27. Januar 2009, 16:08 Uhr

Abwärtsspirale zwischen Überforderung und Vereinsamung

Lich (hin). »Das Fremde in mir« thematisiert auf äußerst einfühlsame Weise das Problem der postpartalen Depression, im Volksmund besser als »Wochenbett-Depression« bekannt. Am Sonntag hatten Besucher und Besucherinnen der Matinée im Kino »Traumstern« Gelegenheit, den Film (Regie: Emily Atef) anzuschauen und sich anschließend vertiefend mit dem Thema zu befassen.
27. Januar 2009, 16:08 Uhr
Schliephake-Milch

Lich (hin). »Das Fremde in mir« thematisiert auf äußerst einfühlsame Weise das Problem der postpartalen Depression, im Volksmund besser als »Wochenbett-Depression« bekannt. Am Sonntag hatten Besucher und Besucherinnen der Matinée im Kino »Traumstern« Gelegenheit, den Film (Regie: Emily Atef) anzuschauen und sich anschließend vertiefend mit dem Thema zu befassen. Als fachliche Begleiterin stand Dr. Annelie Schliephake-Milch, Ärztin an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie (Gießen), zur Verfügung. Das Gesprächsangebot wurde rege genutzt.

Der Film schilderte die Vorfreude auf das erwartete Kind von Rebecca und Julian (durch die Darsteller Susanne Wolff und Johann von Bülow hervorragend besetzt), zeigte aber von Anbeginn auch die aufkeimenden Konflikte. Rebecca kann sich mit dem Kind nicht identifizieren und so beginnt eine Abwärtsspirale aus Überforderung und Vereinsamung. Dem beruflich stark in Anspruch genommenen Ehemann gelingt es nicht, die Gefühle seiner Frau zu verstehen. Die fürsorgliche Schwägerin überzieht ihre Rolle und macht es Rebecca umso schwerer, eine Beziehung zu ihrem Kind aufzubauen. Der Film schildert auf sehr eindringliche Weise, wie die junge Frau bis zur beinahen Selbstzerstörung in eine scheinbar ausweglose Situation gerät. Die Ehe scheitert, zumindest vorübergehend, und erst die herbeigeeilte Mutter von Rebecca (Maren Kroymann) kann dem Leben ihrer Tochter eine Wendung geben. Allmählich, wenn auch mit Rückschlägen, erwächst eine Beziehung zwischen Rebecca und ihrem Kind - ein hoffnungsvoller Neubeginn, der zumindest im Film zu einem versöhnlichen Ende führt.

Im wahren Leben ist dies nicht selbstverständlich, wie die anschließende Diskussion belegte. Als erschreckend erwies sich unter anderem die von Schliephake-Milch mit zehn bis 20 Prozent bezifferte, recht hohe Zahl der Gebärenden, die von einer Wochenbett-Depression betroffen sind. Laut Auskunft der Ärztin weist die postpartale Depression alle Merkmale einer sonstigen Depression auf, von Antriebslosigkeit und Leistungsunfähigkeit bis hin zur Suizidalität.

Schliephake-Milch betonte, wie wichtig es sei, in dieser Phase die Beziehung zum Kind aufrecht zu erhalten und der jungen Mutter jede mögliche Hilfe anzubieten.

Ursache für die Depression sei oft die Angst, der neuen Verantwortung nicht gerecht zu werden. Gerade auch beruflich bis dahin erfolgreiche Frauen empfänden es als schwierig, ihre eigenen hohen Ansprüche auf den veränderten Alltag umzustellen. Das Leben mit einem Kleinkind sei zwar oft weniger dramatisch als im Film dargestellt, gleichwohl aber »chaotisch«, bestätigte eine im Publikum anwesende Psychologin. Erschwerend komme hinzu, dass junge Mütter oft nicht, anders als früher, in ein soziales Netzwerk eingebettet seien, sondern »mutterseelenallein« mit ihrer neuen Lebenslage fertig werden müssten, erklärte die Psychologin.

Eine Zuhörerin fragte, inwieweit Männer in die bei Wochenbett-Depression empfohlenen Therapien einbezogen würden. Sie erinnerte an die Hilflosigkeit des im Film gezeigten Vaters, der ja bemüht gewesen sei, die Probleme seiner kleinen Familie in den Griff zu bekommen, der aber, weil ihm niemand geholfen habe, zunächst in eine falsche Richtung gegangen sei.

Eine andere Zuhörerin benannte das gesellschaftliche Manko, immer funktionieren zu müssen und wenig Verständnis zu finden, wenn dies einmal nicht so sei. (Foto: hin)

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