19. August 2012, 18:23 Uhr

Kulturhistorischer Wanderweg Muschenheim eingeweiht«

Lich (nab). Satte 5000 Jahre Geschichte gibt es in und um Muschenheim zu entdecken. Egal ob per Fuß, Fahrrad oder Pferdekutsche – viele Wege führten am Samstag zu den Denkmälern. Denn bei strahlendem Sonnenschein wurde der Kulturhistorische Weg Muschenheim feierlich eingeweiht.
19. August 2012, 18:23 Uhr
Gladiatoren-Showkämpfe mit authentischen Kampftechniken zeigten Thomas Wollmann, Masterstudent und vom Institut für Altertumswissenschaften Gießen (als Ursus, Bär, in blau) und Matthias Kunzler (als Leonidas,Löwe, in rot), der Architektur studiert hat und Bühnenkampfmeister ist. (Fotos: nab)

Nun zeigen Wegweiser und Hinweistafeln den Wanderern die archäologischen Stätten und Bodendenkmäler auf der Strecke von Megalith-Steinzeitgrab, Limes-Grenzwall, Römerkastell über Bronzezeitgräber zum Zisterzienser-Kloster .

Neugierige Besucher haben nun aber auch die Wahl zwischen vier ausgeschilderten Routen, die zwischen 4,1 und 10,2 Kilometern lang sind. Entlang der einzelnen Wegverläufe gibt es zahlreiche Orte, an denen vergangene Jahrhunderte ihre Spuren hinterlassen haben. Teils sind sie noch heute sichtbar wie beim 5000 Jahre alten Megalithgrab »Heiliger Stein« auf dem Wetterkopf in Richtung Trais-Münzenberg, teils weniger sichtbar wie das römische Kastell »Arnsburg-Alteburg« mit Lagerdorf und Amphitheater. Dort eröffnete Lichs Bürgermeister Bernd Klein im Beisein von Landrätin Anita Schneider und Vertretern der Teilnehmergemeinschaft der Flurbereinigung, des Ortsbeirates Muschenheim, der Stadt Lich, des Amtes für Bodenmanagement Marburg, der Archäologischen Gesellschaft Hessen sowie engagierter Bürger und privater Initiativen, den Wanderweg .

»Alleine hätte das niemand geschafft, gemeinsam ist es gelungen«, sagte Bernd Klein. Und auch Muschenheims Ortsvorsteher Dr. Detlef Kuhn betonte, dass der Weg nur durch Teamarbeit möglich wurde. Vom großen Interesse, das von Anfang an am Weg bestand, und den zahlreichen Privatspenden berichtete Landschaftspflegerin Susanne Trautwein-Keller vom Amt für Bodenmanagement. »Mit Hartnäckigkeit und großem Engagement wurde das Projekt durchgesetzt«, erinnerte Landrätin Anita Schneider. »Jetzt zeigt der Wanderweg, in welcher geschichtsrächtigen Region wir leben und macht das kulturhistorische Erbe für die Bevölkerung fassbar.« So habe schon Goethe gesagt: »Was ich nicht erlernt habe, das habe ich mir erwandert.« Aber auch für die touristische Bewerbung der Region sei der Wanderweg ein Highlight, so Schneider. Und weil der Weg an andere hessische Radwanderwege wie den Limesradwanderweg grenzt, sei er auch dazu geeignet, Radwanderer nach Lich zu locken.

Manfred Blechschmidt, der archäologische Denkmalpfleger des Landkreises Gießen, berichtete den Besuchern von den Sehenswürdigkeiten in und um Muschenheim. Die Abgeschiedenheit und die fruchtbare Gegend durch die Nähe zum Fluss Wetter waren es, die im Jahr 1147 einige Zisterziensermönche aus Eberbach dazu veranlassten, den Bau eines Klosters zu beginnen. Mit der Heilig-Kreuz-Kapelle gab es dort auch einen Wallfahrtsort, der jedoch 1623 während des Dreißigjährigen Krieges zerstört wurde. Älter als das Kloster, das im Jahr 1803 aufgelöst wurde, ist jedoch die Burgwüstung Arnsburg, denn seit dem ausgehenden 10. Jahrhundert gab es dort eine kleine Turmburg mit Zwingermauer und einem 17 Meter tiefen Brunnen. Doch schon im 12. Jahrhundert nutzten die Burgherren ihren steigenden Einfluss als Ministeriale der Staufer und bauten sich 1150 die Münzenburg.

In Sichtweite der Burgwüstung und der Münzenburg liegt das römische Kastell »Arnsburg-Alteburg« mit Lagerdorf und Amphitheater. Es enstand im 1. Jahrhundert nach Christus am Rande des Römischen Reiches, denn es war das nördlichstes Kohortenkastell am Limes. Es war mit teilweise berittenen Kohorten mit 500 Mann Stärke besetzt. Die Familien der Soldaten wohnten im Lagerdorf, das sich beiderseits der römischen Straße nach Süden befand.

Einzelheiten über den Limes, erfahren die Besucher des Wanderwegs auf dem »Kratzert« in Richtung Birklar. Denn auf ganzen 7,5 Kilometern durchzieht die einstige Grenze des römischen Reiches, der sogenannte obergermanisch-raetische Limes, die Gemarkung Lich. Etwa 30 Meter nördlich des im vergangenen Jahr errichteten Wachturms auf dem »Kratzert« mit Aussichtsplattform befinden sich die Steinfundamente des ursprünglichen Gebäudes.

Das ältestes Denkmal, das es zu erwandern gibt, ist das Megalithgrab »Heiliger Stein« auf dem Wetterkopf in Richtung Trais-Münzenberg. Dort erinnert noch heute eine Grabkammer mit drei Decksteinen, die sechs bis sieben Tonnen wiegen und ein Menhir, ein Hinkelstein, an den einstigen Bestattungsplatz aus der Jungsteinzeit. Als Kollektivgrab für eine Siedlungsgemeinschaft wurde es um das Jahr 3000 vor Christus errichtet – das belegen die Funde von Keramik und Steingeräten, die mit den Leichnamen bestattet wurden. Ganz in der Nähe befinden sich rund 40 Hügelgräber im Vorderwald in Richtung Bettenhausen. Als von 1918 bis 1920 das Oberhessische Museum dort grub, wurde auch ein Schwert gefunden, das heute das Wappen Muschenheims ziert. Mit diesen Sehenswürdigkeiten ist aber noch lange nicht Schluss beim Kulturhistorischen Wanderweg.

Auch die Muschenheimer Kirche, die Anfang des 13. Jahrhunderts im romanischen Stil gebaut wurde, der Rathausplatz, die ehemalige Trasse des Butzbacher-Licher-Eisenbahn oder die nahe gelegene Burg Münzenberg sollen künftig Besucher für eine ausführliche Tour rund um Muschenheim begeistern.

Mit der Kutsche unterwegs

Weil bei heißen Temperaturen am Samstag nur die wenigsten Besucher eine ausgiebige Rad- oder Wandertour zu Wege brachten, gab es genügend Möglichkeiten, die einzelnen Stätten per Pferdekutsche zu besuchen. Für das leibliche Wohl war an den Stationen bestens gesorgt. Am Limesturm gab es Pizza und Antipasti von dem Restaurant »Dolce Vita« der Familie Branca aus Birklar, in Arnsburg umsorgte die Familie Gütlich in der »Alten Klostermühle« die Besucher, auf dem Sportplatz verkaufte der VfL Muschenheim Görlach-Eis aus Eberstadt und am Römerkastell gab es Wildgulasch vom »Landgasthaus Klosterwald«. Während die Landfrauen Muschenheim am Weidehof der Familie Weil Limesgriller-Würstchen, Handkäs mit Musik, Waffeln und Omas Schüsselkuchen anboten, gab es in der Neumühle der Familie Sauerborn Leckeres vom Lamm aus der Gaststätte »Zum Heiligen Stein«. Musikalische Unterhaltung durch den Muschenheimer Saxofonisten Stephan Geiger oder durch den Mu sikzug Muschenheim, eine Kräuterwanderung mit Birgit Ungar durch das Biotop der Neumühle, Geocaching, archäologischen Führungen mit Ernst-Otto Finger, eine Strohhüpfburg und ein Streichelzoo aus Kamerunschafen sowie Galdiatorenkämpfe und ein Lager der Auxiliargruppe aus Waldgirmes und der Pfadfinder vom Stamm »Kuno von Mintzenberg« rundeten das reichhaltige Angebot ab. Nach einem langen Eröffnungtag blickt auch Ortsvorsteher Dr. Detlef Kuhn zufrieden zurück: »Der Tag macht Mut zu mehr: Jetzt ist der Weg eingeweiht, da können wir in Zukunft viele weitere Feste rund um den Wanderweg feiern.« Ideen hat er jedenfalls schon dafür.



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