07. September 2011, 20:45 Uhr

Vier Freisprüche und zwei Bewährungsstrafen

Lollar/Gießen (csk). Vor der zweiten Großen Strafkammer des Landgerichts endete am Mittwoch das Verfahren gegen ursprünglich sechs junge Männer wegen gemeinschaftlichen Diebstahls und schwerer räuberischer Erpressung.
07. September 2011, 20:45 Uhr
Stadt und Kreis haben vor dem Gießener Landgericht einen Vergleich geschlossen. (Foto: red)

Sie sollten in mehr als zehn Fällen Zigaretten aus Supermärkten gestohlen haben. Das Ergebnis hatten zum Prozessauftakt vor rund drei Wochen wohl die wenigsten erwartet: Zwei der Männer waren schon im August freigesprochen worden, zwei weitere am Dienstag. Die letzten beiden verbliebenen Angeklagten erhielten jetzt Bewährungsstrafen von jeweils einem Jahr und drei Monaten

Eingangs der gestrigen Verhandlung saßen nur noch zwei der einstmals sechs Deutsch-Albaner auf der Anklagebank. Grund: Am Dienstag hatten mehrere Zeugen zu Einbrüchen in Supermärkten in Leun im Kreis Wetzlar sowie im baden-württembergischen Schwetzingen ausgesagt. Was sich vormittags abzeichnete, wurde nachmittags zur Gewissheit. Keine einzige Aussage hielt das Gericht für zuverlässig genug, um darauf eine mögliche Verurteilung zu stützen.

Da sich aber ohnehin nicht alle Angeklagten für jede der insgesamt elf zur Disposition stehenden Taten verantworten mussten, verkündete die Kammer schnell zwei weitere Freisprüche »aus Mangel an Beweisen« – zwei junge Männer waren schon am 24. August freigesprochen worden und damit aus dem Verfahren ausgeschieden.

Die beiden verbliebenen Albaner hatten seit Dezember 2010 in Untersuchungshaft gesessen, waren folglich wohl als Köpfe der ursprünglich vermuteten »Bande« ausgemacht worden. Sein Mandant wolle eine Erklärung abgeben, verkündete Verteidiger Manfred Hans direkt nach Sitzungsbeginn. Dasselbe Prozedere gab es bereits am Dienstag, als vom 32-Jährigen der Ladendiebstahl in Schwetzingen eingeräumt worden war. Außerdem sei er auch an einem Einbruch in Hofheim beteiligt gewesen, hieß es nun. Ein räuberischer oder bandenmäßiger Diebstahl konnte ihm indes nicht nachgewiesen werden – die entsprechenden Zeugen hatten frühere Aussagen teils korrigiert, teils vollständig widerrufen. Außerdem wurden sieben weitere Anklagepunkte – jeweils ähnlich gelagerte Fälle – gegen den vielfach vorbestraften Frankfurter fallengelassen und sein Verfahren von der Hauptverhandlung abgetrennt.

Staatsanwalt Alexander Hahn forderte für ihn eine Bewährungsstrafe von einem Jahr und vier Monaten und wies auf die besonderen Umstände der Verhandlung hin. »Sie wissen selbst, dass da mehr gewesen ist, was wir Ihnen aber nicht nachweisen können«, so Hahn zum Angeklagten. Wahrscheinlich habe man ihm jetzt nur einen Bruchteil seiner Taten nachweisen können. Verteidiger Hans sah seinen Mandanten hingegen »spätestens durch die Untersuchungshaft geläutert« und sprach aus, was offenkundig jeder im weiten Rund dachte: »Ich habe noch nie so viele Zeugen erlebt, die aus Sicht der Staatsanwaltschaft ein Bild des Jammers abgeliefert haben. Der Berg kreiste und gebar eine Maus.«

Auch der zweite Angeklagte
legte ein Teilgeständnis ab

Wenige Minuten später sollte sich fast die identische Konstellation wiederholen. Auch der zweite Angeklagte legte ein Teilgeständnis ab und bekannte sich damit zu zwei ihm zur Last gelegten Taten. In sechs weiteren zur Diskussion stehenden Fällen wurde das Verfahren eingestellt, darunter ein Diebstahl bei einer Tabakwarenvertriebsfirma in Lollar im Juli 2009, wegen dem sich von vornherein nur der 35-jährige im Kosovo geborene Mann verantworten musste. Zu einer Beweisaufnahme den einzigen Fall im Gießener Raum betreffend kam es nicht mehr. Hahn plädierte diesmal für ein Jahr und drei Monate zur Bewährung – darüber hinaus wiederholte er unlängst Gehörtes. Glück habe der Angeklagte gehabt, im Grunde gelte für ihn das gleiche wie für den zuvor Verurteilten. Wenig überraschend, dass das Urteil für die Zwei exakt gleich ausfiel. Beide erhielten eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und drei Monaten, die zur Bewährung ausgesetzt wurde, sie müssen zudem 150 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten. Die Kammer betonte in ihrer Urteilsbegründung die außergewöhnlichen Prozessentwicklungen und gab den Männern eine eindringliche Warnung mit auf den Weg.

»Unfassbare viele Schwierigkeiten und Merkwürdigkeiten« hatte die vorsitzende Richterin Regine Enders-Kunze ausgemacht – sie spielte vor allem auf die größtenteils überaus wankelmütigen Zeugen an. Im Ermittlungsverfahren habe es sogar noch weit mehr als die schließlich zur Anklage gebrachten elf Fälle gegeben, von etwaigen weiteren Mittätern ganz zu schweigen, sagte sie. Positiv anzurechnen seien indes die (Teil-)Geständnisse, je neun Monate Untersuchungshaft und »die Hoffnung auf eine Besserung ohne Gefängnisstrafe« (Enders-Kunze). Weil alle Beteiligten danach auf Rechtsmittel verzichteten, sind die Urteile rechtskräftig – und so endete ein Prozess, der mehr Fragen hinterließ, als er Antworten zu geben vermochte.

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