02. April 2009, 16:30 Uhr

»Warum gerade ich« - diese Frage quält viele Krebspatienten

Lich (dw). »Warum gerade ich?«, diese Frage quält viele Krebspatienten noch lange nach der ersten Diagnose. Das sei nicht verwunderlich, meint Psychologe Stefan Zettel, der auf Einladung der Asklepios Klinik Lich, vor rund 100 Krebspatienten über die Rolle der Seele bei Entstehung und Verlauf einer Krebserkrankung referierte.
02. April 2009, 16:30 Uhr
Stefan Zettel

Lich (dw). »Warum gerade ich?«, diese Frage quält viele Krebspatienten noch lange nach der ersten Diagnose. Das sei nicht verwunderlich, meint Psychologe Stefan Zettel, der am Mittwochnachmittag auf Einladung der Asklepios Klinik Lich, vor rund 100 Krebspatienten über die Rolle der Seele bei Entstehung und Verlauf einer Krebserkrankung referierte. Erleichtert nahmen die überwiegend weiblichen Gäste seine Hauptbotschaft auf: »Weder Gedanken noch Gefühle können Krebs auslösen. Niemand muss sich aus diesen Gründen schuldig an der eigenen Erkrankung fühlen!«

Die Diagnose »Krebs« ist für die meisten ein Schock. Ist der überwunden, fangen die Grübeleien, die Suche nach den Ursachen an. Die medizinischen Risikofaktoren sind mittlerweile bekannt. Dass Rauchen, mangelnde Bewegung, Übergewicht und falsche Ernährung das Risiko erhöhen an bestimmten Krebsarten zu erkranken, hatte der Onkologe Dr. Uwe Kullmer von der Asklepios Klinik zu Beginn der Veranstaltung erläutert. Doch auch er musste zugeben, dass Risikofaktoren keine Erklärung für individuelle Erkrankungen sind.

Wer an Krebs erkrankt obwohl er gesund gelebt, Sport getrieben, sich mit viel Obst und Gemüse ernährt habe, der sucht nach anderen Erklärungsmustern. Eine vermeintliche Antwort liefern Publikationen und Therapeuten, die den Mythos einer »Krebspersönlichkeit« nähren. Krankheit wird als Botschaft des Körpers interpretiert, die falsch gedeutet zur Krankheit geführt habe. Viele Autoren vermitteln damit den Eindruck, als könne ein psychisch falsches Leben eine Krebserkrankung auslösen und eine psychische Behandlung heilen. In ihren Veröffentlichungen fordern sie die Suchenden auf, »die Macht der positiven Gedanken« zu aktivieren oder sich »seelisch zu reinigen«, um die Krankheit auf psychischem Wege zu bekämpfen.

Psychologe Zettel argumentierte gegen einige Studien, die diese vermeintlichen Zusammenhänge belegten. Die alleinige Tatsache, dass viele Krebspatienten Persönlichkeitsmerkmale wie verminderten Ausdruck von Wut, Opferbereitschaft, hohes moralisch-ethisches Selbstkonzept und die Neigung zur Depressivität aufwiesen, könne nicht als Risikofaktor gewertet werden. Sie seien vielmehr als Folge, nicht als Ursache der Erkrankung zu sehen. Lediglich bei nicht diagnostizierten und nicht behandelten depressiven Erkrankungen, nicht zu verwechseln mit depressiven Verstimmungen, läge das Krebsrisiko höher. Auch Erklärungsmuster, die der Psychologe eine Reihung lebensverändernder Ereignisse nennt, wie der Tod eines Angehörigen, Trennung, Scheidung oder Ähnliches hielten einer Überprüfung nicht stand. Das tatsächlich häufigere Vorkommen dieser Ereignisse in den Biographien von Krebspatienten sei vor allem darauf zurückzuführen, dass Krebs eine Erkrankung des Alterns sei und damit vor allem ältere und erfahrenere Menschen treffe. Unbestritten sei zwar, dass der häufig genannte Faktor Stress, körperliche Reaktionen auslöse. Der Einfluss von Stress auf das Immunsystem und damit auf eine Krebserkrankung sei naheliegend, aber nicht nachweisbar, denn Stress werde sehr unterschiedlich empfunden. Die klare Botschaft an die Krebspatienten lautete: Stress ist normal und hat wichtige Funktionen. Die Angst vor einer negativen Wirkung von Stress, falschen Gedanken oder vermeintlich schlechten Gefühlen erhöhe diesen lediglich. Ebenso wenig wie es eine Risikoverhaltensweise gebe, so wenig nachweisbar sei auch der heilende Einfluss einer psychologischen oder psychotherapeutischen Behandlung auf eine Krebserkrankung. Sie könne aber in der Tat zu einem besseren Allgemeinbefinden beitragen und sei immer dann angeraten, wenn die Erkrankung nicht zu bewältigende Angstzustände auslöse. Für das Leben mit Krebs riet er den Anwesenden, nach Dingen zu suchen, die ihre Lebensqualität trotz oder gerade wegen der Erkrankung verbessere.

Musik als einen möglichen Weg zu mehr Zufriedenheit hatte die Musiktherapeutin Barbara Nölle bereits vorgestellt. Musik mache nicht nur glücklich, entspanne und stärke das Immunsystem sondern könne auch helfen, Angst abzubauen.Die Angst zu Singen nahm den Gästen der Licher Männers G’sangverein »Schall und Rauch«. Mit beschwingten Melodien machte er Lust an und auf Musik, als Bereicherung eines wenn auch von Krankheit gezeichneten Lebens. (Foto: dw)

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