25. Mai 2008, 19:30 Uhr

Wirksame Strategien gegen ein grausames Ritual

Lich (us). Als Werkzeug dienen rostige Messer, Rasierklingen oder auch Glasscherben. Die Opfer sind Mädchen meist zwischen vier und acht Jahren: Weibliche Genitalverstümmelung ist in etwa 30 afrikanischen Ländern bis heute gängige Praxis, rund zwei Millionen Mädchen sind jährlich davon betroffen.
25. Mai 2008, 19:30 Uhr
(I)NTACT-Gründerin Christa Müller mit dem großen Waaba-Chef Yrikaté. In stark hierarchisch geprägten Ethnien ist es wichtig, die traditionellen Eliten in die Aufklärungsarbeit einzubinden.
Lich (us). Als Werkzeug dienen rostige Messer, Rasierklingen oder auch Glasscherben. Die Opfer sind Mädchen meist zwischen vier und acht Jahren: Weibliche Genitalverstümmelung ist in etwa 30 afrikanischen Ländern bis heute gängige Praxis, rund zwei Millionen Mädchen sind jährlich davon betroffen. Doch ein Land hat dem grausamen Brauch mittlerweile abgeschworen: Benin erklärte sich im April 2005 für beschneidungsfrei. Diesem offiziellen Akt war intensive Basisarbeit vorausgegangen, zu der auch ein Licher beigetragen hat: Detmar Hönle. Der ehemalige Französischlehrer der Gießener Herderschule ist zweiter Vorsitzender des Vereins (I)NTACT, der Internationalen Aktion gegen die Beschneidung von Frauen und Mädchen. In Zusammenarbeit mit seinen afrikanischen Partnerorganisationen hat der Verein, wie das Beispiel Benins zeigt, wirksame Strategien entwickelt, um der weiblichen Beschneidung ein Ende zu setzen. Jetzt startet eine neues Projekt in Togo.

Gegründet wurde der (I)NTACT 1996 von Christa Müller. Die Frau von Oskar Lafontaine, damals noch saarländischer Ministerpräsident, war bei einem Staatsbesuch in Benin von der Ehefrau des Staatspräsidenten auf das Problem der weiblichen Genitalverstümmelung aufmerksam gemacht. Das grausame Ritual ist in vielen Ethnien tief verwurzelt Meistens amputiert man die Klitoris und die kleinen Schamlippen teilweise oder ganz. Bei der gravierendsten Form, der Infibulation, werden zudem auch die großen Schamlippen teilweise abgeschnitten, der Scheideneingang wird bis auf eine kleine Öffnung zugenäht. Die Operationen finden meist in einfachen Hütten, ohne Betäubung und unter katastrophalen hygienischen Bedingungen statt. Viele Mädchen sterben an dem Eingriff. Die Überlebenden leiden ihr Leben lang unter den Spätfolgen, darunter chronische Entzündungen, extreme Menstruationsbeschwerden, Komplikationen beim Geschlechtsverkehr oder Unfruchtbarkeit.

Hönle, der das westafrikanische Land 1993 durch einen Bekannten kennengelernt hatte und sich in der deutsch-beninischen Freundschaftsgesellschaft engagierte, stieß schon bald nach der Gründung zu (I)NTACT. Er hatte gerade schweren Herzens ein eigenes Hilfsprojekt, den Aufbau eines Technologiezentrums, nach dreijähriger Planungsphase wegen ungeklärter Grundstücksfragen abgeblasen, bei diesem Fehlschlag aber Erfahrungen gesammelt, die ihm nun bei dem neuen Verein sehr zugute kamen. Oberste Regel: »Man darf nicht versuchen, die Ideen des weißen Mannes umzusetzen, sondern muss mit den Betroffenen etwas gemeinsam entwickeln.«

Nach dieser Devise arbeitet auch (I)NTACT. Der Verein realisiert keine eigenen Projekte, sondern arbeitet mit afrikanischen Organisationen zusammen. In den Schwerpunktländern Togo, Benin, Burkina Faso und Senegal werden derzeit 17 Gruppen finanziert. In Benin, einem Land mit etwa sechs Millionen Einwohnern, oblag es anfangs (I)NTACT-Gründungsmitglied Martina Pauly, geeignete Kooperationspartner an Land zu ziehen. Doch der jungen Volkswirtin fehlte auf Dauer die Zeit für diese intensive Arbeit. So übernahm Hönle, der vor acht Jahren in Pension ging, immer mehr Aufgaben. Als zweiter Vorsitzender kümmert er sich heute um die Koordination der Projekte und um die Verhandlungen mit den Geschäftsführern der Partnerorganisationen. Zudem hält er den Kontakt zum Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, das die Arbeit mitfinanziert.

Die weibliche Beschneidung ist eine tief verwurzelte soziale Norm und für die Ethnien, die sie praktizieren, ein wichtiger Bestandteil ihrer kulturellen Identität. Ein Mädchen, das nicht beschnitten ist, gilt als unrein oder gefährlich und hat innerhalb seiner Gemeinschaft keine Heiratschancen. Genau das ist laut Hönle das zentrale Problem beim Kampf gegen die Genitalverstümmelung. »Der einzelne kann nicht ausscheren: Entweder das ganze Dorf - oder gar nicht.«

Anfangs setzte (I)NTACT auf die Finanzierung so genannter Multiplikatoren-Seminare, in denen Dorfchefs, Lehrer, Hebammen und Krankenschwestern über die Gefahren der weiblichen Beschneidung aufgeklärt wurden. Doch ein greifbarer Erfolg blieb aus. »Als wir nach einer Weile unsere Kooperationspartner nach Dörfern fragten, in denen die Beschneidung aufgehört hat, mussten die passen«, erzählt Hönle.

Der zündende Gedanke kam schließlich aus einer der Partnerorganisationen. »Porte à porte« heißt die Strategie, die in Benin schließlich zum Erfolg führte. Sozialarbeiterinnen, so genannte Animatricen, ziehen von Hof zu Hof und sprechen mit den Großfamilien über die Risiken und die Sinnlosigkeit der Beschneidung. Wenn alle aufgeklärt sind, wird das Thema in einer Dorfversammlung erörtert. Außerdem wird ein Dorfkomitee gegründet, das, quasi als verlängerter Arm der Animatricen, dafür sorgt, dass die Aufklärung nachhaltig ist. Laut Hönle knüpft die Methode an die uralte afrikanische Tradition an, im Palaver zum Konsens zu finden. »Man redet solange, bis man sich einig ist, und das Resultat wird dann vom Chef oder König offiziell verkündet.«

Ein Problem konnte »Porte à porte« nicht lösen: Die Beschneiderinnen, die innerhalb der Gemeinschaft eine angesehene Stellung hatten und durch ihre Tätigkeit ihren Familien ein Zubrot verschafften, waren immer noch da. Wenn sie in der Trockenzeit, der traditionellen Saison für Beschneidungen, über die Dörfer zogen, drohten Rückfälle. Wie also bewegt man diese Frauen zum Umdenken? Mit Kleinkrediten! Die Strategie hat Toussaint N'Djonoufa entwickelt, ein Agrarökonom, der in Leipzig studiert hat und im Auftrag von (I)NTACT vor Ort darauf achtete, dass die Partnerorganisationen die Gelder zweckdienlich einsetzen.

»Toussaint hat das in die Hand genommen, hat die Frauen angesprochen und ihnen Hilfe angeboten. Und Hilfe heißt in Afrika auch immer Geld«, erzählt Hönle. Mit zinsgünstigen Darlehen von etwa 250 Euro können die Beschneiderinnen nach dem Ausstieg einen kleinen Handel aufzuziehen oder Saatgut kaufen. In speziellen Seminaren würden die Frauen zudem aufgeklärt worden. »Sie wissen ja gar nicht, was sie anrichten. Sie rutschen in die Tätigkeit rein, weil es vorher die Oma gemacht hat oder die Tante. Sie denken, sie tun etwas Gutes.« Doch unterbewusst litten die Beschneiderinnen unter ihrem Tun. So könnten die Gespräche in den Seminaren auch dazu beitragen, sie von ihrer seelischen Bürde zu entlasten. Als sehr effektiv habe sich auch der Einsatz ehemaliger Beschneiderinnen bei der Aufklärungsarbeit erwiesen.

Ein großer Tag für (I)NTACT war der 9. April 2005. An diesem Tag erklärte Benin in einem Staatsakt, an dem auch die deutsche Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul teilnahm, das Ende der Beschneidung. Mittlerweile lasse sich anhand statistischer Erhebunge aus den Jahren 2001 und 2006 nachweisen, dass das grausame Ritual bis auf Einzelfälle nicht mehr praktiziert werde, berichtet der zweite Vorsitzende. »Die soziale Norm ist gekippt. Wer heute seine Tochter verheiraten will, darf sie nicht mehr beschneiden lassen.« Die 500 000 Euro, die der Verein in die Aufklärungsarbeit investierte, hätten sich gelohnt.

In Benin ist (I)NTACT noch mit einigen Nachfolgeprojekten präsent, die das Erreichte absichern sollen. Der Blick richtet sich jetzt verstärkt auf die Nachbarländer Burkina Faso und Togo. In Togo soll in wenigen Wochen auf einer großen Pressekonferenz der Beginn eines dreijährigen Projekts verkündet werden. Dessen Ziel heißt: Ende der Beschneidungen im Jahr 2011. 440000 Euro stehen für diese Aufgabe zur Verfügung, 300000 Euro übernimmt das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit, die restlichen Gelder muss (I)NTACT aufbringen. »Ohne Spenden können wir nichts ausrichten«, sagt Hönle. Deshalb gehören Informations- und Benefizveranstaltungen (wie kürzlich »Maimouna« im Licher Kino »Traumstern«) ebenfalls zu den Aufgaben des Vereins, der sich mit anderen gleichgesinnten Gruppen unter Schirmherrschaft von Bundespräsident Horst Köhler im Anti-Beschneidungsnetzwerk INTEGRA zusammengeschlossen hat.

(Fotos: Hönle 3/us 2)

Spenden: (I)NTACT, Kontonummer 712 000, Sparkasse Saarbrücken, BLZ 590 501 01.

Infos im Internet:

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