18. Juni 2009, 18:18 Uhr

Bergbau besserte karge Einkünfte aus Landwirtschaft auf

Laubach (sf). Das Thema interessiert: Rund 100 Teilnehmer konnte der Gesangverein »Liederkranz« Freienseen bei seiner heimatgeschichtlichen Wanderung auf den Spuren des Eisenerzabbaus verzeichnen. Zeugnisse des - was das Seenbachtal angeht - bis 1942 betriebenen Tagebaus sind bis heute auszumachen (schon gar im nahen Mücke und Rabenau, wo bis Anfang der 1960er Jahre abgebaut wurde). Dorfchronist Karl Krautwurst führte an Fronleichnam über die 6,5 Kilometer lange Strecke, ihm zur Seite standen Helmut Felsing (Lardenbach) und Norbert Theiß (Feienseen).
18. Juni 2009, 18:18 Uhr
Norbert Theiß, Karl Krautwurst, Helmut Felsing und Heinz Becker (Foto: sf)

Laubach (sf). Das Thema interessiert: Rund 100 Teilnehmer konnte der Gesangverein »Liederkranz« Freienseen bei seiner heimatgeschichtlichen Wanderung auf den Spuren des Eisenerzabbaus verzeichnen. Zeugnisse des - was das Seenbachtal angeht - bis 1942 betriebenen Tagebaus sind bis heute auszumachen (schon gar im nahen Mücke und Rabenau, wo bis Anfang der 1960er Jahre abgebaut wurde). Dorfchronist Karl Krautwurst führte an Fronleichnam über die 6,5 Kilometer lange Strecke, ihm zur Seite standen Helmut Felsing (Lardenbach) und Norbert Theiß (Feienseen). »Es grünen die Tannen, es wachse das Erz. Gott gebe uns allen ein fröhliches Herz«. Mit diesen Zeilen eines altes Volksliedes läutete Karl Krautwurst die Wanderung ein, an der auch ein echter Bergmann, Heinz Becker (Lützellinden), teilnahm.

Erste Station war die Grube »Schöne Aussicht« in der Gemarkung Freienseen. Wie Krautwurst berichtete, hätten sicherlich schon die Kelten, Römer und Germanen die Eisenerzlager im Seenbachtal gekannt. Mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert habe dann der Abbau so richtig begonnen: Vielerorts wurden Schürfungen und Bohrungen zur Bestimmung der Erzlager ausgeführt. Der Bergbau schuf Arbeitsplätze und somit eine Aufbesserung der kargen Einkünfte aus der Landwirtschaft. Bergbau freilich war damals mit schwerer Handarbeit verbunden. Und der Lohn dafür: Um 1912 gab’s für acht Stunden 3,30 Mark, für Jugendliche 1,60 Mark.

Die »Schöne Aussicht« stand im Besitz der »Gewerkschaft Louise«. In den 1920er bis 1940er Jahren wurde hier Brauneisensteinerz (Limonit) abgebaut, der in Europa am häufigsten verbreitet ist. Im Vogelsberg bildete sich das Gestein im Tertiär, als unter tropischem Klima eine tiefgründige Zersetzung des Basaltes erfolgte. Das Erz ist leicht zu schmelzen, wurde daher seit ältester Zeit verhüttet. Im 16. Jahrhundert blühte der Abbau geradezu auf.

Nachdem das Erz gewaschen war, so erfuhren die Exkursionsteilnehmer im Weiteren, kam es zur Schmelze. Älteste Form sind sogenannte »Rennöfen«, aus Lehm oder Steinen errichtete Schachtöfen von etwa 50 bis 220 cm Höhe. Die Ausbeute aber betrug hier maximal nur 50 Prozent Eisen. Um davon ein Kilo zu gewinnen, brauchte es zudem etwa 30 Kilo Holzkohle zur Befeuerung. Eine Weiterentwicklung waren die »Hochöfen«. Verhüttet und verarbeitet wurde das Eisen in alter Zeit auch in dieser Region, wie alte Flurnamen verraten. Waldschmieden und Hammerwerke stellten etwa Pflüge, aber auch Schwerter her. Späterhin, als »Gewerkschaften« (Bergbaubetreiber) die Gruben ausbeuteten, wurde das Erz per Bahn zu den Hochöfen transportiert - meist ins Siegerland.

So manche Wanderer erinnerten sich noch an die Umzüge der Bergleute am »Tag der Arbeit« in den 30er Jahren: In ihren schmucken Uniformen wurden sie von der Bergmannskapelle angeführt. Krautwurst erinnerte auch an den tragischen Unfall am 7. April 1945, als die Freienseener Jungen Herbert Schmidt und Josef Desch bei der Entschärfung einer Wehrmachtssprengladung ums Leben kamen.

3. Mai 1958: Letzter Erzzug ab Bahnhof Mücke

Weiter ging’s zum Grubenfeld »Maximus« bei der Lardenbacher »Luthereiche« (bis 1942 betrieben). Helmut Felsing konnte sich noch an den bereits trockenen Schlammteich mit einem Kegel Abraumerde erinnern. Die Erde wurde später wieder auf die Flächen verteilt. Im Umfeld dieses Grubenteils wurde auch aus Stollen Eisenerz gefördert, das in Kübeln mit Haspeln hochgezogen wurde. Nach 1945 wurden dort nochmals Bohrungen vorgenommen. Laut Aussagen des damaligen Obersteigers Emil Pinstock ward im Waldboden ein gutes Stück Erzlager gefunden, das aber für eine Erschließung nicht mächtig genug, daher nicht rentabel war.

Die Grube »Maximus« erstreckte sich vom Hölzchesweg in Lardenbach über den Bodenweg, den jetzigen Sportplatz an die Straße nach Seenbrücke, übers Sägewerk Reining bis in Richtung Stockhausen. Mit der Übernahme des Feldes durch die »Gewerkschaft Louise« 1928 war der Bau einer weiteren Seilbahn vom Tagebau »Maximus Nord« zur Erzwäsche Seenbrücke (heute katholische Kirche) verbunden.

Um 1908 hatte Bergwerksdirektor Scheffzik in Seenbrücke die »größte Erzwäsche« des Vogelsberger Eisensteinreviers, wie Krautwurst herausfand, erbauen lassen. Das Wascherz konnte am Bahnhof Seenbrücke der 1903 eröffneten Linie Mücke-Hungen gleich in Güterwaggons gekippt werden; es gab ein eigenes Anschlussgleis. Auch aus der 1928 bis 1940 betriebenen »Grube Deutschland« (»Weickartshainer Schweiz«) kam das Gestein nach Seenbrücke; hier allerdings wurden die 600 m nicht per Seil-, sondern Schmalspurbahn bewältigt.

Die Aufbereitungsanlage wurde auch vom Tagebau »Neugrünende Hoffnung« in der »Struth« und der »Schönen Aussicht« (Freienseen) beschickt - hier per Drahtseilbahn. Die Erzwäsche war ausgestattet mit einer Läutertrommel von sechs Metern Länge und 2,20 Metern Durchmesser. Das Wasser wurde aus einem Brunnen entnommen. Tagesleistung: rund 150 Tonnen Fertigerz.

Weiteres Ziel war besagte Grube »Neugrünende Hoffnung«. Das erste Erz, das dort geschürft wurde, soll per Hand im nahen Seenbach gewaschen worden sein. Proteste der Anrainer wegen der Wasserverschmutzung waren die Folge (damals gab es nur wenige Brunnen und noch seltener Wasserleitungsanschlüsse, sodass die Bürger auf Bachwasser angewiesen waren). Später wurden Schlammteiche angelegt, wurde das Schmutzwasser aus den Erzwäschen über lange Rohrleitungen und Holzkandeln zumeist oberirdisch herangeführt. Der nordöstliche Schlammteich in der »Struth« diente nach dem Zweiten Weltkrieg dem TSV Freienseen als Fußballplatz.

Nach dem Rundgang traf man sich im Garten des OGV zum Essen. Dort waren auch Infotafeln aufgestellt. Ein Fazit: Der Eisenerzabbau ist eine wohl einmalige Epoche der Ortsgeschichte. Die letzte Schicht im Abbaugebiet der »Gewerkschaft Louise« wurde übrigens am 11. April 1968 in der Grube »Friedland-Nord« bei Rüddingshausen gefahren. Am 3. Mai 1958 bereits verließ der letzte Erzzug den Bahnhof Mücke. Schließlich noch diese Zahl: Aus 25 Grubenfeldern im heimischen Revier wurden von 1889 bis 1968 insgesamt 21,4 Mio. Tonnen Roherz gefördert, daraus wurden 3,7 Mio. Tonnen Fertigerz hergestellt. Diese Leistung erbrachte eine Belegschaft mit bis zu 450 Personen.



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