Linden

In Linden große Abschiedsgala für Lenz

Linden (agl). »Er hat die Begabung, anderen auf die Füße zu treten, ohne sich selbst weh zu tun.« Offensichtlich hat Dr. Ulrich Lenz das Füßetreten nicht geschadet, denn rund 1000 Menschen kamen am Freitagabend in die Stadthalle, um ihren Bürgermeister nach 36 Jahren an der Spitze Lindens in den Ruhestand zu verabschieden.
01. Juni 2013, 18:08 Uhr
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Albrecht Pfister überreichte Lenz die Büste.

Dies dürfte Beweis genug sein, dass viele entweder nicht nachtragend oder schlicht und einfach voll des Lobes für das sind, was Lenz geleistet hat. Ob Ministerpräsident Volker Bouffier, Regierungspräsident Dr. Lars Witteck, Bürgermeisterkollege Dr. Bernd Wieczorek aus Lollar, Hans Bausch, der einzige Stadtverordnete, der seit Lenz’ Amtsantritt und noch heute im Parlament wirkt: Sie alle und die anderen Redner zogen den Hut vor dem Lebenswerk des 69-Jährigen, der in Harbach aufwuchs und maßgeblich dazu beitrug, aus Großen-Linden und Leihgestern eine Stadt zu schaffen.

Das Musikcorps der Freiwilligen Feuerwehr Großen-Linden sorgte mit seinen Rhythmen auf dem Weg zur Bühne für den festlichen Auftakt, zu dem sich das Publikum erhob. Lenz und seine Lebensgefährtin Karin Losert folgten den Musikern, die Melodien etwa aus »Aber bitte mit Sahne« und »Griechischer Wein« folgen ließen.

Stadtverordnetenvorsteher Ralf Burckart hieß die Gäste willkommen – Vertreter von Vereinen, der Kirchen, Lindener Bürger, Politiker, darunter von der Berliner Bühne Parlamentarischer Staatssekretär Dr Helge Braun und Bundestagsabgeordneter Rüdiger Veit. Auch Freunde aus den Partnerkommunen in Tschechien, Polen, Frankreich, Österreich, Sachsen und Japan gaben sich die Ehre. Zudem viele derzeitige und ehemalige Bürgermeister aus dem Landkreis und der aus Linden stammende Ulrich Künz, dienstältester Bürgermeister in Hessen, der die Lenz’sche Amtsdauer nur minimal überragt.

»Du hast Maßstäbe gesetzt«, würdigte Burckart seinen CDU-Parteifreund und attestierte ihm »36 gute Jahre für unser Linden«. Der Parlamentsvorsteher dankte dem scheidenden Bürgermeister im Namen der Lindener Bürger und wünschte ihm viele gesunde Jahre.

»Bleib unbequem!«

Zum Schmunzeln die Einleitung des Regierungspräsidenten. Angesichts von 101 Bürgermeistern im Regierungsbezirk habe er sich dazu entschlossen, nur noch zu Verabschiedungen von Verwaltungschefs zu gehen, die schon im Amt waren, als er noch nicht den Kindergarten besuchte. Witteck bescheinigte Lenz eine mehr als eindrucksvolle Lebensleistung, bezeichnete Linden als eine der erfolgreichsten und am stärksten prosperierenden kommunalen Einheiten. Die Stadt gehöre hinsichtlich ihrer Finanzstärke zu den Top drei unter den 101 Kommunen. Die Ansiedlung des Gewerbes suche ihresgleichen. Was die Pflege nationaler und internationaler Beziehungen »über Grenzen ganzer Kontinente« betreffe, so habe Lenz »unser ganzes Land hervorragend vertreten«. Dem scheidenden Bürgermeister sei es »immer wieder gelungen, sich und seine Stadt neu zu erfinden«, lobte Witteck, verwies dabei auf Kinderbetreuung und erneuerbare Energien. »Klare Kanten, Streit nicht aus dem Weg gegangen« – der RP unterstrich Lenz’ unbequeme Facetten. Er sei »so gradlinig, dass es manchmal schon weh tut«. Die Unbequemen, die Hartnäckigen und Fordernden aber würden eben auch die Gesellschaft voran bringen, sagte Witteck und bat den jetzigen Ruheständler: »Bleib unbequem, zum Nutzen von uns allen.«

Hans Bausch blickte zurück auf den 17. Mai 1977, als sich die Mehrheit der Stadtverordneten bei der Wahl im Saale Schaum Saal für den Kandidaten Lenz aussprach,. Damals habe niemand geglaubt, dass der ehemalige Harbacher 36 Jahre lang im Amt bleiben würde. »Es war manchmal gar nicht so leicht mit dir. Das ist auch gut so«, sagte Bausch. Er danke dem scheidenen Bürgermeister im Namen aller Stadtverordneten. Mit der Lenz’schen »Beharrlichkeit, man kann auch Sturheit sagen«, sei über Parteigrenzen hinweg viel erreicht worden.

Die Zahl der Gäste in der Stadthalle zeige den großen Respekt, die Achtung vor Dr. Ulrich Lenz, sagte Michaela Seipp als Vorsitzende der TSG Leihgestern und stellvertretend für die 84 Lindener Vereine. Lenz habe sich insbesondere für die Jugend stark gemacht, pflege zu vielen Vereinen Verbundenheit und Freundschaft.

Als Personalratsvorsitzende der Stadtverwaltung attestierte Birgit Dilger-Becker ihrem Chef, eine jahrzehntelange gute Zusammenarbeit mit den Beschäftigten, derzeit seien es 115. Für den (Un)-Ruhestand des 69-Jährigen schloss sie ein »Zurücklehnen im Wohnzimmersessel« aus.

Ein plastisches Dankeschön präsentierte im Anschluss Albrecht Pfister im Namen mehrerer Lindener Bürger: Eine im Rot der Rathausfassade gehaltene Lenz-Tonbüste auf einem alten Stück Eichenholz. Angefertigt hatte dies Anna-Dorothea Neuhäuser. Pfister dankte für ein »segensreiches Wirken in dieser Stadt«, zählte in Bezug auf Lenz Integrationsleistung, Gestaltungswillen und das Widerstehen gegen die Verlockung öffentlicher Verschuldung auf.

Pfeiffer & Ebert im Fern-Duett

Landrätin Anita Schneider wünschte Lenz das Beste und würdigte seinen Einsatz für das Wohl der Stadt. Paul Weimann (Präsident) und Karl-Christian Schelzke (Geschäftsführender Direktor) hielten die Reden im Namen des Hessischen Städte- dun Gemeindebundes, beschenkten den Neu-Ruheständler mit Boule-Kugeln, Golfbällen und Rotwein und sprachen auch Jörg König, von heute an Lindener Bürgermeister, an. König bekam später von Lenz die Amtskette überreicht.

Der Lollarer Bürgermeister Dr. Bernd Wieczorek dichtete die Weihnachtsgeschichte auf den Protagonisten Lenz um – »… Ihr werdet ihn finden im Rathaus, aber gelegentlich auch in Bodenmais« « – und erzählte von dessen Macken in Sachen Mittagsschlaf und Radfahren.

Für den musikalischen Rahmen war reichlich gesorgt, traten doch die Männerchöre der Gesangvereine Liederkranz und Eintracht Leihgestern, der Frauenchor des Liederkranzes, zudem die Großen-Lindener Gesangvereine Germania und Harmonie sowie der evangelische Kirchenchor auf.

Zum Abschluss sang als Überraschung Tom Pfeiffer gemeinsam mit dem aus Dänemark auf Leinwand zugeschalteten Heinz-Jörg Ebert – Zwei der »Drei Stimmen« – »Time to say goodbye«. Weiterer Bericht zum umfangreichen Programm folgt.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/kreisgiessen/linden/Linden-In-Linden-grosse-Abschiedsgala-fuer-Lenz;art99,81691

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