27. Mai 2016, 13:03 Uhr

Keinem wird ein Haar gekrümmt

Laubach (tb). Nurmehr 17 Tage sind es bis zum Höhepunkt im »Laubach-Kalender«: Wie seit 476 Jahren feiern dann die Bürger des ehemaligen Residenzstädtchens »Ausschuss«. Am Sonntag, 12. Juni, geht es um 11 Uhr vormittags mit einem ökumenischen Gottesdienst los. Am Nachmittag dann das Kinderfest: An uralten Spielen wie Eierlaufen und »Hahnenschlagen« (ein Ziegel, wohlgemerkt, gibt hier den Hahn, der mit verbundenen Augen zu treffen ist ) erfreuen sich nicht nur die ganz Kleinen.
27. Mai 2016, 13:03 Uhr
Morgens im Museum: Burkhard Wellenkötter mit Schülern in der historischen Schlossküche. Der Vogelbauer diente zum Selbstschutz des Küchenpersonals: Fiel der gefiederte Freund ins Koma, war die Kohlenmonoxyd-Konzentration zu hoch. (Foto: tb)

Wer aber bereits 14 ist und ein richtiger Ausschussmann werden will, der tritt zum Hammelschießen an. Bis dato haben sich 17 Jugendliche gemeldet. Dass auch dabei kein Tier zu schaden komme, das erfuhren soeben Achtklässler der Gesamtschule .

Ursprung in Landesverteidigung

Der Vorstand der Ausschussgesellschaft 1540 unter Hauptmann Bernd Hisserich hatte ins Schloss- und später noch Heimatmuseum geladen, um den Nachwuchs an die uralte Tradition heranzuführen.

Als profunder Kenner der Geschichte stand Burkhard Wellenkötter bereit. Von ihm erfuhren die Schüler gleich zu Anfang, welche Bewandtnis es mit dem Hammelschießen hat: Zum Zwecke der Verteidigung, will sagen: der Grafschaft Laubach (sofern nicht Bündnisverpflichtungen »Auslandseinsätze« verlangten) rekrutierten die Landesherren vor rund 500 Jahren eine Bürgermiliz. Deren Angehörige maßen sich regelmäßig am Schießstand. Dem Treffsichersten spendierte der Graf einen veritablen Hammel.

Wie die potenziellen Ausschussmänner weiter erfuhren, wurde 1540 die »Boxen Schützen Gesellschaft« gegründet, sozusagen der »Urahn« der heutigen Ausschussgesellschaft e.V., die den Schießwettbewerb wie das Volksfest überhaupt organisiert.

Beim Gang durchs Schlossmuseum – 1950 eröffnet, doch vielen kaum bekannt – erfuhren die Teenager viel über jene kriegerische Zeit vor 500 Jahren, als Laubachs Männer mit Armbrüsten, später mit Boxen bzw. Büchsen ins Feld zogen. Die alte Ausschussfahne ist dort zu bewundern, auch Salutkanonen (eine dank eines Rohrkrepierers »konvertiert«). Oder der Speisesaal im ältesten Teil des Schlosses: Dessen Eingang war extra schmal gehalten, sodass nur zwei oder drei Feinde gleichzeitig den Raum stürmen konnten.

Was aber stand damals auf dem Menüplan? Bei 4000 Hektar Waldbesitz bereitete das Küchenpersonal meist Wildschwein, Reh, Fasan und anderes Geflügel zu. Der Maler Sonnenstein hielt 1557 einen außergewöhnlichen »Lieferanten« damaliger Gaumengenüsse fest: Das Wandgemälde einer »Drei Centner UND 78« schweren Wildsau aber hat einen Fehler. »Wer kennt ihn?« Ein Junge kann Wellenkötters Frage beantworten: »Der Ringelschwanz, den haben nur Hausschweine.«

Im Silberturm warten weitere Zeugnisse der jahrhundertealten Verbundenheit von Graf- und Bürgerschaft: etwa die imposanten Jagdtrophäen. Die freilich waren allesamt Resultat einer etwas exklusiveren »Ausschussgesellschaft«.

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