10. Februar 2011, 20:30 Uhr

Konstantin Wecker hielt »musikalische Andacht«

Pohlheim - Zum zweiten Male nach Dezember 2009 gastierte der Münchner Sänger, Musiker und Poet Konstantin Wecker am Mittwoch in der ausverkauften Sport- und Kulturhalle Garbenteich. Am zweiten Bösendorfer-Flügel agierte der nicht minder virtuose Pianist Jo Barnikel.
10. Februar 2011, 20:30 Uhr
Am Ende eines bezaubernden Liebeslieder-und-Lyrik-Abends: Ein winkender Konstantin Wecker mit Jo Barnikel (3. von rechts) und dem Linzer »Spring String Quartett«. (Fotos: no)

Den Klangteppich für den Barden rollte dieses Mal das »Spring String Quartett« aus. Gastgeber waren Susann Balser-Hahn und deren Freundeskreis »Kultur in Mittelhessen«, die ausnahmslos positive Rückmeldungen zu hören bekamen von den zum Teil von weit her angereisten Besuchern.

Konstantin Wecker gab sein Programm »Stürmische Zeiten, mein Schatz!«, eine dreistündige Liebeserklärung im besten Wortsinn. Das reichte von der mit ein paar Zoten-Zitaten prominenter Literaten belegten (männliche) Wolllust bis hin zu ganz zarten Liedern voller Zuneigung und Verständnis.

Von einer kurzen Pause nach dem ersten Drittel abgesehen, streifte der in der Klassik geschulte Liedermacher - viel zu kurz greifend diese Bezeichnung - alle Phasen seines künstlerischen Schaffens. Oder richtiger: seines bald 64 Jahre währenden Lebens. Von den geliebten Eltern sprach und sang er, von der Oma und von seiner Heimatstadt München. Von seiner großen Passion - der von Mutter Dorothea geerbten Liebe zu Gedichten und die von Vater Alexander vermittelten Freude an Arien.

Herausragend hier, einmal mehr, das »Für meinen Vater« (1994): »Das, was ich heute andern geben kann, wäre nicht denkbar ohne Dich. Es ist Dein unbeachteter Gesang, der in mir klingt und nie mehr von mir wich. Und meistens sagt man erst zum Schluss, was man verdeckt in tausend Varianten schrieb: Wenn ich an meinen Vater denken muss, dann denk ich stets: Ach Gott, hab ich ihn lieb.« Unterlegt mit Puccinis »Nessun dorma«-Melodie, nahm das Lied gefangen. Sekunden vergingen hier nach dem Schlussakkord, bevor der Beifall einsetzte.

Ähnlich war's bei »Die weiße Rose«, das gerade mit den Streichern an Volumen und Tiefe gewinnt. »Ihr wäret hier so wichtig - Sophie und Hans ... Denn es geht ums Tun und nicht ums Siegen.«

Und überhaupt die Streicher, mit denen Wecker in den vergangenen Tagen nicht nur in Garbenteich war, sondern auch in Luzern, Freiburg und - gestern - in der Kölner Philharmonie, mit denen er die klassischen Spielstätten der Republik mit Klang erfüllte: Christian Wirth, der Kopf des Ensembles an der ersten Geige, Markus Wall, das Herz, an der zweiten, Cellist Stephan Punderlitschek, der Lyriker, und Julian Gillesberger an der Bratsche, laut Wecker »die Leber« des Quartetts - die vier Oberösterreicher waren das Sahnehäubchen des Abends. Einerseits klingen Naturinstrumente authentischer als synthetische, andererseits erfüllten sie den Raum mit noch mehr Leben, als dies auch die Genies an den beiden Flügeln allein vermögen. Schon gigantisch, wie »Genug ist nicht genug« zum gestrichenen »Smoke on the water« abdriftete. Und geradezu unbeschreiblich sensibel, wie Paul Simons »Under African Skies« eine Klammer bildetete zwischen »Vater« und »Weiße Rose«. Das glich einem ausgewachsenen Hochamt, mindestens war es eine Andacht.

Mit »San koane Geign da?« hatte Wecker den Abend eröffnet. »Leben im Leben« war zu Beginn ebenso zu hören wie zum Finale. Weiter auf der Liebesliedertafel: »Was ich an Dir mag«, »Ich liebe diese Hure«, »Was tat man den Mädchen?« oder - traumhaft schön - »Komm, mein Lieb, wir lassen uns den Fluss hinunter treiben« sowie »Einfach wieder schlendern, über Wolken gehn«. Auch dies eine leise Mitteilung, keinesfalls eine Gutmenschen-Botschaft: Endlich mal nicht mehr hetzen müssen, atemlos beschleunigt dem Puls der Zeit hinterherjagen, ihn doch nicht bezwingen. Zeit für Entschleunigung. Ein Plädoyer für Langsamkeit und Verweilen. Schlendern, nicht rennen. Inneren Schlendrian zulassen, nicht den Dauerläufer mimen, für einen Moment sogar die Bodenhaftung verlieren, »über Wolken geh'n«.

»Der alte Kaiser« war in Pohlheim dabei - und, ganz neu, »Das Lachen meiner Kanzlerin«, ein flottes satirisches Chanson in der Tradition eines Georg Kreisler. Das sollte der Herr alsbald in »Ottis Schlachthof« geben. »Hitverdächtig« von den neuen Liedern - die CD erscheint im Herbst - der »Tango-Joe«: Der alternde Wecker als junger Latin-Lover.

Goethe war zu hören (»Willkommen und Abschied«, das Lieblingsliebesgedicht des Meisters). Daneben die Einsicht, dass »noch 30 Jahre Leben« eines sei, aber nur noch 30 Sommer »sehr überschaubar«. Zum Abschluss noch ein Ausflug nach Italien, in die geliebte Toskana: »Questa nuova realtà« und, aus der Feder des Cantaudori Francesco de Gregori, das bezaubernde »Buonanotte amore mio«, ein kurzer Ausblick (»Wenn der Sommer nicht mehr weit ist«) und Fernando Pessoas empathische Liebeserklärung an die Menschheit.

Ein Abend voller Inspiration war's. Für alle die, die mit Wecker »auf der Suche sind nach einer Welt, die es vielleicht nie geben kann, die kein Gemälde sein wollen, sondern immer Skizze sind und unvollendet enden, irgendwann«.

Norbert Schmidt

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