15. Juli 2014, 09:18 Uhr

Hermann Otto Solms: »Profitiere von meinem Ansehen«

Gießen (süd). Hermann Otto Solms war 33 Jahre Mitglied des Deutschen Bundestages, er war Fraktionsvorsitzender der FDP und Vizepräsident. Seit der Wahl im vergangenen September gehört er dem Parlament nicht mehr an. Nun besuchte der 73-Jährige die Gießener Allgemeine Zeitung, blickte dabei zurück und sprach über seine Pläne.
15. Juli 2014, 09:18 Uhr
Hermann Otto Solms und Andreas Becker berichten auch aus Lich.

Hermann Otto Solms war 40 Jahre alt, als er 1980 Bundestagsabgeordneter wurde. Zwei Perioden im Bundestag, das könne er sich vorstellen, dann wieder etwas anderes machen, erinnert er sich an seine damaligen Pläne. Daraus wurde nichts. Bis zum vergangenen September war Solms Mitglied des Deutschen Bundestags, neun Legislaturperioden lang, übernahm Verantwortung in führenden und repräsentativen Positionen, war FDP-Fraktionsvorsitzender und lange Jahre Vizepräsident des Deutschen Bundestags.

Nun ist er zurückgekehrt nach Lich, in seine Heimatstadt, hat aber der Bundespolitik nicht komplett den Rücken gekehrt. Über sein Tun heute und über seine aktive Zeit in der Bonner und Berliner Republik sprach Solms in dieser Woche mit den Redakteuren Norbert Schmidt, Reinhard Südhoff und Nastasja Becker. Zusammen mit dem FDP-Kreisvorsitzenden Andreas Becker besuchte er die Gießener Allgemeine Zeitung in der Marburger Straße. Vor dem Redaktionsgespräch zeigte Chefredakteur und Geschäftsführer Dr. Max Rempel den Gästen die neue Rotation, erläuterte ihnen die Millioneninvestition des Mittelhessischen Druck- und Verlagshauses.

Zwei Büros in der Hauptstadt

»Wie geht es Ihnen, Herr Solms?« – »Gut!« Der langjährige Berufspolitiker ist zufrieden und gut gelaunt, schenkt sich und seinen Gesprächspartnern Wasser ins Glas, hat Zeit für das Gespräch, bevor er in den Urlaub aufbricht. Das Ziel ist Juist, die Nordseeinsel, wo die Familie seiner Frau eine Ferienwohnung hat. Einziger Nachteil: In der Wohnung steht kein Fernseher. Das WM-Endspiel am Sonntagabend muss der 73-Jährige also außerhalb gucken: »Ich hoffe, es gibt dort Public Viewing.«

Warum geht es ihm so gut? Weil er etwas für seine körperliche und geistige Fitness tut. Im Alltag, natürlich auch im Urlaub. In seiner Berliner Wohnung stehen Ergometer und Rudergerät. Er fährt im Winter Ski, spielt Tennis – und Tischtennis mit seiner Frau Christiane, mit der er vor wenigen Tagen Silberhochzeit feierte. Früher hat er gewonnen, heute ist sie in der Regel besser. Der 73-Jährige schiebt das auf die Länge ihrer Arme, sie habe die bessere Reichweite.

In der Hauptstadt ist der Vater von drei erwachsenen Töchtern immer noch regelmäßig, hat zwei Büros in Berlin. Das eine steht ihm als ehemaligem Vizepräsidenten des Deutschen Bundestages für eine weitere Wahlperiode zu, zumal er noch repräsentative Aufgaben übernimmt. Das zweite Büro ist in der FDP-Bundesgeschäftsstelle. Der freundliche Herr mit dem Schnäuzer ist Schatzmeister seiner Partei.

Große Koalition nutzt sich ab

Erstes politisches Thema im Gespräch mit dem eingefleischten Liberalen ist das Scheitern seiner Partei bei der letzten Bundestagswahl. Solms ist seit 1971 in der FDP, war von 1976 bis 1989 Kreisvorsitzender in Gießen, war mehrfach Bundesschatzmeister – ein Amt, das er aktuell wieder übernommen hat. Es tue weh, dass die FDP nicht mehr im Bundestag ist. Dass er selbst nicht mehr dabei ist, darauf konnte er sich vorbereiten. Er hatte seinen Rückzug länger geplant, auch wenn er dann bei der Aufstellung der Landesliste der FDP für die Bundestagswahl für den ersten Platz kandidierte – und scheiterte, am Ränkespiel von anderen. »Ich weiß, wie Politik geht«, aber wie ihm bei der Aufstellung der Landesliste für die Bundestagswahl 2013 mitgespielt wurde, das sei einfach dumm und von der Sache her verfehlt gewesen. Solms hatte sich bereit erklärt, als Spitzenkandidat auf der Liste doch noch einmal ins Rennen zu gehen, als liberales Gesicht Stimmen für die Partei zu sammeln. Nicht alle waren damit einverstanden, vor allem Jüngere drängten nach, es wurde gekungelt – Leidtragender war der 73-Jährige. »Ich wollte helfen«, sagt er. Andreas Becker ist überzeugt, die Nichtnominierung von Solms habe die Partei Stimmen gekostet.

Eines ist er nach diesen Vorgängen nicht: verbittert, wie in Leserbriefen geäußert wurde. Im Gegenteil, es mache ihm viel Spaß, den Neuanfang der FDP nach dem verpassten Einzug in den Bundestag mitzugestalten. Seine Partei habe auf Bundesebene Zukunft. Was ihn da so zuversichtlich macht? Dem neuen Vorsitzenden und dem Präsidium werde »viel Respekt und Anerkennung entgegengebracht«, sagt Solms. Die Partei müsse sich wieder auf ihre Kernbotschaften konzentrieren, »aus Sicht der Wähler, nicht aus der von Parteitheoretikern«. Liberale Schwerpunkte wie soziale Marktwirtschaft, Bildung und Bürgerrechte bleiben dabei im Mittelpunkt. Der Verlust »der Stimme der Vernunft« auf Bundesebene werde immer deutlicher werden, spätestens »wenn sich die große Koalition abnutzt«. Davon werde die FDP profitieren. Aber Solms sagt auch: »Wir müssen uns mit unseren Themen positionieren, nicht mit den anderen befassen.«

Er ist wieder Schatzmeister geworden, wollte erst nicht, hat sich dennoch überreden lassen – oder überzeugen. Die erste Anfrage des designierten neuen Vorsitzenden Christian Lindner hat Solms zurückgewiesen, er sei über 70, zu alt, diese Kärrnerarbeit zu übernehmen. Man hat auf ihn eingeredet, Solms knickte ein. Heute spricht er von Verantwortung und Verpflichtung seiner Partei gegenüber. Er habe Lindner drei Bedingungen genannt: Im Präsidium der Partei agieren nach der historischen Wahlniederlage – erstmals in ihrer Geschichte flogen die Liberalen aus dem Bundestag – Politiker, die »unbelastet von der Vergangenheit« sind; die Führungsetage ist sich inhaltlich über die Ausrichtung der Partei einig – und Solms verlangte freie Hand in den Finanzfragen. Als Schatzmeister ist der Licher Spendensammler. Dabei profitiert er von seiner Bekanntheit, »von meinem Ansehen«. Das trage dazu bei, »dass es ganz gut läuft«.

Wer so lange an führender Stelle Politik gemacht hat, war im Gespräch mit vielen Mächtigen. Hat er nach seinem Ausscheiden vor einem halben Jahr Kontakte mit ehemaligen Mitstreitern? Zwei Namen fallen, Theo Waigel, CSU (»wir mochten uns immer«) und Friedrich Bohl, CDU. Er treffe aber auch Akteure aus der jüngeren Vergangenheit, unter anderem sitzt man beieinander in Beiräten.

Hermann Otto Solms ist angekommen im zivilen Leben, bezeichnet sich als »Rentner, Pensionär und junger Unternehmer«, denn er hat eine Beratungsfirma gegründet. Er ist tätig im gemeinnützigen Bereich, zum Beispiel im Vorstand der Stiftung Eigentum oder als Beisitzer im Vorstand der nach der deutschen Einheit gegründeten Deutschen Gesellschaft, einem Verein zur Förderung politischer, kultureller und sozialer Beziehungen in Europa. Der 73-Jährige sitzt zudem in mehreren Aufsichtsräten, hat also immer noch genug zu tun.

Montags im Café

Wird er ein Buch über seine Bonner und Berliner Zeit schreiben, seine Erinnerungen mit den Menschen teilen? »Ja, kann sein«, sagt Solms. Er sei in Verhandlungen mit einem Verlag, Ausgang noch offen.

Wenden wir uns dem Landkreis und der Stadt Lich zu. Auch zu den Dingen, die in seiner Heimat passieren, hat der Ex-Vizepräsident etwas zu sagen. Zur Landesgartenschau in Gießen zum Beispiel. Er hat sie bisher nicht besucht, will aber auf jeden Fall noch hin. In einer Zeit, in der der ländliche Raum, in der ganze Landstriche zu veröden drohen, der Wettbewerb mit den Metropolen immer stärker werde, immer mehr Menschen es dorthin ziehe, müsse eine Region wie Mittelhessen, wie das Gießener Land »vor Ort viel Lebensgefühl entwickeln«, um »diese gefährliche Entwicklung« zu stoppen. Deshalb seien solche Veranstaltungen wichtig. Dazu zählt auch der Hessentag.

In Lich – auch eine ehemalige Hessentagsstadt (1993) – habe sich viel getan, sei vieles gut gelungen. Das bürgerschaftliche Engagement sei hier beispielhaft, es müsse gefördert werden. Solms zählt auf, die Turmfreunde oder die Träger- und Fördervereine für Hallen- und Waldschwimmbad und Bibliothek. Losgelöst von Parteigrenzen gebe es ehrenamtliches Engagement, von dem die Kommune profitiere, aber auch die Menschen, die dort leben. Solms will nicht kommunalpolitisch aktiv werden, nimmt aber Stellung. Er spricht sich für einen Ortsbeirat für die Licher Kernstadt aus, fordert, es müsse mehr zum Thema Wohnen im Alter passieren.

Bleiben zwei Fragen – die nach seinem Motorrad und die nach seinem Lieblingsplatz in Lich. Der 73-Jährige fährt nicht mehr, die BMW steht in der Garage. Diese Leidenschaft aufzugeben, fiel nicht leicht, dazu gehört auch die Einsicht, dass die Reaktionsfähigkeit im Alter nachlässt. Und in Lich sitzt er am liebsten im »Wiener Café« in der Hintergasse. Montags in einem illustren Kreis älterer Herren, die miteinander über Gott und die Welt plaudern.

Noch einmal zurück zur großen Politik. Herausragendes Ereignis in seinen über 30 Jahren in den Hauptstädten Bonn und Berlin war der Fall der Mauer und die deutsche Einheit. Deshalb wurden aus ursprünglich angepeilten zwei Legislaturperioden neun: »Es war ein absolutes Glücksgefühl. Das war ein Jahrhundertereignis, daran wollte ich mitwirken.«



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