01. Juli 2011, 21:55 Uhr

Leihgesterner in Lebensangst

Linden (gbp). Eigentlich hat Edelgard Häuser-Kehrer, die ehemalige »Waldklause«-Wirtin aus Leihgestern, die mit Ehemann Michael Kehrer in Namibia eine zweite Heimat fand, am 28. Juni Geburtstag, der sich am Dienstag zum 70. Male jährte.
01. Juli 2011, 21:55 Uhr
Das Auto, aus dem Häuser-Kehrer und ihre Mitfahrer in der Nacht gerettet worden waren, am Folgetag in den Fluten des Windhoek Riviers. Zum Zeitpunkt des Fotos war das Wasser bereits gesunken, in der Nacht zuvor hatte es bis an die Zelte gestanden

Derzeit sind Kehrers in Linden, helfen in der »Waldklause« als Urlaubsvertretung aus. Bei Gesprächen mit Freunden und Bekannten kommt die Rede immer schnell auf jenen Tag im Januar 2011, der sie neu über das Leben nachdenken ließ.

»Appetit hatte keiner nach dieser langen Nacht. In Handtüchern, Tischdecken und Bettbezügen hockten wir zusammen und hingen unseren Gedanken nach. Dollarscheine lagen ausgebreitet auf dem Tisch, zusammengefaltete Papiere wurden vorsichtig getrennt und alle möglichen Gegenstände zum Trocknen ausgelegt. Aber wir waren gerettet und am Leben.« So beginnt der Text, in dem Häuser-Kehrer das Geschehene festhielt.

All das, was nach einer Geburtstagsfeier mit Freunden auf der Gästefarm Elisenheim geschah und was mit einer spektakulären Rettung endete. Bereits beim Aufbruch zur Feier, die unweit von Kehrers Haus in der Nähe der Hauptstadt Windhoek stattfand, regnete es wolkenbruchartig. Der meist trockene Windhoek Rivier führte etwas Wasser, was normal ist in der Regenzeit.

Durchnässt kamen die Oberhessen vom Parkplatz bei ihren Freunden an. »Auf dem abschüssigen Pflaster lief das Wasser in Schuhe und Strümpfe, suchte sich einen Weg durch die Lapa, ein Restaurant im afrikanischen Stil, und auf dem schnellsten Weg wieder hinaus.« Während der Feier »auf einer trockenen Insel vor dem prasselnden Kamin« kamen die jungen Leute der Farm mit aktuellen Fotos vom nahen Damm, der sich in einen Wasserfall verwandelt hatte. Die Autos mussten übern Rivier gebracht werden, da das Wasser schnell kommen würde.

Treibholz bohrte sich in die Scheibe,
die Wagenkabine lief voll Wasser

Der Transfer später zu den Autos erfolgte in der Schaufel eines Radlader. Es regnete nur noch schwach, aber das Windhoek Rivier führte Wasser. »Ein kurzes Checken - klappt das noch? Es klappte nicht! Die Strömung erfasste das Auto und eine Welle setzte den Motor außer Betrieb. Wir bekamen nasse Füße. Raus hier!« Doch die Tür ging nicht auf, die Fenster ließen sich nicht öffnen, weil die Elektronik ausgefallen war. »Mit vereinten Kräften konnten wir die Beifahrertüren so weit öffnen, um uns durchzuzwängen. Wir standen auf dem Trittbrett, auf den Reifen und auf der Stoßstange, als der Wagen in die Flut driftete, zur Mitte des reißenden Flusses, mit dem Heck in Flutrichtung, und kamen gottseidank zum Stehen«, schildert Häuser-Kehrer weiter.

»Ich wurde durch die braune Brühe sandgestrahlt. Hilflos mussten die Insassen des zweiten Autos zusehen, wie wir mit den Fluten kämpften und uns verzweifelt festkrallten. Treibholz bohrte sich in die Windschutzscheibe. Das Wasser schoss in die Kabine«.

In Panik raste Michael Kehrer zurück zur Farm, um Hilfe zu holen, versuchte, mit Lichtzeichen SOS zu funken. Erst nach einer gefühlten Stunde wurde der Farmer aufmerksam, kam mit dem Radlader durch das Wasser. »Eineinhalb Stunden lang überdachte ich alle möglichen Szenarien, aus diesem Hexenkessel heil heraus zu kommen. Das Auto sank langsam tiefer und tiefer, bis der Bagger an der Unglücksstelle eintraf. Er versuchte, uns durch den Fluss zu erreichen, drohte allerdings dabei selbst zu kippen«.

Nur mit Wortfetzen habe man sich verständigen können, übertönt vom donnernden Getöse des Wassers. Man wollte sie mit einem Seil retten, zwei der Autoinsassen sprangen nacheinander, wurden sofort unter Wasser gezogen. Ramponiert durch Steine und fingerlange Dornen wurden sie quasi im letzten Moment von Helfern an Land gebracht. »Man hatte eingesehen, dass diese Art der Rettung zu riskant war. Deshalb versuchte es der Bagger nun nochmals, uns mit Maschinenkraft zu erreichen. »Aufs Dach!«, hörten wir, »alle drei!«

Über das Heck sei es dann gelungen, aufs Dach zu klettern, während sich der Bagger langsam vortastete. Sie mussten springen. »Kreuz und quer lagen wir in der Schaufel, als es zurückging. Wir waren gerettet, das Auto war Schrott«, notierte Häuser-Kehrer. »Wir danken dem Team vom Elisenheim für den mutigen Einsatz«.

Weitere Hilfsprojekte - Mehrmals berichtete die Gießener Allgemeine Zeitung von dem Kindergarten, für den sich Kehrers in Namibia engagieren. Er liegt in einer Siedlung, in der 4000 Menschen aus verschiedenen ethnischen Gruppen in 450 Blechhütten leben. Seit zwei Jahren kümmern sie sich um die jetzt sechsjährige taubstumme Anna, die bis dahin ohne jegliche Förderung im Kindergarten untergebracht war und die bei ihrem Großvater lebt, der den HI-Virus in sich trägt. Mit Unterstützung der Lindener gelang es, dem Mädchen mit einem Hörgerät zu helfen. Mittlerweile arbeitet Anna regelmäßig mit einer Logopädin, und wird demnächst eine Gebärdensprache-Schule besuchen. Wenn Kehrers wieder in Namibia sind, werden sie weitere Projekte in Angriff nehmen. So braucht die Kindergärtnerin dringend eine Wohnmöglichkeit. Für eine Familie, die in einer besonders armseligen Hütte lebt, soll eine neue Hütte gebaut werden, was umgerechnet etwa 500 Euro kosten wird. (gbp)

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