31. August 2015, 13:58 Uhr

Linus, Luna und die Landwirtschaft

Leben auf dem Bauernhof? Kennen die meisten jungen Leute vermutlich nur von »Farmville«. Doch während bei Facebook nur virtuelles Nutzvieh versorgt wird, hat es Linus Meurer mit echten Rindern zu tun. Der 13-Jährige hilft seit über zwei Jahren auf dem Hof Obersteinberg in Watzenborn-Steinberg mit – und lässt dafür sogar seine Urlaubsreise sausen. 
31. August 2015, 13:58 Uhr
Mit Hofhündin Luna versteht sich Linus besonders gut. Auch die Kälber haben es ihm angetan. Doch Landwirtschaft bedeutet mehr als Tiere streicheln, weiß der 13-Jährige. (Foto: Christoph Hoffmann)

Wie ein alter Hase springt Linus Meurer auf den Hoftruck. Schlüssel in die Zündung, drehen, und schon heult das Gefährt auf. Gekonnt rangiert der 13-Jährige aus der Scheune und peilt die Weide oberhalb des Hofs an. »Zu den Kühen«, ruft er, um den knatternden Motor zu übertönen. Neben einer großen Pyramide aus Strohballen bleibt er stehen. Von hier oben hat Linus einen wunderbaren Blick über den 120 Hektar großen Hof Obersteinberg, der seit über zwei Jahren sein zweites Zuhause ist. Linus stellt den Motor ab und macht es sich bequem. Dann erzählt er.

»Ich habe mich schon immer für das Leben auf dem Bauernhof interessiert. Besonders für die Tiere.« Zum Glück kannten Linus Eltern die Fays, die den Hof Obersteinberg betreiben. Also fragte Linus’ Vater nach, ob sein Sohn nicht mal mitarbeiten könne. Kein Problem, erwiderte Familienoberhaupt Peter Fay – und zeigte dem Jungen gleich mal, dass Bauernhof mehr als Kälbchenstreicheln ist. »An meinem ersten Tag wurden Schweine geschlachtet«, erinnert sich der Grüninger. Er habe nur kurz in den Schlachtraum blicken können – quiekende Schweine, Bolzenschussgerät, Blut – und sich dann aus dem Staub gemacht. »Das war ganz schön ekelhaft.« Besonders schön findet Linus das Schlachten auch heute nicht. Aber er weiß: »Das gehört zur Landwirtschaft einfach dazu. Außerdem hatten die Tiere ein schönes Leben.« Und so hilft er den Erwachsenen, wo er nur kann: Nach dem Schlachten salzt er zum Beispiel die abgezogenen Felle ein und reinigt die Halle.

Der Hof Obersteinberg
Von Feldern und Kuhweiden umgeben liegt der Bauernhof Obersteinberg am Rande von Watzenborn-Steinberg. Seit über 100 Jahren gehört das 120 Hektar große Areal der Familie Fay. Die Landwirte setzen auf einen gemischten Betrieb, sie bauen Kartoffeln und Getreide an, zudem halten sie 100 Rinder zur Fleischproduktion. Seit 2009 ist die Schlachtstelle EU-zertifiziert.
»Wir wollen noch mehr auf Direktvermarktung setzen und bauen daher einen Hofladen«, kündigt Philipp Fay an.
Wer das Landleben kennenlernen will, kann auf dem idyllischen Hof auch Urlaub machen, es werden Zimmer angeboten. Ausführliche Hinweise hierzu und ein Top-Video auf www.obersteinberg.de. (chh)

Doch das ist nur eine von vielen Aufgaben, die der Adolf-Reichwein-Schüler auf dem Hof übernimmt. Seit sein Vater vor zwei Jahren bei den Fays anrief, gehört Linus quasi zum Inventar. »Ich komme eigentlich jedes Wochenende vorbei, in den Ferien verbringe ich fast die ganze Zeit hier.« So wie jetzt. Während seine Eltern zwei Wochen Urlaub in Südfrankreich machen, arbeitet Linus lieber am Lager für den neuen Hofladen mit. Putz abschlagen, Mauern hochziehen, solche Sachen. »Ich hatte keine Lust, mit meinen Eltern wegzufahren, daher habe ich mich für zweieinhalb Wochen hier einquartiert.« Nicht, dass man in Frankreich keinen Spaß haben könnte – die Region ist zum Beispiel fürs Kanufahren bekannt –, doch der Junge wollte lieber auf dem Hof bleiben – und bei Luna.

»Er ist uns eine echte Hilfe«

Linus und die schwarze Hündin scheinen ein ganz besonderes Verhältnis zu haben, der Vierbeiner weicht dem Jungen nicht von der Seite. Inzwischen ist Linus vom Truck gestiegen und schlendert über das weitläufige Areal. »Luna ist mein Lieblingstier, ich mag aber auch die Kälbchen gerne.« Die grasen auf der unteren Weide, das nächste Ziel bei Linus’ Rundgang. Auf dem Weg dorthin erklärt der 13-Jährige die Bedeutung einzelner Gebäude: »Hier haben wir zum Beispiel einen neuen Schweinestall gebaut. Es fehlt nur noch der Auslauf, damit sich die Ferkel suhlen können.« Dann zeigt er auf die aufgetürmten Strohballen. »Die haben wir letztens aufgetürmt und mit einem Flies abgedeckt.« Abends bringt er die Ballen mit dem Hoftruck auf die Weide, um die Tiere zu füttern – der 13-Jährige fährt natürlich nur auf dem Privatgrundstück.

Man merkt: Der Junge ist nicht nur zum Spaß hier. Das bestätigt auch Philipp Fay, eines der drei Kinder der Landwirtschaftsfamilie. »Linus ist für sein Alter schon sehr weit, man kann ihm auch Aufgaben geben, die er selbstständig erledigt. Er ist uns eine echte Hilfe.« Das sieht auch der Bruder von Philipp so, der 16-jährige Thomas Fay. Zusammen mit Schwester Anne bilden die Brüder die nächste Generation, alle drei machen Ausbildungen in der Landwirtschaft. »Wir haben einfach Spaß daran«, betont Philipp.

Linus nickt eifrig. Ihm geht es genauso. »Leider ist es schwierig, später in der Landwirtschaft zu arbeiten, wenn man keinen Hof hat. Man muss schon eine Frau kennenlernen, die einen hat«, sagt er verschmitzt. Ein Leben auf dem Bauernhof: Nicht unbedingt das, was sich Jugendliche heutzutage wünschen. Das weiß auch Linus: »Einige meiner Mitschüler finden gut, was ich mache. Es gibt aber auch welche, die es uncool finden und mich als Bauer beschimpfen.«

Über einen Feldweg erreicht der 13-Jährige die untere Weide, auf der jede Menge Kühe und Kälber grasen. Linus stellt den Strom ab und steigt über den Zaun. Zusammen mit Hündin Luna nähert er sich vorsichtig den Rindern. Die scheinen sich nicht gestört zu fühlen, im Gegenteil: Linus streichelt den Tieren das Fell und krault sie hinter den Ohren. Wegen solcher Momente kommt der 13- Jährige regelmäßig auf den Hof Obersteinberg. Sollen ihn die Klassenkameraden doch »Bauer« schimpfen. Für ihn ist das keine Beleidigung. Es ist ein Kompliment. Linus ist Bauer – und das von ganzem Herzen.   Christoph Hoffmann



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