30. April 2010, 10:40 Uhr

Licher bauten »Mini E« zu Rennwagen um

Lich/Grünberg (no). Knapp drei Wochen ist es her, da ließ eine Meldung aus München zumindest das für Automobiltechnik sensibilisierte Fachpublikum aufhorchen: »Mit grüner Kraft durch die ›Grüne Hölle‹. Emissionsfreier ›Mini E Race‹ meistert als erstes Fahrzeug mit Elektroantrieb die Nürburgring-Nordschleife im Renntempo.«
30. April 2010, 10:40 Uhr
In Lich gebaut: der »Mini E Race«, ein Rennwagen-Unikat des Elektrowagens der BMW-Gruppe. (Fotos: no, Werksfotos)

Lich/Grünberg (no). Knapp drei Wochen ist es her, da ließ eine Meldung aus München zumindest das für Automobiltechnik sensibilisierte Fachpublikum aufhorchen: »Mit grüner Kraft durch die ›Grüne Hölle‹. Emissionsfreier ›Mini E Race‹ meistert als erstes Fahrzeug mit Elektroantrieb die Nürburgring-Nordschleife im Renntempo.« Die Nachricht kam von der BMW-Gruppe, die für sich in Anspruch nimmt, als erster Automobilhersteller »dieses anspruchsvolle Projekt« umgesetzt zu haben. Eine modifizierte Version des serienmäßigen »Mini E« hatte am 12. April die 20,8 Kilometer lange Rennsportstrecke in der Eifel mit bis zu 187 km/h Spitzengeschwindigkeit in einer Zeit unter zehn Minuten gemeistert: exakt in 9:51,45! Was nach der gutachterlich attestierten Belastungsprobe zunächst nicht gesagt wurde: Zwei Unternehmen aus dem Gießener Land waren an dem Erfolg maßgeblich beteiligt. Gebaut wurde das Unikat in Lich beim Dienstleister »punktEins«, konkret in dessen »Autoschmiede« namens »Auto3«. Und ein wichtiges Bauteil im »Mini E« - nicht nur der Rennversion, sondern in allen rund 600 Prototypen - stammt von der Firma Dipl.-Ing. W. Bender aus Grünberg, die für innovative Mess-, Schutz- und Überwachungssysteme bekannt ist.

Ortstermin in Lich, im Gewerbegebiet an der Hungener Straße. Gesprächspartner sind die »Macher«: Michael Gerber, geschäftsführender Gesellschafter von »punktEins«, Geschäftsführer Marko Dressel und Jörg Rauchmaul, Technik-Mastermind des Hauses. Für sie ebenso wie für die Mechaniker-Crew unter Leitung von Lutz Gattwinkel war das Unternehmen »Mini E Race« ein zunächst etwas belächelter Auftrag von höchster Geheimhaltung und letztlich »ein ziemlich geiles Projekt«.

Der 47-jährige gelernte Handwerksmeister und Ex-Rallye-Profi Gerber, unter anderem in den frühen Neunzigern bei der »Monte« am Start, hatte mit seiner vor zehn Jahren gegründeten und auf automobile Themen spezialisierten Dienstleistungsagentur mit BMW bereits zu tun, als die Bayern 2004 die Lifestyle-Club-Serie ihres britischen Ablegers »männlicher positionieren« wollten auf dem Markt. Ein Ergebnis davon ist unter anderem die von den Lichern organisierte »Mini«-Challenge, eine Rennserie mit viel Clubsport-Charakter.

2008 war von der BMW-Gruppe auf dem Autosalon in Los Angeles der »Mini E« vorgestellt worden; produziert in einer Auflage von 611 Exemplaren, alles rein elektrisch betriebene Fahrzeuge für die private Nutzung im Alltagsverkehr. Der Antrieb: Ein 150 kW/204 PS starker Elektromotor, der seine Energie aus einem leistungsstarken Lithium-Ionen-Akku bezieht und seine Kraft nahezu lautlos und emissionsfrei über ein einstufiges Stirnradgetriebe an die Vorderräder überträgt. Reichweite: 250 Kilometer. Seither sind diese »Minis« unterwegs im Rahmen eines Pilotprojekts mit ausgewählten Privat- und Firmenkunden in den US-Bundesstaaten Kalifornien, New York und New Jersey, aber auch in Japan, China (!) sowie einer ganzen Reihe von Metropolen, darunter London.

Mit diesem Großfeldversuch will der Hersteller Daten und Fakten sammeln für die Serienreife, für den die weitere Forschung in Sachen »E-Mobility«. Wie ist das (subjektiv wahrgenommene) Fahrverhalten? Was ist mit dem Sound, dem nicht hörbaren Motorengeräusch? Wie kommt Otto Normalverbraucher damit zurecht?

Den »Geheimauftrag« für die Licher könnte man so charakterisieren: Schauen, welche Performance drinsteckt im »Mini E«. Dazu war ihnen im November das Modell mit der Seriennummer 395 überstellt worden. Der Wagen sei dann komplett zerlegt worden. »250 Kilogramm haben wir rausgeholt«, berichteten die »Autoschmiede« - Gewicht, das man brauchte, um die Rennkomponenten zu installieren - darunter Bremsen, Fahrwerk, Überrollkäfig -, ohne das Auto zu schwer zu machen und damit die Leistungskraft zu mindern. Im Grunde sind alle nichttragenden oder zu Motor und Antrieb zählenden Bauteile, die Karrosserie ohnehin, komplett aus ultraleichtem Kunststoff gefertigt worden. Alles (nahezu) Unikate. »No-go-Area« bei diesem Optimieren eines kleinen, nur etwa 1200 Kilogramm wiegenden Automobils waren für Rauchmaul & Co. Elektrik und Elektronik.

Selbst gesetztes Ziel: »Wir wollten die Ersten sein, die mit einem Elektromobil die legendäre Nordschleife unter zehn Minuten fahren, wollten eine Rundenzeit erzielen, die der des konventionellen Renn-Mini nahekommt.« Gefragt war also ein Mehr an Leistung, eine sportliche Darstellung. Kaum anzunehmen, dass BMW den »Mini E Race« quasi in Serie bauen will. Das nicht. Aber ein flottes, alltagstaugliches Stadtauto soll der »Mini« werden. Dazu braucht man so viele Daten wie möglich, die dann - wie im aktuellen Fall geschehen - auch von externen Dienstleistern gesammelt werden können.

Da geht es dann auch um Reichweite und Recuperation, um die Sicherheit angesichts des 400-Volt-Gleichstroms unter der Motorhaube oder wegen der gewichtigen Batterie direkt hinter den Vordersitzen. Crashtests etwa zeigen, was der Kasten bei einem Unfall macht?

Am 15. Mai steht der »Mini E Race« aus Lich wieder im Rampenlicht. Im Rahmenprogramm des 24-Stunden-Rennens auf dem Nürburgring wird Leopold Prinz von Bayern eine Demorunde drehen in der »Grünen Hölle«. Gerber und dessen Kollegen sind zufrieden: »Wir haben die Pflicht erfüllt.« Der erste Schritt sei erledigt, der Beweis erbracht, dass ein Elekroauto nicht langsam sein muss. »punktEins« bleibt Projektbegleiter bei der »Mini E«-Entwicklung und vor allem der Präsentation der Rennversion. »Wir werden das Auto weiter betreuen; etwa auf Ausstellungen - weltweit.«

Peter Krams, verantwortlicher Projektleiter der BMW-Gruppe, sagte dazu, mit »dieser einmaligen Aktion« habe man »das große Potenzial des ›Mini E‹ und seiner umweltfreundlichen Antriebsart eindrucksvoll veranschaulichen« wollen. Und der ehemalige DTM-Profi Thomas Jäger meinte nach der schnellen Runde am 12. April: »Ich bin diese Strecke schon oft gefahren, aber noch nie in einem so außergewöhnlichen Fahrzeug.« Zu den »faszinierenden Erfahrungen« gehöre »das fehlende Motorgeräusch«.

Internet: <%LINK auto="true" href="http://www.punktEins.de" text="www.punktEins.de" class="more"%>, <%LINK auto="true" href="http://www.bender-de.com" text="www.bender-de.com" class="more"%>

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