20. November 2008, 15:52 Uhr

Auf 900 Seiten kritische Kommentare zum »Dritten Reich«

Lich/Laubach (vh). Fast 900 Seiten voll mit Anklagen gegen die politische Klasse im Allgemeinen und sein persönliches Umfeld in Laubach im Besonderen bilden das Vermächtnis von Justizinspektor Friedrich Kellner (geboren 1885 Vaihingen, gestorben 1970 Lich). Die Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Universität Gießen bereitet die Veröffentlichung vor. Am Mittwoch referierten Prof. Dr. Erwin Leibfried und Dr. Sascha Feuchert anlässlich der Reihe »9. November 1938« im VHS-Haus in Lich über Kellners »stillen Widerstand«.
20. November 2008, 15:52 Uhr
Prof. Erwin Leibfried und Dr. Sascha Feuchert stellten im VHS-Haus Lich die Tagebücher des Laubacher Justizinspektors Friedrich Kellner vor. (Foto: vh)
Leibfried und Feuchert hatten sich 2005 die alleinigen Rechte an der Veröffentlichung gesichert. Mittlerweile sind alle handschriftlichen Texte Kellners (abgefasst im altdeutschen Sütterlin) digitalisiert worden. Redaktionelle Arbeiten verschiedener Art stehen jetzt noch bevor. Verläuft alles nach Plan, erscheint das vollständige Werk im Jahresverlauf 2009. Der geschäftsführende Justizbeamte am Laubacher Amtsgericht (von 1933 bis 1947) verfügte berufsbedingt über größere Zugangs- und Informationsmöglichkeiten als für die ländliche Bevölkerung in Oberhessen üblich.

Zwei wesentliche Besonderheiten heben Kellners Aufzeichnungen von anderen ab. Ab 1938 und bis Kriegsende sammelte Kellner propagandistische Zeitungsartikel, vor allem aus überregionalen Blättern, so dem Völkischen Beobachter« (publizistisches Parteiorgan der NSDAP), der Hessischen Landes-Zeitung (amtliches Organ des NSDAP Gau Hessen-Nassau) und dem Hamburger Fremdenblatt (eine der bedeutendsten Tageszeitungen Hamburgs bis 1944). Eingeklebt ins Tagebuch, setzte der Absolvent der Mainzer Goethe-Oberrealschule eigene Beobachtungen, Rückschlüsse und ausführliche Kommentare hinzu. Propaganda versus Wirklichkeit. »Kommentare zum Zeitgeschehen wäre deshalb die bessere Formulierung als Tagebuch«, meinte Leibfried.

Die geplante Buchherausgabe beinhaltet sämtliche Zeitungsartikel, entweder als Abschrift oder Faksimile. Solcherlei Fragen sind es, die von den Herausgebern zurzeit geklärt werden. Ein weitaus größeres Problem der publizistischen Veröffentlichungsrechte bildet die vollständige Namensbenennung der Opfer und vor allem der Täter aus Laubach und Umgebung. Anders als etwa Victor Klemperer in seinen bekannten Tagebüchern blendet Kellner solche Alltagsschilderungen aus, die nicht unmittelbar auf einen politisch relevanten Sachverhalt Bezug nehmen. Daher scheint das zu veröffentlichende Werk insbesondere für den Unterricht an Schule und Universität geignet. Feuchert steuerte die Variante »Politisches Tagebuch - ein Gespräch mit sich selber« bei. Für das, was Kellner seiner Kladde anvertraute, ehlte ihm das personifizierte Gegenüber.

Wegen unbequemer Haltung gegenüber den neuen Machthabern wurde der bekennende Sozialdemokrat samt Familie bereits 1933 aus Mainz davon gejagt. Aber auch im beschaulichen Oberhessen musste Kellner sich ein Stückweit konform verhalten. Feuchert sprach von »massiven Bitten aus Laubach« an höhere Stellen, um Kellner auch von hier abzuschieben. Wahrscheinlich habe ihn ein unbekannter Gönner oder das Beamtenrecht (vielleicht sogar beides) vor Schlimmerem bewahrt. Obgleich Kellner der denkbaren Abschiebung ins Konzentrationslager entging, musste er mindestens auf eine Hausdurchsuchung gefasst sein. Hätte man dabei seine Aufzeichnungen entdeckt, wäre es um ihn allemal geschehen, folgerte Leibfried sinngemäß. Nach Kriegsende lehnte Kellner ein Angebot auf den Laubacher Bürgermeisterstuhl ab. Außerdem versuchte er nie, sein geheimes Tagebuch zu publizieren.

Ludwig Heck, ab 1935 als Lehrling am Laubacher Gericht, wusste als einer von wenigen Vertrauten von der Existenz dieser Aufzeichnungen. Er schilderte dem überschaubaren Zuhörerkreis in der Volkshochschule aufgrund seiner Einschätzung der Persönlichkeit Kellners die möglichen Gründe. Kellner, übrigens überzeugter Patriot und Demokrat, habe keinen Hass bei den Laubachern schüren wollen. Ja, Kellner habe überhaupt nie mit jemanden Krach gesucht. Er habe nur so objektiv wie möglich seine Sicht der Sachlage schildern wollen.

Erst 1968 vertraute der weitsichtige Kellner das zehnbändige Tagebuch seinem in den USA lebenden Enkel Professor Robert Scott Kellner an. Mittlerweile hat die TV-Gesellschaft CCI-Entertainment Toronto/Kanada den Dokumentarfilm »Mein Widerstand - Die Tagebücher des Friedrich Kellner« fertig gestellt. Weltweite Vermarktung ist angepeilt, auch das ZDF hat sich schon interessiert. Prof. Kellner organisiert Tagebuch-Ausstellungen in den USA, bisher etwa im George Bush Presidential Library & Museum und im Holocaust-Museum Houston (beides Texas).

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