16. Oktober 2015, 11:43 Uhr

Clemens-Brentano-Europaschule in Lollar mit neuer Partnerschaft in Danzig

Lollar/Staufenberg (so). Partnerschaften mit Polen? Ja – die gibt es, wenngleich längst nicht so zahlreich mit den Nachbarn im Westen. Auf kommunaler Ebene etwa sind Heuchelheim, Reiskirchen oder Grünberg mit Kommunen in Polen verschwistert. Und vor Kurzem hat sich die Clemens-Brentano-Europaschule auf den Weg gemacht.
16. Oktober 2015, 11:43 Uhr
Oberstufenschüler hören Wolfgang Thüne gespannt zu. (Foto: Ruediger Sossdorf)

Ein gutes Dutzend Partnerschaften mit Schulen in Lettland, Finnland, Norwegen, den USA und in vielen weiteren Ländern werden gepflegt – und seit diesem Jahr auch mit einem Gymnasium in Danzig, mit der »Zespól Szkól Ogólnoksztalcacych Nr. 7«. Im Juni waren zehn Schüler sowie die Lehrkräfte Maria Seiler, Ela Siemon und Alexander Hock sowie Gymnasialzweigleiter Andrej Keller zum Antrittsbesuch an die Ostsee gereist, hatten dort gar den zur Legende gewordenen Gewerkschaftsführer und Friedensnobelpreisträger Lech Walesa getroffen.

Mit Langzeitwirkung

In dieser Woche sind ein Dutzend Oberstufenschüler aus Danzig zu Gast in Lollar und Staufenberg. Ein interessantes Projekt wurde bereits im vergangenen Sommer verabredet und aktuell inhaltlich fortgeschrieben: Geschichtslehrer aus Danzig und Lollar arbeiten gemeinsam mit den Schülern unter dem Titel »Solidarität – Überwindung der sozialistischen Diktatur in Polen und Ostdeutschland«. Ein längere Zeit angelegtes Vorhaben, dessen Ergebnisse voraussichtlich im Oktober 2016 in einer Ausstellung öffentlich präsentiert werden soll, wie Andrej Keller erläutert. Ebenfalls bereits verabredet: Ein neuerlicher Besuch von CBES-Oberstufenschülern im kommenden Juni in der Ostsee-Metropole. Gefördert wird das Projekt, im Besonderen die aktuelle Begegnung an der Clemens-Brentano-Europaschule, durch das Deutsch-Polnische Jugendwerk und die Hessische Landeszentrale für politische Bildung. Dort zeigte man sich von dem überaus interessanten Ansatz schnell überzeugt und stellte kurzfristig finanzielle Unterstützung bereit. Inhaltlich überaus spannend: Die polnischen Schüler und Lehrer spiegeln die Geschichte ihres eigenen Landes auf dem Umweg über die Geschichte der DDR wider, die in dieser Woche im Zentrum der Arbeit stand: So wurde am Dienstag die Gedenkstätte Point Alpha an der ehemaligen innerdeutschen Grenze besucht, verbunden mit Zeitzeugen-Gesprächen in Ost und West: Eine Rentnerin aus einem der nahe gelegenen Dörfer stand dafür ebenso zur Verfügung wie ein einstiger Beamter des Bundesgrenzschutzes, der viele Jahre an der deutsch-deutschen Grenze Dienst getan hat.

Gestern zu Besuch in der Schule: Der ehemalige Spitzensportler Wolfgang Thüne, der 1975 als 25-Jähriger via Bern, wo die Europameisterschaft der Turner stattfand, nach Freiburg in die Bundesrepublik flüchtete. Der Kunstturner, geboren in Heiligenstadt im Eichsfeld, nahm sich einen ganzen Vormittag Zeit, um den Schülern aus dem Leben in der einstigen DDR zu berichten.

Er skizzierte seine Kindheit in einer überaus religiösen Familie, den Weg an die Kinder- und Jugendsportschule und das spätere Sportstudium, seinerzeit schon als Sportsoldat mit »Dienst in der Turnhalle«, wie er erinnert. Der Geräteturner, der mit der Mannschaft der DDR bei den Olympischen Sommerspielen 1972 in München eine Bronzemedaille im Mannschaftsmehrkampf gewann und zu Beginn der 1970er Jahre auch am Reck bei Europa- und Weltmeisterschaften Medaillen holte, genoss als erfolgreicher Leistungssportler in der DDR durchaus Privilegien, hatte dafür aber auch einen Preis zu zahlen.

Der Preis des Erfolges

Durch die sozialistische Schulung in Schule und Universität, so schilderte Wolfgang Thüne den Schülern gestern, entfremdete er sich ein Stück weit von seiner Familie. Das Privatleben wurde dem Ziel Spitzensport untergeordnet. Erst mit Anfang 20 wurde ihm nach und nach bewusst, so seine Erinnerungen, wo er sich mit dem sozialistischen Gesellschaftssystem zunehmend kritisch auseinandersetzte – bis dann der Plan zur Flucht reifte. In der alten Bundesrepublik arbeitete Wolfgang Thüne nach dem Ende seiner eigenen sportlichen Karriere später als Trainer, unter anderem in Leverkusen.

Was er erst nach der Wende erfahren musste: Sein ganzes Leben war vom neunten Lebensjahr an in Akten der Staatssicherheit akribisch dokumentiert worden.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Hessische Landeszentrale für politische Bildung
  • Lech Walesa
  • Sozialismus
  • Wolfgang Thüne
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos