01. Februar 2010, 19:42 Uhr

Stadttheater-Intendantin referierte beim Neujahrstreffen in Langgöns

Langgöns (js). Dass viele Politiker sich ein gewisses schauspielerisches Potenzial aneignen, um sich die Wählergunst mit nicht einhaltbaren Versprechen wie Steuererleichterungen zu erschleichen, ist ein offenes Geheimnis. Politik und Theater als Schauspielbühne haben daher Gemeinsamkeiten. Beide Seiten kamen beim Neujahrsempfang der Gemeinde Langgöns vor rund 90 Gästen zu Wort: Cathérine Miville als Intendantin des Stadttheaters Gießen und Martin Hanika (CDU) als Parlamentsvorsitzender.
01. Februar 2010, 19:42 Uhr
Beim Neujahrsempfang, von links: Klaus Repp, Präsident der Handwerkskammer Wiesbaden, Hauptamtlicher Kreisbeigeordneter Siegfried Fricke (CDU), Intendantin Cathérine Miville, Martin Hanika (CDU, Vorsitzender der Langgönser Gemeindevertretung) und Bürgermeister Horst Röhrig (SPD). (Foto: js)

Langgöns (js). Dass viele Politiker sich ein gewisses schauspielerisches Potenzial aneignen, um sich die Wählergunst mit nicht einhaltbaren Versprechen wie Steuererleichterungen zu erschleichen, ist ein offenes Geheimnis. Politik und Theater als Schauspielbühne haben daher Gemeinsamkeiten. Beide Seiten kamen beim Neujahrsempfang der Gemeinde Langgöns vor rund 90 Gästen zu Wort: Cathérine Miville als Intendantin des Stadttheaters Gießen und Martin Hanika (CDU) als Parlamentsvorsitzender.

Sie fanden durchaus spannende Worte zu ihren öffentlichen Funktionen und Rollen und entdeckten einige Gemeinsamkeiten: Als Vertreter der Theaterlandschaft bzw. der Parlamente müssen sie - nicht immer zu ihrer Freude - damit leben, von der Presse bzw. Öffentlichkeit beurteilt zu werden. Darauf gingen sie in unterschiedlicher Weise beim Neujahrsempfang ein.

Bei der Veranstaltung im Langgönser Bürgerhaus, bei dem eingangs Bürgermeister Horst Röhrig (SPD) die Gäste - darunter den Präsidenten der Handwerkskammer Klaus Repp und den Hauptamtlichen Kreisbeigeordneten Siegfried Fricke (CDU) - herzlich willkommen hieß, räumte Martin Hanika (CDU) ein: Es sei durchaus menschlich, nach einer gewissen Aufmerksamkeit zu trachten, »denn dafür laden wir die Presse ja zu unseren Veranstaltungen ein.« An die Intendantin gewandt unterstrich Hanika: »Auch Sie im Theater freuen sich jedes Mal über ein volles Haus und eine ausführliche Berichterstattung in den Medien, einschließlich der Aufreger, die manchmal zu dieser Ausführlichkeit führen. Womit das Stichwort »Neujahrskonzert« gefallen war, das an diesem Abend nur kurz gestreift wurde Hanika: »Theater kann es aber auch geben, wenn man ein Konzert veranstaltet; auch bei einem Neujahrskonzert ist dies möglich.« An dieser Stelle verdeutlichte der Parlamentsvorsitzende die Gemeinsamkeiten von Politikern und Verantwortlichen an Theatern: Man könne es nicht allen recht machen.

Das hatte die Intendantin bereits zuvor herausgestellt, und zwar mit deutlichen Worten: Wenn ein Theater wie das Gießener in der Öffentlichkeit glaubwürdig bleiben solle, dann dürfe es nicht jedem Publikumsgeschmack hinterherrennen. Wer dem Publikum tatsächlich nachläuft, werde »auf die Dauer nur dessen Allerwertesten sehen.« Damit hatte die Schweizerin den Nerv eines Konflikts getroffen, dem sich Politiker und den Theaterverantwortliche immer wieder stellen müssen: Fülle ich ein Theater und dessen Kasse, indem ich ausschließlich bekannte Opern oder gängige Operetten und Musicals aufführe - oder gebe ich dem Orchester, den Solisten, dem Chor und den Schauspielern die Chance, mal etwas zu Neues zu wagen. Auch auf die Gefahr hin, dass das Publikum nicht sofort begeistert ist (so wie es Gustav Mahler erging, dessen kompositorische Bedeutung erst nach seinem Tod richtig erkannt wurde).

Wenn man unpopuläre Entscheidungen trifft...

Und die Politiker: Sie werden erst dann richtig glaubwürdig, wenn sie unpopuläre Entscheidungen treffen und eben mal kein neues Bürgerhaus bauen lassen, wenn es nicht finanzierbar ist. Dann kann es ihnen passieren, dass sie abgewählt werden.

Übrigens trifft das Zitat Mivilles, man dürfe nicht jedem Publikumsgeschmack hinterherrennen, auch auf die Akkordeonfreunde Langgöns zu, die den Empfang musikalisch umrahmten. Zwar hätte sich so mancher Gast zum Heben der allgemeinen Stimmung einen zünftigen Marsch gewünscht, aber auf der Homepage des von Patricia Mehlmann geleiteten Ensembles heißt es: »Unser Interesse ist es, den volkstümlichen Charakter, der dem Akkordeon zugeschrieben wird, abzuschütteln. Wir wollen zeigen, dass in diesem Instrument mehr steckt. So setzt sich unser Repertoire aus Filmmusik, Musicalmelodien sowie Klassikern aus Rock, Pop und Swing zusammen.« Aus diesem Repertoire hörte man beim Neujahrsempfang beispielsweise »Chattanooga Choo Choo« (Glenn Miller), wobei das Orchester demonstrierte, warum es bei Musikwettbewerben so hervorragend bewertet wird.

Wie ein roter Faden zog sich also bei diesem Neujahrsempfang die Erkenntnis: Man kann es nicht allen recht machen. Cathérine Miville, die in ihre Referat eingangs die Finanzierung des Theaters durch öffentliche Zuschüsse erläutert hatte, demonstrierte (auch in einem tollen Video), wie das Theater auf nicht verletzende Art Politik durch den Kakao ziehen kann: Viele Bürger glauben, dass die Parteien sich mittlerweile derart angenähert haben, dass sie ein Gesicht tragen.

Dies war bei der langen Theaternacht des Stadttheaters zum Thema »60 Jahre Bundesrepublik und 20 Jahre Wende« von Gießener Theatermitarbeitern und Studierenden umgesetzt worden: Wahlplakate mit unterschiedlichen Forderungen (»Freie Wahl des Eintrittspreises«, »Keine Steuern für Theatermacher«) waren angefertigt worden.

Auf diesen Plakaten waren Frauen und Männer zu sehen. Was man nicht auf den ersten Blick erkannte: Alle auf den Plakaten dargestellte »Politiker« waren von einer Schauspielerin dargestellt worden. Besser kann man - gewollt oder ungewollt - die immer größer werdende Ähnlichkeit der politischen Parteien nicht charakterisieren.

Nach den Beiträgen von Cathérine Miville und Martin Hanika saßen noch lange in gemütlicher Runde beim Neujahrsempfang beisammmen: unter anderem die Vertreter der Parteien, der Kirchen, der Vereine, darunter die Freiwillige Feuerwehr, auch Mitglieder des Bündnisses Zukunft Langgöns. Das Langgönser Bürgerhaus wird jetz in den kommenden Wochen renoviert und soll dann mit dem Bärner Heimattreffen im Sommer wiedereröffnet werden.



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