15. Juli 2010, 16:36 Uhr

In Sorge um die Kinder in der Hüttensiedlung

Linden (gbp). 4000 Menschen verschiedener ethnischer Gruppen in 450 Blechütten: eine Barackensiedlung 15 Kilometer außerhalb der namibischen Hauptstadt Windhoek; eine Gegend, die ein Weißer kaum freiwillig betritt. Mittendrin ein Kindergarten, in dem 80 Drei- bis Sechsjährige in zwei Räumen einer Wellblechhütte betreut werden.
15. Juli 2010, 16:36 Uhr
Sigi Wiegandt aus Linden, hauptberuflich Leiterin des Kindergartens »Pfiffikus« in Wißmar, bei ihrem Besuch im Kindergarten des »vergessenen Lagers« bei Windhoek / Namibia. (Foto: privat: gbp)

Linden (gbp). 4000 Menschen verschiedener ethnischer Gruppen in 450 Blechütten: eine Barackensiedlung 15 Kilometer außerhalb der namibischen Hauptstadt Windhoek; eine Gegend, die ein Weißer kaum freiwillig betritt. Mittendrin ein Kindergarten, in dem 80 Drei- bis Sechsjährige in zwei Räumen einer Wellblechhütte betreut werden. Diesen Kindergarten unterstützen - wie berichtet - die Lindener Michael Kehrer und Edelgard Häuser-Kehrer. Das Ehepaar hat dort eine zweite Heimat gefunden, weilt derzeit wieder für einige Wochen in Oberhessen.

Umgerechnet 35 Euro im Jahr kostet ein Platz in diesem Kindergarten. Viel Geld für manche Eltern oder gar Großeltern, die häufig ihre Enkel mit ihrer Rente von umgerechnet 40 Euro im Monat durchbringen müssen. Wenn das Geld nicht reicht, muss der Kindergartenbesuch ausfallen. »Oft sind nur 60 Kinder da«, erzählt Häuser-Kehrer. Mit viel persönlichem Engagement, Spenden, dem Erlös aus dem Verkauf kunsthandwerklicher Waren, etwaSchmuck aus Straußeneiern oder Insektenschutz aus Fliegennetz und Perlen, unterstützen Kehrers »Inges Kindergarten«, der nach einer älteren deutschen Frau benannt ist, die die Einrichtung aufgebaut hat. So können zwei Betreuerinnen finanziert werden, zwei ehrenamtliche Köchinnen sorgen für ein warmes Mittagessen.

Wichtig ist den Lindenern die vorschulische Bildung der Kinder. Unverzichtbar dabei die Vermittlung von Englischkenntnissen. Der spätere Schulunterricht findet in dieser Sprache statt, die viele der Kinder nicht sprechen.

In Wißmar tätige Kindergärtnerin aus Linden beeindruckt: Mit wenig kann man viel helfen

2009 hatten Kehrers beschlossen, eine Therapiemöglichkeit für die damals vierjährige taubstumme Anna zu finden, die ohne jegliche Förderung im Kindergarten untergebracht war. Nachdem ein Hörtest ergeben hatte, dass Anna über ein Resthörvermögen verfügt, stellte die schweizer Organisation »Clash« ein Hörgerät zur Verfügung, das eine Akustikerin - eine Bekannte des Ehepaars - anatomisch dem des Mädchens anpasste. Heute ist Anna fünf Jahre alt, beginnt bereits einen kleinen Wortschatz aufzubauen. Das Hörgerät trägt sie nur im Kindergarten. Ab September soll eine Logopädin in zwei Sitzungen pro Woche mit Anna arbeiten und feststellen, ob sie richtig sprechen lernen wird. Die Fahrten dorthin haben Kehrers übernommen. Ebenso haben sie dafür gesorgt, dass Anna künftig eine Rente erhält, die ihr als Schwerbehinderter per Gesetz zusteht. Das Mädchen lebt bei seinem an HIV erkrankten Großvater, der von dieser Möglichkeit nichts wusste und nicht in der Lage ist, die Formalitäten zu erledigen. Für den Antrag wurde Annas Geburtsurkunde benötigt, doch die hätte man in ihrem 700 Kilometer entfernten Geburtsort ausstellen lassen müssen. Über eine Bekannte im Innenministerium konnte das Lindener Ehepaar dss Problem auf dem kleinen Dienstweg lösen.

Nun wollen Kehrers einem fünfjährigen Jungen zu helfen. Dessen Problem: eine »wegrutschende« Pupille in einem Auge. Er soll von einem Augenarzt untersucht und, falls möglich, operiert werden.

Die Stadt Windhoek fühle sich nicht verantwortlich für den Kindergarten, lasse die Barackensiedlung links liegen, erzählt Michael Kehrer, der von einem »vergessenen Lager« spricht. Dort spielten Kinder zwischen Abfall, der nicht abgeholt wurde, bis Kehrers dafür sorgten, dass Container und Müllsäcke angeschafft wurden und laufend kontrollieren, ob die Bewohner diese auch nutzen. Seither holt die Stadt regelmäßig den Müll ab.

Wie unbürokratisch bereits mit wenig Geld geholfen werden kann, beeindruckte die Lindenerin Sigi Wieland, die mit ihrem Mann im Frühjahr bei Kehrers zu Besuch war. Dort lernte sie den Kindergarten kennen, der sie besonders interessierte, da sie selbst Erzieherin ist. Sie beschloss, von Deutschland aus weitere Hilfen zu organisieren und Spenden zu sammeln.

Als Leiterin des Kindergartens »Pfiffikus« in Wißmar stellte sie das Sommerfest unter das Motto »Afrika«. Dabei zeigte Afrika, wie sie es kennengelernt hatte - mit dem Kindergarten. »Dieser Kindergarten hat die Kinder hier ganz stark beeindruckt«, erzählt sie. Ergebnis des Sommerfestes: Von den Spenden kann zwei Kindern ein Jahr lang der Kindergartenbesuch ermöglicht werden.

Nach dem Vorbild von Edelgard Häuser-Kehrer, die 2009 Mützen für die afrikanischen Kinder gestrickt hat, die sie vor der frühmorgendlichen Kälte schützen, hat Wieland mit Hilfe »ihres« Frauenchors »Eintracht« Leihgestern 42 Wollschals gestrickt. Nun stricken die Frauen noch Socken, die die Kinder in den kalten Nächten im Bett tragen können.

Die Erzieherin will zudem erneut nach Namibia reisen und die Betreuerinnen schulen. »Ich bin froh, dass ich auf so direktem Weg helfen kann, ohne dass Geld in der Verwaltung großer Organisationen versickert.«



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