09. Juni 2010, 19:46 Uhr

Hydraulik aus Lollar nach Hamburg

Lollar (mb). Wenn von der »Eclipse« (englisch: Finsternis, Verdunkelung) gesprochen und wenn von der »Eclipse« geschrieben wird, dann hagelt es Superlative:
09. Juni 2010, 19:46 Uhr
Die größte private Yacht der Welt - mit Know-how aus Lollar.

Lollar (mb). Wenn von der »Eclipse« (englisch: Finsternis, Verdunkelung) gesprochen und wenn von der »Eclipse« geschrieben wird, dann hagelt es Superlative: Mit einer Länge von 163 Metern ist sie die längste private Yacht der Welt und länger als eine Fregatte der Bundesmarine; das Schiff hat neun Decks und 6000 Quadratmeter Wohnfläche; es bietet Platz für 24 Gäste und 70 bis 80 Bedienstete; die Kosten werden auf 340 oder auf 500 Millionen Euro geschätzt bzw. einschließlich von Extras wie U-Boot und Raktenabwehrsystem mit 800 oder 850 Millionen Euro angegeben; die Betriebskosten an einem Tag auf See sollen sich auf 80 000 Euro belaufen. In Auftrag gegeben wurde die Yacht von Roman Arkadjewitsch Abramowitsch, geboren im Oktober 1966 in Saratow an der Wolga (Russland), der zu den 15 reichsten Männern des Erdballs gezählt wird, unter anderem Eigentümer des englischen FC Chelsea und eines vierstrahligen Airbus A340-300 ist und 2008 für das Gemälde »Triptych« 57,2 Millionen Euro hinblätterte. Erbauer der »Eclipse« war die Hamburger Werft Blohm + Voss, die seit März dieses Jahres an den arabischen Investor »Abu Dhabi MAR« verkauft ist. An Bord der Yacht befindet sich Know-how aus Lollar.

»Ohne Hydraulik bewegt sich im wahrsten Sinn des Wortes nichts - ob in der Luft- und Raumfahrt, im Maschinen- und Werkzeugbau, in den Baumaschinen, im Stahlbau, im Bergbau, in der Landwirtschaft; die Liste ließe sich beliebig weiter fortsetzen. Und auch im Schiffsbau«, sagt Diplom-Ingenieur Horst Watz im Lollarer Gewerbegebiet »Auwiesen« in seinem Büro am Auweg im Gespräch mit der »Allgemeinen Zeitung«. Sein Unternehmen, die Watz Hydraulik GmbH, hat das Know-how nach Hamburg geliefert.

Die Watz Hydraulik GmbH ist ein mittelständisches Erfolgsunternehmen, das von Watz im Jahr 1971 gegründet wurde. Es konzipiert, entwickelt und baut hydraulische Antriebe und Steuerungen für Serien- und Spezialanwendungen.

»Als die Aufgabe an uns herangetragen wurde, für die Yacht des russischen Ölmilliardärs Roman Abramowitsch die Hydraulik zu entwickeln und zu bauen, war ich sofort begeistert«, berichtet der Diplom-Ingenieur. Jedoch musste er einen Geheimhaltungsvertrag unterzeichnen, der ihn verpflichtet, zum erteilten Auftrag keine Einzelheiten bekannt zu geben. Gegen diesen Vertrag wird der Experte selbstverständlich nicht verstoßen, kann aber allgemeine Angaben machen.

»Die Hubschrauberplattform auf dem Schiff wird hydraulisch betätigt«, erläutert Watz. »Sie besteht aus zwei riesigen sogenannten ›Cover‹ mit einem Einzelgewicht von zirka 25 Tonnen, die hydraulisch verriegelt sind. Nach der Entriegelung werden diese beiden ›Cover‹ aus den Dichtungen angehoben und seitlich auseinandergeschoben. Aus dem Schiffsrumpf kommt ein Lift mit der Plattform, auf der ein Hubschrauber landen kann. Danach wird der Hubschrauber etwa sechs Meter in den Schiffsrumpf versenkt. Jetzt werden die ›Cover‹ wieder geschlossen, in die Dichtung gedrückt und verriegelt. Die ›Cover‹ müssen absolut dich sein, damit auch bei stürmischer See kein Wasser eindringen kann.«

Der Firmengründer und -inhaber weist auch darauf hin, dass die gesamte Hydraulik den Richtlinien der Germania-Lloyd-Versicherung entsprechen musste.

Nach den Informationen, über die Watz verfügt, sollte die Yacht im Mai in Richtung Südafrika auslaufen, das Roman Abramowitsch wegen der Fußball-Weltemeisterschaft ansteuern wollte. Dieser Termin habe aber nicht eingehalten werden können: »Das Schiff liegt noch bei Blohm + Voss.«. Die Yacht werde mit sechs- bis achtwöchiger Verspätung ablegen und Barcelona als Ziel haben.

Wie die Watz Hydraulik GmbH an den Hydraulikauftrag für die »Eclipse« kam, ist gleichfalls kein Geheimnis. »Öfter« hat Diplom-Ingenieur Watz mit einer in Fulda ansässigen Firma zu tun, die ein Büro in Hamburg unterhält. Diese Firma hatte den Auftrag für Mechanik und Elektrik der Hubschrauberplattform erhalten und brauchte eine Fachfirma für die Hydraulik. Damit war die Watz Hydraulik GmbH im Geschäft.

Nach der wirtschaftlichen bzw. finanziellen Bedeutung des Auftrags für das Unternehmen am Auweg gefragt, antwortet Inhaber Watz: »Jeder Auftrag ist von wirtschaftlicher Bedeutung. So arrogant bin ich nicht, dass ich das verneine. Es ist natürlich für uns ein bisschen auch ein Prestigeobjekt.« Der Diplom-Ingenieur räumt ein, dass der Auftrag über »mehrere 100 000 Euro« lautete.

Roman Abramowitsch, der den FC Chelsea im Jahr 2003 für 210 Millionen Euro kaufte und inzwischen 764 Millionen Euro hauptsächlich für Ablösesummen und Gehälter ausgegeben haben soll, ist - so »Wikipedia, die freie Enzyklopädie« - nach Schätzungen der zweitreichste Mann in Russland. Sein Vermögen war 2008 auf 23,5 Milliarden Doller geschätzt worden. Im Zuge der Finanzkrise soll sich sein Vermögen vorübergehend auf 3,3 Milliarden Dollar verringert haben und jetzt bei 11,2 Milliarden Dollar angekommen sein.

Dass der 43-Jährige, der Ingenieurwissenschaft studierte, so reich werden sollte, war ihm in Saratow nicht an der Wiege gesungen worden. Seine Mutter starb, als er 18 Monate alt war, sein Vater wurde von einem Baukran erschlagen, als der Sohn vier Jahre alt war. Der Waisenjunge kam zunächst zu einem Onkel, der als Ölingenieur in der Nähe des Polarkreises tätig war, und später zu einem Onkel, der in Moskau wohnte.

Als 21-Jähriger gründete Abramowitsch eine Firma mit dem Namen »Ujut« (deutsch: Gemütlichkeit), die beispielsweise Fußbälle und Gummienten herstellte. In das Ölgeschäft konnte er einsteigen, als er in den Jahren 1993 bis 1996 das Moskauer Büro eines in der Schweiz ansässigen Rohölhändlers leitete. Als Rohölhändler wickelte er große Geschäfte mit Raffinerien ab, heißt es.

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