15. November 2012, 14:23 Uhr

In Nieder-Bessingen ist Ruhe eingekehrt

Lich (pad). Vor zwei Jahren, am 8. Oktober 2011, durchschnitt Bügermeister Bernd Klein ein Absperrband, dass für einen lange gehegten Wunsch der Nieder-Bessinger stand: die Umgehungsstraße wurde feierlich eingeweiht. 5,6 Millionen hatte sie damals gekostet. Zwei Jahre später nun lässt sich die Frage beantworten, ob sich die Investition gelohnt hat.
15. November 2012, 14:23 Uhr
Vor gut zwei Jahren wurde die Ortsumgehung von Nieder-Bessingen eröffnet. Seitdem ist es still geworden in dem einst stark befahrenen alten Ortskern. (Fotos: pad)

Was früher ein Verkehrschaos ausgelöst hätte, ist heute ganz normaler Alltag geworden: Anwohner parken rechts und links der ehemaligen Hauptverkehrsader ihre Autos. Noch vor drei Jahren wäre so der Verkehr sicher zum Erliegen gekommen, denn über 10 000 Fahrzeuge passierten täglich die Ortsdurchfahrt. Nun machen den Großteil des Verkehrs Anwohner aus. Wo man früher Minuten warten musste, um die Straße zu überqueren, kann man nun in aller Ruhe die Mittellinie entlang laufen.

Mit dem Navi auf den Acker...

Der Wunsch nach mehr Ruhe ist also in Erfüllung gegangen, nur in der Langsdörfer Straße, die nun Nieder-Bessingens Ausfallstraße Richtung Lich und Gießen bildet, hat der Verkehr deutlich zugenommen. Dabei sind auch häufig verirrte Fremde unter den Autofahrern, die blind ihrem Navigationsgerät mit veraltetem Kartenmaterial folgen und in den alten Ortskern hineinfahren. Ein Anwohner erinnert sich, dass dort, wo die alte Straße nach Lich in einer Wiese endet, am Anfang immer wieder Autofahrer in den Acker gefahren sind, bis die Stadt dort Warnschilder aufstellte.

An dieser Sackgasse in der Erlesbergstraße liegt die Traditionsgaststätte »Kaffeehannes«. Ingo Lotz selbst wohnte jahrzehntelang an der Hauptstraße und vermisst den Lärm der Laster und vorbeirasenden Autos kein bisschen. Feste wie der Almabtrieb oder das Public-Viewing zur Europameisterschaft in gemütlicher Atmosphäre im Biergarten waren früher immer vom Verkehrslärm begleitet. Seitdem der Verkehr an Nieder-Bessingen vorbeirollt, werden allerdings auch Touristen und Reisende umgeleitet und finden seltener den Weg in seine Gaststätte.

Auch der Radweg führt entlang der Umgehungsstraße am Ort vorbei, so dass auch kaum Radler den Weg in den Ortskern finden. Nicht zuletzt müssten sie dazu erst die Umgehungsstraße überqueren, was gerade Familien mit kleinen Kindern oft zu gefährlich ist. Besonders makaber: in Google-Maps sucht man die Erlesbergstraße vergebens – anscheinend hat man hier nicht nur das renaturierte Stück, sondern gleich die ganze Straße gelöscht.

Einen deutlichen Rückgang an Kundschaft bemerkt auch die Bäckereifiliale Hinnerbäcker in der Grünberger Straße. Seit Eröffnung der Umgehungsstraße sei der Umsatz deutlich zurückgegangen, erklärte die Geschäftsleitung. Gerade das morgendliche Geschäft im Berufsverkehr, wenn Kunden kurz anhielten und sich etwas für die Arbeit mitnahmen, habe stark abgenommen. Derzeit gefährdet sei der Standort aber nicht.

Dies wäre auch für Nieder-Bessingen ein schwerer Verlust. Da es keinen Lebensmittelladen im Ort gibt, trifft man sich hier, um die neuesten Nachrichten auszutauschen. Früher war gerade der Lärm ein Thema, welches den Anwohnern am Herzen lag, wie sich Bäckereifachverkäuferin Katja Sonntag erinnert.

Heute ist die Ruhe auf der Straße normal geworden. Treue Stammkunden nähmen noch immer gerne den kleinen Schlenker durch Nieder-Bessingen in Kauf, um sich ihre belegten Brötchen hier zu holen. Gerade seitdem man ohne Probleme direkt vor dem Geschäft parken kann, halten Geschäftsleute, Lasterfahrer und Bauarbeiter hier an, um Frühstücks- oder Mittagspause zu machen. Und nicht zuletzt kommen die Nieder-Bessinger selbst hier her, unter anderem Erika Schröder, die seit 1942 in der Grünberger Straße wohnt. Sie erlebte, wie der Verkehr immer mehr zunahm und den Anwohnern den Schlaf raubte. Dabei hat sie aber auch nicht vergessen, dass gerade die Lastwagenfahrer versuchten, nachts Rücksicht zu nehmen: »Wir hatten etliche dabei, die den Fuß vom Gas nahmen und hier langsam durchfuhren.« Als es dann mit der Eröffnung der Umgehungsstraße auf einmal ruhig wurde, war dies eine große Umstellung. Fast unheimlich leise sei es auf einmal nachts gewesen, zuerst konnte sie deswegen gar nicht schlafen, weil auf einmal etwas fehlte. Mittlerweile hat sie sich aber auch wie die anderen Anwohner an die nächtliche Stille gewöhnt.

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