23. September 2008, 21:26 Uhr

Langgönser an der Spitze der Bestsellerliste

Langgöns - »Bushido mit Lars Amend« prangt in golden gestanzter Schrift auf dem Buch. Edel und in Großbuchstaben. Es ist der aktuelle Spitzenreiter der »Spiegel«-Bestsellerliste. Überraschend ist die Autobiografie des Berliner Gangster-Rappers und Geschäftsmanns Anis Mohamed Ferchichi alias Bushido diese Woche an die Spitze der Sachbuch-Wertung gesprungen.
23. September 2008, 21:26 Uhr

Langgöns - »Bushido mit Lars Amend« prangt in golden gestanzter Schrift auf dem Buch. Edel und in Großbuchstaben. Es ist der aktuelle Spitzenreiter der »Spiegel«-Bestsellerliste. Überraschend ist die Autobiografie des Berliner Gangster-Rappers und Geschäftsmanns Anis Mohamed Ferchichi alias Bushido diese Woche an die Spitze der Sachbuch-Wertung gesprungen. Das 430-Seiten-Werk mit allerlei politisch unkorrekten Geschichten aus dem Leben des Skandalmusikers hat sogar die Biografie von Altkanzler Helmut Schmidt hinter sich gelassen. »Ein Werk, von dem sich das Genre der Autobiografie nicht so schnell wieder erholen wird«, ätzte »Spiegel«-Online über »Bushido«.

In Deutschland kennen mittlerweile fast alle den Rapper Bushido, der diese Woche seinen 30. Geburtstag feiert. Aber wer ist der Co-Autor dieser Biografie, Lars Amend; und wie wurde er zum Autobiografiker (so nennt man mittlerweile Autoren, die im Auftrag Prominenter Biografien verfassen)? Soviel steht auf dem Bucheinband: 1978 geboren in Gießen, Musikjournalist und seit 2007 für Bushido als PR-Berater tätig.

Der 29-jährige Lars Amend stammt aus Langgöns und lebt mittlerweile in Berlin - wie übrigens auch seine Jahrgangskameradin Eva Briegel, die Sängerin von »Juli«. In der Hauptstadt arbeitete Amend für MTV, den Jugendsender »Fritz« und die Zeitung »Tagesspiegel«, schrieb über US-Rapper wie Pharrel Williams (»Neptunes«) und R&B-Girlgroups wie Destiny's Child. Sein Bruder Christoph Amend ist Leiter des »Zeit-Magazins Leben« und porträtierte vor fünf Jahren die Großvätergeneration der Bundesrepublik im Buch »Morgen tanzt die ganze Welt«.

»Hab immer was von Madonna dabei«

Nach dem Abitur arbeitete Lars Amend zunächst für den Schallplattenvertrieb Discomania in Rosbach, bevor er für ein Jahr nach London ging und bei »Tower Records« in der Abteilung »Soul & Dance« jobbte. Seine Vorliebe für schwarze Musik, Hip-Hop und Soul lenkte seinen Weg zurück nach Frankfurt, zum Jugendradio des Hessischen Rundfunks, hr XXL (heute YouFM). Parallel dazu führte er zahlreiche Musikerinterviews für das Jugendmagazin der Süddeutschen Zeitung und den Berliner Tagesspiegel. Zu seinen persönlichen Lieblingskünstlern zählen Soul-Lady Mary J. Blige, die Neptunes sowie die US-Rapper Jay-Z (»der beste MC aller Zeiten«) und Snoop Doggy Dog. Amend, der zuweilen als Diskjockey Platten auflegt: »Ich habe immer was von Madonna dabei. Auch wenn ich eigentlich Hip-Hop und R&B spiele: Sie wird auf Partys jedesmal gewünscht«.

Vor zwei Jahren durfte Lars Amend den Rapper Bushido zwei Tage lang durch Berlin begleiten. Die Geschichte mit dem Titel »Durch die Berliner Nacht mit Bushido« las sich schon damals wie eine Miniausgabe der aktuellen Biografie. Vor allem verzichtete Amend auf die gängigen Klischees und zeichnete ein durchaus differenziertes Bild des Rap-Stars, der sich selbst gern als »Staatsfeind Nummer 1« (so der Name einer CD) darstellt und dessen Texte teilweise auf dem Index stehen. Textauszug aus Amend Reportage: »Eigentlich höre ich meine eigene Musik nicht«, sagt Bushido geschäftsmännisch. »Ich kann auch nicht verstehen, warum andere mich so krass feiern. Ich bin kein Fan von mir. Ich höre lieber Depeche Mode!« Ironische Sätze wie dieser dürften Bushido gefallen haben - und er fragte beim Journalisten Amend an, ob man nicht noch mehr davon bekommen könnte. Am besten gleich eine fette und lustige Autobiografie, in der viele Geschichten mit dem Satz enden: »Drauf geschissen!«.

Um den Erfolg des »Konzepts Bushido« zu verstehen, muss man wissen, dass die Medienfigur Bushido durchaus janusköpfig auftritt: in Talkshows wie jüngst bei Johannes B. Kerner gibt sich Anis Ferchichi alias Bushido smart und nachdenklich. Auf der Bühne markiert er den harten Gangster-Rapper mit den politisch unkorrekten Texten. Deutschlands erfolgreichster, aber auch umstrittenster Rapkünstler, über den der Grünen-Politiker Volker Beck geschrieben hat: »Bei Frauenverachtung, Aufrufen zu Gewalt und Hetze gegen Minderheiten hört der Spaß auf!«

Vom Schulabbrecher zum Millionär

»Politicially incorrect« und frauenverachtend sind auch die meisten Passagen des Buchs über Bushido; das verlangen die Fans, darunter viele aus der »Bravo«-Generation: Sie wollen Sexgeprotze, Halbwelt-Mafia-Stories und dicke Hose. Und sie kriegen all das. Sie kriegen aber auch die Wahrheit über Bushidos Eltern, die beide krebskrank sind.

Und nebenbei zeigt der Geschäftsmann Bushido noch, wie man in Berlin das US-Prinzip vom Tellerwäscher zum Millionär umsetzt. »Ich habe es vom vorbestraften Drogendealer und Schulabbrecher zum Millionär geschafft«, sagte Bushido kürzlich dem Magazin »Stern«. »Ich habe mich nie aufgegeben und immer an mich selbst geglaubt. Das beeindruckt meine Fans«.

Vor einem Jahr wäre beinahe alles zu Ende gewesen, erfährt man ebenfalls aus dem Buch. Der Rapper verunglückt mit seinem Mercedes auf der Autofahrt nach Köln - aber die Airbags verhindern das Schlimmste. »Für einen kurzen Moment dachte ich, ich wäre tot«, heißt es in dem Kapitel »Mein zweiter Geburtstag«.

Auch Lars Amend war an jenem Septembertag vor einem Jahr mit im Wagen. Auch er redet von einer ganzen Armee von Schutzengeln, die mit im Auto saßen. Auf der letzten Seite der Biografie gibt sich der harte Rapper Bushido wieder ganz weich: »Danke, Mama!«. Stefan Müller

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