04. August 2015, 11:33 Uhr

Terror des IS in Lollar Thema

Lollar (khn). Der Krieg der Terrormilizen des Islamischen Staates (IS) spielt sich eigentlich im Norden des Irak ab. Doch auch in Lollar war der IS am Sonntag ein Thema. Die Glaubengemeinschaft der Jesiden gedachte zum Jahrestag der Offensive der Miliz gemeinsam mit Vertretern aus Politik, Religion und Wissenschaft des Krieges und der Opfer.
04. August 2015, 11:33 Uhr
Trauer in Lollar: Die jesidische Gemeinde erinnert an den Angriff, die der IS vor einem Jahr im Norden Iraks gestartet hatte. Anwesend sind auch Vertreter aus Wissenschaft und Politik. (Foto: Kays Al-Khanak)

Lollar (khn). Der Klang der silberfarbenen Flöte schafft es nicht annähernd, das übervolle Gemeindezentrum der hessischen Jesiden in Lollar auszufüllen. Zu fragil sind die Lieder, die der Musiker nicht spielt, sondern in sein Instrument haucht. Es ist der passende Klang zur Gedenkveranstaltung, die die Glaubensgemeinschaft anlässlich des ersten Jahrestags der Offensive des sogenannten Islamischen Staates (IS) in Nordirak am Sonntagnachmittag organisiert hat (wir berichteten gestern). Die Trauer ist groß – aber auch der Wille, Toleranz und Freiheit weiterhin als höchste Güter zu verteidigen.

Es ist 15.47 Uhr. In den funktionalen Räumen an der Justus-Kilian-Straße im Lollarer Gewerbegebiet ist der Krieg der Terrormilizen des IS in Nordirak ganz nah. Der Saal ist proppenvoll, Gemeindemitglieder tragen Stuhl um Stuhl hinein, damit die rund 200 Besucher alle sitzen können, versorgen bei sommerlichen Temperaturen schon früh die Trauergäste mit Wasser. Knapp eineinhalb Stunden werden Reden gehalten. Es sind klare, deutliche Worte für Ereignisse, die nicht nur die Bundesrepublik Deutschland nachhaltig verändern könnten.

Worum geht’s? In der Nacht auf den 3. August 2014 beginnt die Terrormiliz mit dem Angriff auf das Gebiet rund um das Sindschar-Gebirge. Mehrere Tausend Jesiden – vor allem Männer und Jungen – sollen ermordet, mehrere Tausend Frauen und Mädchen entführt und versklavt worden sein. Der Sprecher der Gemeinde, Irfan Ortac, vergleicht dies mit den Völkermorden in Ruanda und Darfur. Auch hier hatte die Völkergemeinschaft lange tatenlos zugesehen.

Die Jesiden hätten schon vor einem Jahr auf die Gefahren durch den IS aufmerksam gemacht, sagt Ortac, der für die SPD im Kreistag sitzt. Er appelliert an die Politik, nicht nur militärisch das Schlimmste zu verhindern. »90 Prozent der Jesiden wollen aus Nordirak weg«, sagt er. Zwar sind die Gläubigen über den ganzen Erdball verteilt, die größte Gemeinschaft aber lebt mit 700 000 Menschen in Irak. 80 000 gibt es in Deutschland, 4000 in Hessen. Es gelte, vor Ort wieder Strukturen aufzubauen, um den dort lebenden Menschen wieder Perspektiven zu geben.

Stichwort  Jesiden
Die religiöse Minderheit der Jesiden stammt aus Irak, Syrien, Türkei und Iran. Hauptsächlich sind es Kurden, die rund um die nordirakische Stadt Mossul und im nahe gelegenen Sindschar-Gebirge leben. Wegen der Verfolgung vor allem in Irak sind viele Anhänger dieser eigenständigen monotheistischen Religion ins Ausland geflohen.
Der heilige Ort der Religion liegt in Lalisch, einem Tal im Norden Iraks. Dort befindet sich das Grab von Scheich Adi, der im zwölften Jahrhundert starb und den die Jesiden als Heiligen verehren. (dpa)

Die Gästeliste aus Wissenschaft, Religionsgemeinschaften und Politik zeigt die Bedeutung der Gedenkveranstaltung. Einige Worte spricht zum Beispiel der Gießener Staatsminister im Kanzleramt Helge Braun. Er sagt, bis zu jenem 3. August sei es für die Außenpolitik der Bundesrepublik unvorstellbar gewesen, Waffen in Krisenregionen zu liefern. Die Kehrtwende sei nötig gewesen, um vor allem kurdische und jesidische Bataillone mit entsprechender Ausrüstung und Training dazu in die Lage zu versetzen, sich gegen den IS zu stellen. Gerade sie hätten zusammen mit Teilen des irakischen Militärs einen Korridor schaffen können, durch den viele Jesiden hätten flüchten können. Auch Thorsten Schäfer-Gümbel, stellvertretender Vorsitzender der Bundes-SPD aus Gießen, weist auf dieses Novum hin. Hintergrund sei der Gedanke gewesen: »Wie viel Schuld laden wir uns auf, wenn wir nicht intervenieren?«

Toleranz und Mitmenschlichkeit

Schäfer-Gümbel findet – genauso wie Braun auch – deutliche Worte für die jüngsten Luftangriffe der Türkei vor allem auf die Stellungen der kurdischen Kämpfer. Erst ihnen sei es doch zu verdanken gewesen, dass der Vormarsch des IS verlangsamt und stellenweise gestoppt worden sei. Dass die Erdogan-Regierung aus innenpolitischen Gründen die Peschmerga ins Visier nehme, wird unisono kritisiert – unter dem Applaus der Trauergäste. »Die türkische Regierung ist dringend aufgefordert, die Angriffe einzustellen«, sagt der Sozialdemokrat.

Waisenhaus-Projekt
Gerhard Noeske, Kreispolitiker und engagiert in der Christlich-Jesidischen Gesellschaft, hat im Rahmen der Gedenkveranstaltung für ein Projekt geworben. Nach Vorbild der SOS-Kinderdörfer soll mit einem irakischen Partner ein Waisenhaus gebaut und langfristig finanziert werden. Die Idee ist, Menschen, die durch den IS zu Witwen und Waisen gemacht worden sind, in dem Haus zu einer Familie zusammenzuführen. »Sie gehen dann nicht den Weg des Bettlers, sondern haben die Perspektive, einen Beruf zu erlernen und eine Familie zu gründen.« Aktuell gebe es rund 1170 jesidische Halb- und Vollwaisen. (khn)

Der Vizepräsident des hessischen Landtages, Wolfgang Greilich, lenkte den Blick auf die Gefahren, die von Terroristen ausgehen, die nach Deutschland zurückkehrten. Es gebe bundesweit 7000 radikale Islamisten, davon lebten 1600 in Hessen. 300 von ihnen seien mittlerweile in den Kampf gezogen. Es gebe eine dreistellige Zahl an Rückkehrern, die gefährlich werden könnten. Für die hessische Landesregierung sagte deren Staatssekretär Jo Dreiseitel, man müsse deutlich unterscheiden zwischen dem IS und Muslimen. »Sie sind in unserem Land nicht mehr wegzudenken und haben ihren Platz in der Gesellschaft gefunden«, sagt er. Und Greilich betont gegenüber den Jesiden, es sei »eine Ehre, wenn Deutschland für Sie ein Zuhause geworden ist«.

Adnan Xerawai ist jesidischer Theologe. Er hält in der Muttersprache eine Rede. Es sind Worte, die gerade für die Gemeindemitglieder gedacht sind, ihnen in schweren Zeiten Trost und Halt geben sollen. »Alle Menschen gehören zu einer Familie, alle sind gleichwertig«, sagt der Theologe später auf Deutsch. Er wünsche sich, dass die Kinder aller Religionen nach dem Grundsatz erzogen werden, Elend und Leid ein Ende zu machen. Toleranz, Respekt, Liebe und Menschlichkeit sollten mehr Geltung gewinnen.

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