04. Januar 2013, 17:53 Uhr

HR drehte in Salzböden für das »Dolle Dorf«

Lollar (khn). Ein Fernsehteam des Hessischen Rundfunks (HR) drehte gestern für das »Dolle Dorf« im Lollarer Stadtteil Salzböden. Es ging ums Fachwerk, Backhaus und Ordengießen und um einen ominösen Wirt.
04. Januar 2013, 17:53 Uhr
Walter Wagner (rechts) weiß vieles über die alten Namen der Häuser in Salzböden.

Salzböden sei ein störrisches Dorf, sagt Jörg Steiss, Vorsitzender des Kulturrings. Statt eines Elferrats gibt es einen Siebenerrat, der Schmierkuchen kann auch mal mit Bier statt mit Kaffee getrunken werden, und gestylte Schaufensterpuppen werden mit einem Augenzwinkern von Passanten gegrüßt. Wichtig bei all dem ist aber: »Die wunderbare Dorfgemeinschaft hält fest zusammen«, sagt Ortsvorsteherin Ursula Rolshausen. Deshalb war es wohl Schicksal, dass am Donnerstagabend der Lollarer Stadtteil in der Hessenschau im HR-Fernsehen als »Dolles Dorf« gezogen wurde. Gestern war ein Kamerateam unterwegs und filmte.

Es ist kurz vor 9 Uhr, der Hahn kräht und ein Auto tuckert störrisch durch die Talstraße. Jemand ruft laut »Psssssst!« und bittet zusätzlich mit Händen und Füßen um Ruhe. Hier wird gedreht. Das Team um HR-Reporterin Nora Enns steht vor einem der vielen Fachwerkhäuser und filmt dörfliche Idylle. Doch nicht mit der Feuerwehr: Die kommt mit einem Fahrzeug vorbei und grüßt per Lautsprecher: »Guten Morgen!«

Als am Donnerstagabend kurz vor der Tagesschau im HR Salzböden aus der Lostrommel gezogen wird, setzt sich eine Kommunikationskette in Gang, auf die die Bewohner lange gewartet haben. Denn der Kulturring hat eine Liste aufgestellt, wer angerufen werden muss, falls es den Fall der Fälle – also die Ziehung beim »Dollen Dorf« – geben sollte. Innerhalb kurzer Zeit kommen Vereinsvertreter und die Ortsvorsteherin im Dorfgemeinschaftshaus zusammen; das HR-Team stößt später dazu. Es wird zwei Stunden lang besprochen, was im knapp fünfminütigen Beitrag gezeigt werden soll.

Schnell sind sich die Beteiligten einig: Die Vereine vor Ort sind wichtig. Aber auch in anderen Gegenden gibt es Gesang- und Sportvereine. Die Salzbödener wollen aber zeigen, was ihr Dorf so besonders macht. Das zeigen sie schon am nächsten Morgen entlang der Talstraße: Fachwerk wie es sein muss. »Darauf sind wir stolz«, sagt Rolshausen, »und das macht den Charakter unseres Dorfes aus.«

Walter Wagner ist Vorsitzender des örtlichen Gesangvereins und des NABU. Er ist aber auch heimlicher Historiker und kann erklären, was es mit den Häusernamen auf sich hat. So steht er mit dem Kamerateam vor einem Gebäude mit dem Namen »Hennerdoarferschmeiresch«. Wagner übersetzt: »Das heißt Schneiders aus dem Hinterdorf, also die Familie Schneider, die ganz hinten im Dorf gebaut hat.« Gefunden hat er die 129 Häusernamen in einer Chronik, die Schüler zwischen 1932 und 1945 erstellt haben. »Dort sind alle damals existierenden Häuser mit ihren Besitzern erfasst worden.«

Es geht weiter: Als nächstes steht das Ordengießen im Keller der Familie Zink an. In Handarbeit stellen die Ehrenamtlichen aus der Vereinsgemeinschaft für jeden der bis zu 111 aktiven Karnevals-Teilnehmer eine Plakette aus Zinn her. »Alles Unikate«, sagt Steiss. Die Kamera fängt den Ablauf ein: Erst erhitzt Theo Passier das Material und gießt es in Form. Dann setzen Gerd Algeyer (»Grob«) und Kai Zink (»Fein«) den Schleifer an – natürlich mit Funkenflug, »um die Idylle zu durchbrechen«, wie die HR-Reporterin sagt. Dann schlägt Steiss Löcher fürs Band und die Nummerierung. Zum Schluss malen die Frauen im Nebenzimmer die Motive aus. »Dass das alles selbst gemacht wird, hat Tradition«, sagt der Kulturringsvorsitzende, der auch Sitzungspräsident beim Karneval ist. Weil »sehr viel Herzblut« eingebracht werde, hätten die Auszeichnungen einen besonderen Wert. »Außerdem schaffen wir damit Arbeitsplätze«, sagt er mit einem Augenzwinkern und unter Gelächter.

Ein Backhaus, das sich unter dem früheren Rathaus und dem Kittchen befindet, erregt Aufmerksamkeit. Wenn auch noch nach alter Backkunst Schmierkuchen entsteht, dann will das Kamerateam genauer hinschauen. Während Norbert Hepp im Inneren den Ofen anheizt und das verbrannte Holz später wieder entfernt, kommen Rolshausen und zwei Helferinnen in Trachten gekleidet in die Rathausstraße – mit jeweils zwei Blechen in den Händen. »Eine typische Spezialität in dieser Region«, sagt Wagner. Man nehme Sauerteig und dazu das »Schmierche«: Kartoffeln, Quark, Eier, Pfeffer und Salz. Drüber kommen Speckwürfel und Kümmel. Deftig, aber den Salzbödenern, die zum Probieren zum Backhaus gekommen sind, schmeckt es.

Nicht fehlen darf in diesem Zusammenhang ein Besuch in der Schönemühle. Hier beweist Konditor Thomas Walther, das sein Job manchmal weniger Handwerk, sondern vielmehr kreativ sein kann. Eine Torte verziert er mit Marzipan-Modellen der Salzbödener Kirche und der idyllischen, alten Brücke am Ortsausgang.

Das klingt alles zu schön, um wahr zu sein. Nicht ganz. Mantraartig wiederholen die Protagonisten des Beitrags den Satz: »Wir haben ein Problem.« Denn wie andere Dörfer auch, leidet Salzböden unter infrastrukturellen Problemen. Rolshausen fasst zusammen: »Früher hat es hier drei Lebensmittelläden und fünf Gaststätten gegeben«, sagt Rolshausen. Geblieben ist ein Getränkehandel. Deswegen wird ein Wirt gesucht, der das Gasthaus in der Nähe des Dorfplatzes wieder mit Leben füllen will. Was auf ihn wartet? Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es 500 Einwohner, heute sind es 1300. »Außerdem ist die Lage zwischen Marburg und Gießen sehr gut«, sagt die Ortsvorsteherin. »Heute haben wir Mittelstand statt Landwirtschaft, und früher kam der Bus drei Mal am Tag, heute jede Stunde.«

Der Marathon endet nach acht Stunden auf dem Dorfplatz: Rund 200 Menschen singen für das Kamerateam das Salzböde-Lied, das die Lokalmatadoren der Mundart-Gruppe Kork geschrieben haben. Frei übersetzt heißt es dort: Auf allen Kontinenten ist bekannt: Salzböden ist schön.

Gezeigt wird der Beitrag am Samstag, 5. Januar, in der Hessenschau ab 19.30 im HR-Fernsehen.

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