23. September 2014, 18:08 Uhr

Lollar: Arbeitgeber und Steuerzahler – aber kein Wahlrecht

Gießen/Lollar (khn). Metin Altuntas hat ein erfolgreiches Unternehmen aufgebaut und Arbeitsplätze geschaffen, aber das Wahlrecht hat er nicht.
23. September 2014, 18:08 Uhr
Das Lollarer Unternehmen Metas baut Anlagen wie diese, die beispielsweise in der Automobil- und Flugzeugindustrie zum Einsatz kommen. (Foto: Kays Al-Khanak)

Metin Altuntas’ Unternehmen ist auf Wachstumskurs. Die Metas Metall- und Anlagenbau GmbH beschäftigt zwölf Mitarbeiter, sucht aber vor dem Umzug von Lollar nach Linden noch weitere und bildet aus. Derzeit sind es zwei Azubis. Er zahlt – selbstverständlich – Steuern, nicht zu knapp. Nur: Altuntas hat keinen deutschen Pass, darf also nicht wählen, nicht mitbestimmen. Das geht dem gebürtigen Türken gehörig gegen den Strich.

Der 48-Jährige ist ein Beispiel von vielen: Ein Gastarbeiterkind, das sich in Deutschland eine Existenz aufgebaut hat, den Schritt in die Selbständigkeit gegangen und zum Arbeitgeber geworden ist. Und der mitgestalten und mitreden will. Doch Altuntas will seinen türkischen Pass nicht abgeben, wünscht sich vielmehr die doppelte Staatsangehörigkeit. »Egal, was ich mache, ich bleibe ein Türke«, sagt er. »Ich muss meine Identität nicht aufgeben, um dazuzugehören. Nicht die Herkunft ist wichtig, sondern die Art, wie man sich einbringt.«

1972 kommt sein Vater aus einer Berg-
region an der Schwarzmeerküste als Gastarbeiter nach Gießen. Später ist der Senior bei Buderus in Lollar beschäftigt. Im Dezember 1979 folgt ihm der damals 13-jährige Metin zusammen mit seiner Mutter – ohne die beiden Brüder. Denn die sind über 16 Jahre alt und dürfen laut Gesetz nicht nachgeholt werden. »Ich war mehrere Jahre traurig, hatte kaum Freunde, keine Verwandtschaft, tat mich schwer mit der Sprache.«

Altuntas besucht in Gießen eine Vorbereitungsklasse für türkische Kinder, später eine Berufsvorbereitungsklasse. Dann macht er eine Lehre als Schlosser und Kunstschmied. Genommen wird er dort nur, weil er sich in einem Praktikum beweist und den Chef von seinem handwerklichen Können überzeugt. »Als Ausländer hätte ich anders keine Chance auf eine Lehrstelle gehabt.« Nach der Lehre bleibt er ein Jahr in der Firma, wechselt dann nach Daubringen zu einem Unternehmen, das Anlagen montiert. 1988 geht dieses aber in Konkurs, und so wechselt er nach Butzbach zu ABB. Die Firma stellt pneumatische Förder- und Staubsaugeranlagen her – ähnlich denen, die Metas heute baut. Weil die Butzbacher diese Sparte bald wieder einstampfen, macht sich Altuntas auf diesem Feld selbstständig.

2003 meldet der Lollarer sein Gewerbe an. In der Garage seines Hauses in Salzböden sitzt er abends nach der Arbeit, plant und konstruiert Maschinen. 2006 mietet er in Lollar am Kirschgarten einen Raum in dem Gebäudekomplex an, das einem Stahlmöbelhersteller gehört. Der geht 2008 pleite. Altuntas übernimmt die sieben Mitarbeiter und das 1200 Quadratmeter große Gelände, muss aber bald anbauen, weil der Platz vorne und hinten nicht reicht. 2012 erwirbt er in der Straße Im Boden in Linden ein 1,5 Hektar großes Areal. Bis Ende des Jahres will das Unternehmen umziehen. 6000 Quadratmeter stehen dann zur Verfügung.

Die Auftragsbücher sind voll, Metas ist gefragt – vor allem in der Automobil- und Flugzeugbranche. Aktuelle Auftraggeber sind Airbus oder Volkswagen für ein Werk in Mexiko. Metas baut die Anlagen zu 90 Prozent selbst. Aus der Türkei werden nur Einzelteile bezogen. Es sind Anlagen, die bei Dreh- und Fräsmaschinen zum Einsatz kommen. Späne werden angesaugt, zerkleinert, gereinigt und entsorgt. Kostenpunkt: 200 000 bis 3 Millionen Euro.

»Wir haben wenige Mitbewerber«, sagt Altuntas. Dennoch müsse er, der Türke, auf dem deutschen Markt immer wieder neu beweisen, »dass ich viel besser und günstiger bin als meine Mitbewerber«. Dafür arbeitet er hart: in Fertigung, Konstruktion und sogar bei der Montage. »Das kostet Kraft und Zeit, macht aber Spaß«, sagt er. »Positives Feedback ist mehr wert als das Geld, das ich damit verdiene.« Seine Ehefrau Cansel Altuntas, eine Politikwissenschaftlerin »und Kurdin«, wie ihr Ehemann mit einem Augenzwinkern anmerkt, unterstützt ihn sehr.

Ausdauer und Erfahrung

Altuntas sagt von sich selbst, dass er ein strenger Chef sei, was die Qualität der Arbeit angehe, aber freundschaftlich mit seinen Angestellten umgehe – übrigens überwiegend Deutsche. Lothar Habermehl ist Betriebsleiter bei Metas; früher bei ABB war er der Chef von Altuntas. Er sagt von seinem heutigen Vorgesetzten, »er musste sicherlich die eine oder andere Hürde mehr nehmen als andere«. Am Ende zähle aber nicht, ob man Ausländer sei, sondern schlicht und einfach die Ausdauer und Erfahrung, um wirtschaftlichen Erfolg zu haben.

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