Lich

Oliver Steller mit Morgenstern-Programm in Lich

Oliver Steller liest Morgenstern – mehr braucht man eigentlich zum aktuellen Programm des renommierten Rezitators und Musikers nicht zu sagen. Fast 100 Zuhörer waren am Samstag ins Kulturzentrum Bezalel-Synagoge gekommen, um »Frag nicht lang« zu hören. Sie wurden nicht enttäuscht, Steller gab eine in jeder Hinsicht hervorragende Vorstellung.
11. Mai 2014, 20:08 Uhr
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Wie üblich, möchte man fast ergänzen, denn der Bonner Künstler, Jahrgang 1967, ist bekannt für die hohen inhaltlichen, technischen und nicht zuletzt emotionalen Qualitäten seines Vortrags. Diesmal singt er sogar einfach unverstärkt in den fast vollen Saal und begleitet sich auf einer Fender Stratocaster und einer Dobro von National. Da man sofort nach Beginn eine Stecknadel fallen hören könnte, geht das. Die gewohnte, ganz intime Perfektion des Stimmklangs bleibt aber im hinteren Parkett doch zurück.

Steller konzentriert sich nicht nur auf die heiteren Arbeiten Morgensterns (1871 bis 1940). Für die ist der zwar am bekanntesten, sie machen aber nur ein Fünftel seines Werks aus, sagt er. Die Mischung des Programms stimmt: Steller verschmilzt biografische, historische und andere Informationen und Details mit gesprochenen Beispielen und natürlich Liedern.

Dabei erfährt man Hochinteressantes, dass Morgenstern etwa »die Sprache entbürgerlichen« wollte. Erstaunlich, wurde er doch zunächst in einer »Erziehungsanstalt« rigide zu den rechten Werten geführt. »Der nicht geschundene Mensch wird nicht gebildet,« sprach damals der Vater, ein Landschaftsmaler. Nach einem bescheidenen Abitur (»Wenig genügend«) beginnt er ein Studium. Auch danach war Morgensterns Dasein nicht sonnig. Er hatte sich bei seiner Mutter, einer Pianistin, mit Lungentuberkulose angesteckt, die ihn nach Jahren zu einer fünfmonatigen »Liegekur« zwang.

Von da an ging es bergab, er hatte kein Geld mehr, die Familie wollte nichts mehr von ihm wissen, und erst seine Ehe mit Margareta Gosebruch von Liechtenstern brachte Glück in sein Leben.

Gleichwohl errang er schon zu Lebzeiten den Respekt namhafter Kollegen. Rilke etwa nannte ihn »einen wundersamen Märchenprinzen«, auch Tucholsky schätzte ihn.

Und dann die Lieder: Aus »Schauder« macht Steller einen perfekten Countrysong, eine Umsetzung, die vollkommen natürlich und angebracht klingt; erstklassig gespielt. Genau wie »Die Flamme«, ein erstes Glanzlicht. Ebenso das köstliche Lied über »Drei Hasen« im Mondschein (»Der eine ist ein Löwe, der andre eine Möwe, der Dritte ist eine Reh«) – wunderschön erzählt und ebenso auf der elektrischen Gitarre begleitet. Ganz ausgezeichnet bringt er auch »Das Geierlamm« (»Es frisst dich auf aus nächster Näh'), eine etwas finstere, schräge kleine Geschichte. Die Begleitung mit Dobro und eingespielten Passagen ist dramaturgisch toll gemacht, hinreißend. Herausragend gelingt auch die »Meeresbrandung«, die Steller lautmalerisch und gestisch beeindruckend einfach nur spricht. Noch ein Höhepunkt ist das Liebesgedicht »An den anderen«, das mit der wunderbaren Zeile schließt, »Aus zwei Verirrten wird ein liebend Paar«. Dazu spielt Steller ein tolles; an Hendrix erinnerndes Solo – so geht das den ganzen Abend. Es ist ein großartiges, dichtes Programm. Das Publikum ist sofort hingerissen. (kdw/Foto: kdw)

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