01. September 2015, 17:53 Uhr

Ein Leben unter Enten

Zwei Bauern müssen reinpassen. Und ein Zentner Kartoffeln. Wenn nicht, dann immerhin ein Fässchen Wein. Pierre-Jules Boulanger hatte 1934 genaue Vorstellungen, wie der neue Citroën aussehen sollte. Doch Konstrukteur André Lefèbvre schuf mehr als ein Auto. Er schuf die Ente. Zum Glück, denn ohne den 2CV wäre das Leben des Langgönsers Christoph Frisch ganz anders verlaufen.
01. September 2015, 17:53 Uhr
Entenhausen liegt mitten in Langgöns: 2 CV-Mechaniker Christoph Frisch bei der Arbeit. (Foto: Alexander Geck)

Enten in verschiedenen Phasen des Verfalls stehen auf dem Hof. Aber auch in verschiedenen Phasen des Aufbaus. Dazwischen: Christoph Frisch. In seinem Blaumann schreitet der 59-Jährige über sein kleines Reich in der Langgönser Schillerstraße. Neben einem blauen 2 CV bleibt er stehen. Mit ölverschmierten Fingern klopft er gegen den Kotflügel. »Das ist ein echtes Stück Geschichte. Ich weiß nicht, was ohne die Ente aus mir geworden wäre.«

1934 beauftragte Citroën-Direktor Pierre-Jules Boulanger den Bau eines minimalistischen Kleinwagens. »Entwerfen Sie ein Auto, das Platz für zwei Bauern in Stiefeln und einen Zentner Kartoffeln oder ein Fässchen Wein bietet, mindestens 60 km/h schnell ist und dabei nur drei Liter Benzin auf 100 Kilometer verbraucht«, soll er seinem Konstrukteur André Lefèbvre gesagt haben. Doch dann brach der Zweite Weltkrieg aus. Erst 1948 wurde der Wagen mit der unverkennbaren Schnauze der Weltöffentlichkeit vorgestellt – der Siegeszug begann. Auch in Deutschland fand der 2 CV reißenden Absatz, besonders in der Studentenszene. Für die jungen Leute war die Ente mehr als ein Fahrzeug, es war ein Statement.

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Das alles war Christoph Frisch damals noch egal. Er war ein Kind, als er sich in den Wagen verliebte. »Die Form hat mich einfach begeistert.« Die Schwärmerei wurde Realität, als der Langgönser seinen 18. Geburtstag feierte. Sein erstes Auto? Ein BMW. »Als Mechaniker musste man damals einen dicken Wagen haben«, sagt er etwas verlegen. Zum Glück gab es Peter.

Sein bester Freund hatte sich einen alten 2 CV zugelegt, zusammen schraubten sie nächtelang an dem Gefährt. »Damals in der Garage meiner Mutter«, erinnert sich Frisch. Es sollte nicht lang dauern, bis auch er sich eine Ente kaufte. »Alles war kaputt, wir haben uns dann gleich eine dritte zum Ausschlachten gekauft. Das war billiger, als die Ersatzteile zu beschaffen.« Als die Enten auf Vordermann gebracht waren, schnappten sich die jungen Männer einen Eimer Farbe, malten die Autos an – leuchtend gelb, wie Qietscheentchen.

Der erste Urlaub mit der Ente führte – natürlich – nach Frankreich. Andere Länder folgten. Inzwischen hat Frisch mit seiner Ente nahezu alle Länder westlich des Rheins bereist. Später war er sogar in Australien und fuhr bei einer sechswöchigen Ausfahrt mit. Zusammen mit einem Freund hatte er drei Enten zu Rechtslenkern umgebaut, in einen Container gequetscht und nach Down Under verschifft. »Zwei haben wir verkauft, mit dem Geld haben wir die Reise finanziert.« 8000 Kilometer mit der Ente durch die atemberaubende Natur Australiens. Eine tolle Zeit, erinnert sich Frisch. Gefahren sind die Männer nur tagsüber. Nachts war die Gefahr zu groß, mit einem Känguru zu kollidieren. »Das hätte die Ente nicht überstanden.«

Wobei: Vermutlich würde Frisch auch solch eine ramponierte Ente wieder flottbekommen. Aus Mutters Garage ist inzwischen eine ansehnliche Werkstatt geworden. Mit seinen vier Angestellten hat der 59-Jährige sogar eine Elektro-Ente gebaut. Aber das war nur ein Projekt, die Hauptaufgabe sieht anders aus. »Früher ging es vor allen darum, die Dinger über den TÜV zu bekommen. Heute kümmern wir uns um Restauration und Wiederaufbau.« Und das mit Erfolg: Wer einen Termin bei »Entenfrisch« bekommen will, muss lange warten. »Wir sind schon für das ganze Jahr ausgebucht.« Aus den Ländern, die Frisch einst mit der Ente bereiste, kommen jetzt seine Kunden. Holland, Luxemburg, Schweiz, selbst aus Portugal schicken Entenbesitzer ihre Schätze nach Langgöns. »Wir hatten sogar schon einen Kunden aus Monaco. Ferraris gibt es da ohne Ende, der Mann wollte aber etwas Besonderes haben.« So sei es bei den meisten seiner Kunden. Sie hätten den Wunsch nach einem Wagen, das sich von den gleichförmigen 08/15-Autos unterscheidet. Und ein bisschen Nostalgie. »Viele haben in einer Scheune eine alte Ente stehen und erst jetzt die Zeit und das Geld, sie restaurieren zu lassen.« Daher würden heute vor allem ältere Leute Ente fahren. Früher seien es die jungen gewesen – und vor allem die hübschen.

So wie Martina, die eines Tages bei ihm in der Werkstatt stand. Mit ihrer Ente. »Einer rot-schwarzen Charleston. Die Bremsen waren kaputt«, erinnert sich Frisch. Auch er war damals nicht zu bremsen, kurze Zeit später wurden die beiden ein Paar, inzwischen sind sie seit 26 Jahren verheiratet. Auch Martina blieb der Ente treu, sie fuhr sogar bei Trials mit, also Geschicklichkeitswettbewerben. Und wie: Mit ihrer Ente gewann sie einmal ein Rennen, an dem sonst nur große Geländewagen teilnahmen. »Martina hat sie alle nassgemacht. Eine Frau in einer Ente gewinnt gegen 100 Männer in ihren dicken Geländeschlitten: Das hat an der ein oder anderen Männlichkeit ganz schön gekratzt.«

Die richtige Frau im richtigen Auto

Eigentlich kein Wunder, dass Martina den Trial gewann. Was forderte Citroën-Direktor Pierre-Jules Boulanger noch gleich? »Es soll selbst schlechteste Wegstrecken bewältigen können und so einfach zu bedienen sein, dass selbst eine ungeübte Fahrerin problemlos mit ihm zurechtkommt. Es muss ausgesprochen gut gefedert sein, sodass ein Korb voll mit Eiern eine Fahrt über holprige Feldwege unbeschadet übersteht.«

Und dann soll der Citroën-Chef noch folgendes gesagt haben: »Auf das Aussehen des Wagens kommt es dabei überhaupt nicht an.« Zum Glück hat Konstrukteur André Lefèbvre darauf nicht gehört. Sonst hätte sich Christoph Frisch womöglich als Kind nicht in die Ente verliebt. Er wäre auch kein europaweit geschätzter Entenfachmann geworden – und vermutlich hätte er auch nicht am richtigen Ort die richtige Frau getroffen – mit dem richtigen Auto.

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