am vergangenen Sonntag in der Luft, ohne ein einziges Mal zu landen. Beim Segelflug sei mittlerweile einfach wesentlich mehr möglich, als noch vor Jahrzehnten – »Wahnsinn«.
30. Juli 2012, 16:43 Uhr
Blick aus dem Cockpit beim Landeanflug über Watzenborn-Steinberg – aufgenommen von Frank Bender, dem Vorsitzenden der Segelfliegergruppe Steinkopf, am vergangenen Sonntag bei seinem über neunstündigen Flug.

Frank Bender, Vorsitzender der am Ortsrand von Watzenborn-Steinberg beheimateten Segelfliegergruppe Steinkopf, erzählt von seinem Flug, bei dem er am Sonntag bis Luxemburg und Paderborn, über Kassel und über dem Nürburgring schwebte, dass er sich kurz vor dem Landeanflug einen Looping nicht verkneifen konnte. Spektakuläre Filmaufnahmen hat er gemacht, die Wolken ziehen vorbei, Pohlheim breitet sich tief unter den Flügeln aus. Spektakulär wird auch das Programm, das die Segelflieger bei den Pohlheimer Flugtagen am 4. und 5. August anlässlich ihres 50-jährigen Jubiläums auf ihrem Gelände bieten: Flugshows, Gelegenheiten zum Mitfliegen, Ballonglühen, Ausstellung, Live-Musik und vieles mehr. Die Segelflieger feiern nicht alleine, denn die Gleitschirm- und Drachenflieger sind seit 25 Jahren auf dem gleichen Flugplatz aktiv.

Früher habe man mit einem Segelflugzeug aus 1000 Metern rund 15 bis 20 Kilometer weit gleiten können, heute seien es 50 bis 60 Kilometer, erklärt Bender. Damals zog ein Auto über eine Winde mit Benzinmotor das Flugzeug in die Luft, heute funktioniert es bei den Pohlheimern mit Solarenergie: Auf dem Dach der Halle befindet sich eine Solaranlage, mit der Batterien aufgeladen werden. Mit diesen wird ein Elektromotor betrieben, der wiederum die Flieger nach oben befördert.

Zum Kaffeetrinken nach Eisenach

Die Technik ist mehrere Schritte weiter, die Faszination dürfte die gleiche sein. Damals wie heute steuern bereits 14-Jährige die Flieger. Werner Punzert war in diesem Alter, als der Verein ins Leben gerufen wurde. Heute ist er das einzige der Gründungsmitglieder, das noch selbst fliegt. »Es war eine tolle, abenteuerliche Zeit«, blickt der Watzenborn-Steinberger zurück. Damals wurde das komplette Wochenende der Fliegerei gewidmet, er selbst sei der erste im Ort gewesen, der alleine flog. Damals stand die Halle nahe des Asterwegs, ein abgerüstetes Flugzeug und die Winde passten rein, zudem gab es einen Schulungsraum. 1964 folgte der Umzug an den Pohlheimer Wald, zehn Jahre später schafften die Mitglieder, unterstützt unter anderem von Firmen, den Kraftakt und errichteten auf der Viehheide, dem aktuellen Standort, eine große Halle. 1983 kam ein Anbau hinzu.

Auch das Spektrum der Flugzeuge wurde erweitert, motorbetriebene Exemplare etwa wurden angeschafft. Heute findet sich ziemlich viel – vom Ultraleichtflugzeug über den Doppeldecker »Kiebitz« bis zu Trike, Flyke und »Sunny Sport«. »Wir haben noch relativ viele Oldtimer bei uns«, sagt Frank Bender.

Dem Verein, an dessen Spitze er steht, gehören 42 Aktive, 20 Schnupperer, 23 Passive und etwa 50 fördernde Mitglieder an. Werner Punzert hat nach wie vor großen Spaß an seinem Hobby, und mal eben nach Eisenach fliegen und dort einen Kaffee trinken, sei ja auch was Feines. Fliegen könne man nicht halbherzig machen, großer Einsatz sei gefragt. Den scheuen auch junge Menschen nicht: »Wir haben viele Jugendliche, die mit besonderer Begeisterung dabei sind.« Zu dieser Gruppe zählt Ludmila Franz nicht mehr. Die 61-jährige Gießenerin hat sich mit dem Fliegen einen Traum erfüllt. Im vergangenen Jahr lief sie bei der Limeswanderung mit und erfuhr dabei vom Angebot des Pohlheimer Segelflugvereins. Mittlerweile ist sie gestartet und überlegt noch, ob sie den Flugschein macht oder nicht. »Es war immer mein Traum, mit einem Segelflugzeug zu fliegen, ich hatte aber keine Möglichkeit«, sagt die Frau, die aus St. Petersburg stammt und in der Fotogruppe Hausen aktiv ist.

Globaler Informationsaustausch

Bekanntlich ist das Fliegen nicht nur Faszination, sondern es kann auch tragische Momente mit sich bringen. Das mussten auch die Pohlheimer erleben: Im Jahre 1984 kippte ein Segelflugzeug des Typs Club-Libelle in etwa 30 bis 50 Metern Höhe während des Windenstarts über die rechte Tragfläche ab und schlug in Rückenlage neben dem Flugplatz auf. Für den Piloten, das langjährige Vereinsmitglied Klaus-Dieter Treichler, kam jede Hilfe zu spät. Das Fliegen an sich, das Schweben neben den Wolken, der Blick auf die Erde muss aber auch etwas Verbindendes haben. Am Pohlheimer Doppeljubiläum sieht man es, und ein Blick auf www.onlinecontest.org verdeutlicht, dass sich die Szene untereinander global reichlich mit Informationen versorgt. Im Prinzip trage dort jeder Flieger seine Daten zum jeweiligen Flug ein, erläutert Bender. So lässt sich beispielsweise auch sein Flug vom Sonntag graphisch und tabellarisch nachvollziehen. Geschwindigkeiten, Zeiten und anderes mehr sind per Mausklick zu erfahren – und das von Flügen weltweit.

Bleibt die Frage, wie sich der bisher weitgehend verregnete Sommer auf die Pohlheimer Piloten ausgewirkt hat. Mehr als 1000 Starts wurden bereits verzeichnet, im gesamten vergangenen Jahr seien es 1998 gewesen, sagt der Vorsitzende. Bis Ende 2012 werde man wahrscheinlich die 2000er-Marke überschreiten. Bei den Drachen- und Gleitschirmfliegern seien es pro Jahr 200 bis 300 Flüge, schließlich sind sie wesentlich mehr vom Wetter abhängig. Bender gehört auch diesem Verein an. Rund 40 Mitglieder sind dort verzeichnet, im Schnitt 40 bis 50 Jahre alt. Gemeinsam nutzen die beiden Vereine den Platz bei Watzenborn-Steinberg. »Das klappt schon seit 25 Jahren wunderbar«, sagt Benno Faulhaber, Vorsitzender der Drachen- und Gleitschirmflieger.

Genau genommen besteht der Verein bereits seit 28 Jahren, anfangs hieß er Taunus-Drachenflieger, damals noch in Weilmünster beheimatet. Der damalige Vorsitzende Bruno Peter aus Fernwald hatte den Kontakt zu den Segelfliegern hergestellt, und deren damaligem Vorsitzenden Reinhold Happel war es zu verdanken, dass die beiden Vereine fortan den gleichen Flugplatz nutzten.

Per Windenschlepp werden Drachen und Gleitschirme in die Luft befördert. »Wir können genauso fliegen wie von Bergen aus«, sagt Faulhaber. Konkret bedeutet das 100 bis 200 Kilometer weit und über 2000 Meter hoch. Eine weitere Möglichkeit ist, dass ein Schlepp-Trike die Sportler nach oben bringt, und auf 1000 Metern klinkt man sich aus. Die lange Zeit, in der die Segelflieger sowie Drachen- und Gleitschirmflieger bereits einen Platz gemeinsam nutzen, sei in Deutschland Spitze, sagt Faulhaber. Zunächst gab es in dem nun 28-jährigen Verein ausschließlich Drachenflieger, der Gleitschirmflug kam erst Ende der 80er Jahre hinzu. Heutzutage sei das Drachenfliegen aber im Aussterben begriffen, wegen Auf- und Abbau sei auch mehr Aufwand als beim Gleitschirmfliegen notwendig.

Zwei Tage großes Spektakel

Pohlheim (agl). Die Segelflieger sowie die Drachen- und Gleitschirmflieger haben sich für die Pohlheimer Flugtage am 4. und 5. August einiges einfallen lassen. Den Besuchern werden Motor- und Segelflugkunst, Flugzeugschlepp, Fallschirmspringer, Gelegenheiten zum Mitfliegen im Segel-, im Ultraleichtflugzeug, im Trike oder im Gyrocopter oder eine Fahrt mit dem Heißluftballon geboten.

Am Samstag, 4. August, geben »Man on the Line & The Steam Machine« um 20 Uhr ein Konzert (Karten im Vorverkauf für 4 Euro samstags und sonntags von 10 bis 20 Uhr am Flugplatz oder per E-Mail an motl@sgs-pohlheim.de bzw. unter Tel. 0 64 03/6 36 06, oder an der Abendkasse für 5 Euro). Um 22 Uhr gibt es ein Ballonglühen. Zum Angebot an beiden Tagen zählt auch eine Ausstellung legendärer Flugzeuge. Hüpfburg, Kinderschminken, Flugzeug-Modellbau (Modelle werden gestellt) und Modellflugvorführungen runden das Programm ab. Für das leibliche Wohl ist gesorgt. Eintritt: 3 Euro (Kinder bis zwölf Jahre haben freien Eintritt). In der gemeinsam mit der Fotogruppe Hausen organisierten Ausstellung werden die 20 schönsten Fotos aus dem Wettbewerb »Leben und Fliegen auf dem Steinkopf« präsentiert. Die Preisverleihung findet am Sonntag, 5. August, gegen 18 Uhr statt.

Weitere Info: www.sgs-pohlheim.de

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