26. November 2009, 17:34 Uhr

Mehr erlebt, als in ein Leben passt

Moritz Neumann las im Licher Kulturzentrum »Bezalel« aus der Biographie seines jüdischen Vater: "Im Zweifel nach Deutschland".
26. November 2009, 17:34 Uhr
Hans Neumann - das Foto entstand 1944 im Stützpunkt Hyéres westlich von Cannes. Wenig später marschierte der Jude aus Deutschland im Gefolge von General de Gaulle und der Amerikaner in Paris ein. (Foto: pm)

Lich (gl). Ein Leben voller Gefahren und Angst um das eigene Leben - das kann durchaus auch abenteuerliche Züge haben. Das dachte wohl auch der kleine Moritz Neumann, wenn er sich auf der Besucherritze im elterlichen Schlafzimmer sitzend die Geschichten aus dem Leben seines Vaters erzählen ließ. Immer und immer wieder wollte der Junge hören, was sein Vater erlebt hatte - und viele Jahre später hat der inzwischen längst erwachsen gewordene Moritz die Geschichten in Romanform niedergeschrieben. »Im Zweifel nach Deutschland« heißt das Buch, das ein unglaublich fesselndes Dokument der Zeitgeschichte geworden ist. Erzählt wird die Geschichte von Hans Neumann, der als Jude vor den Nazis floh, im Spanischen Bürgerkrieg kämpfte, Fremdenlegionär war und sich mit »Zweifel im Herzen« nach dem Krieg in Fulda niederließ. Moritz Neumann las im Licher Kulturzentrum »Bezalel« aus der Biographie seines Vater. Im aufmerksam lauschenden Publikum saßen eine achte Klasse der Schwingbachschule in Rechtenbach, Oberstufenschüler der Wetzlarer Goetheschule sowie der Hungener Gesamtschule.

»Eigentlich wäre es ein Drehbuch für einen Film« stellte Dr. Klaus Konrad-Leder von der veranstaltenden Ernst-Ludwig Chambré-Stiftung zu Beginn der Lesung fest und auch Autor Moritz Neumann, der als Journalist in Darmstadt arbeitet und Vorsitzender des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden in Hessen ist, konnte durchaus Parallelen zum Film »Inglorious Bastards« erkennen. Sein Vater, der als Sohn eines Textilhändlers in Breslau aufwuchs, hat erlebt, was eigentlich mehr ist, als in ein einziges Leben passt.

Nach der Machtergreifung durch die Nazis musste Hans Neumann als junger Mann 1936 aus seiner Geburtsstadt fliehen. Als Jude und Sozialdemokrat leistete er Widerstand gegen die Nationalsozialisten. Als ihn sein Jugendfreund Gregor - der längst ein Gestapomann geworden war - vor der anstehenden Verhaftung warnte, flüchtete Hans Hals über Kopf zunächst nach Prag. Als Freiwilliger schloss er sich den Internationalen Brigaden im spanischen Bürgerkrieg an, musste aber schon bald erkennen, dass er und seine Kameraden dort als »Kanonenfutter« missbraucht wurden. Als Angehöriger des berühmten Thälmann-Bataillons wurde er Zeuge der erbitterten ideologischen Auseinandersetzungen zwischen Kommunisten, Anarchisten und Sozialdemokraten. Nach Francos Sieg flüchtete er vor der drohenden Internierung von Spanien über die Pyrennäen nach Frankreich und in die Niederlande, um dann, unter anderem Namen, in der Fremdenlegion Unterschlupf zu finden. Nach Marokko und Algerien wurde er geschickt. Doch auch dort holte ihn der Antisemitismus wieder ein. Auf Anordnung der Vichy-Regierung wurde er aus der Legion entlassen und in ein Zwangsarbeiterlager überstellt. Beim Bau der Transsahara-Eisenbahn schuftete er skalvengleich und ruinierte sich die Gesundheit. Truppen des Generals de Gaulle befreiten Hans Neumann und seine Leidensgenossen schließlich nach zwei Jahren und der deutsche Jude kämpfte bis zum Ende des Krieges eals regulärer französischer Soldat für Frankreich weiter.

Wie kann ein Mann, der solches erlebt hat, schließlich nach Deutschland, das Land seiner Peiniger, zurückkehren; dort gar eine Familie gründen? Wie kann er in dem Land leben, dessen Bewohner seine Geschwister, Cousins, Onkel und Tanten in Konzentrationslagern getötet haben? Und warum ist der ehemalige Fremdenlegionär nicht französischer Staatsbürger geworden?

Hans Neumann hat den Schritt gewagt, der für viele Juden undenkbar gewesen wäre. Er kehrte nach Deutschland zurück - »halb gewollt, halb nicht gewollt, halb aus Überzeugung« wie sein Sohn beschreibt. Er engagierte sich in der jüdischen Gemeinde in Fulda und blieb dort bis zu seinem Tod 1972. »Wenn alle Anständigen im Ausland geblieben wären, wer hätte das bessere Deutschland aufbauen sollen?« hat er später einmal seinem Sohn erklärt. Deutschland war aber auch das Land seiner Sprache, seiner Kultur und Sozialisation - zum gänzlichen Neuanfang fehlte die Kraft.

Sein Vater sei sich lange nicht sicher gewesen, mit der Rückkehr nach Deutschland das Richtige getan zu haben, berichtete Moritz Neumann den Schülern bei der Lesung in Lich. Mit seiner Frau Frania Broner, einer polnischen Jüdin, die Auschwitz überlebt hatte und 1948 Sohn Moritz auf die Welt brachte, habe der Vater lange quasi auf gepackten Koffern gesessen - bereit, an einer anderen Ecke der Erde, vielleicht in Australien, neu anzufangen. Doch das kranke Herz machte einen Strich durch diese Rechnung.

In »Im Zweifel nach Deutschland« hat Moritz Neumann die Geschichte seines Vaters wie in einem Abenteurroman niedergeschrieben. Themen der drei kurzen Kapitel, die der Autor in Lich vortrug, waren die Flucht des Vaters aus Breslau, ein Gespräch mit einem Kameraden im Spanischen Bürgerkrieg über Deutschland und seine Schuld durch den Terror der Nationalsozialisten sowie ein Treffen Hans Neumanns mit einem in Deutschland gebliebenen anderen Juden. Drei »Häppchen«, die eindeutig Lust machten, mehr zu lesen. Das Buch ist übrigens auch als fünf CDs umfassendes Hörbuch erhältlich.

Dass Moritz Neumann mit seinem Buch die Jugendlichen berührt hatte, das merkte man nicht nur daran, wie aufmerksam ihm die allermeisten Schüler lauschten, sondern auch daran, dass im Anschluss an die Lesung zahlreiche Fragen gestellt wurden. Und so gab es noch den ein oder anderen »Nachschlag« zum Gelesenen in Form von kleinen Anekdoten. Dabei konnte Neumann auch von drei französischen Orden berichten, die seinem Vater posthum in Anerkennung seiner Verdienste für Frankreich verliehen worden waren - nachdem die Franzosen zunächst Moritz Neumanns Buch genauestens auf seinen Wahrheitsgehalt hin unter die Lupe genommen hatten und jedes Details als richtig anerkannt hatten.

8 Moritz Neumann, »Im Zweifel nach Deutschland - Geschichte einer Flucht und Rückkehr«, Verlag Zu Klampen. Springe, 400 Seiten, 24 Euro, ISBN 3-934920-57-8

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