15. Januar 2009, 18:46 Uhr

»Spurensucher« holen »Stolpersteine« auch nach Hungen

Hungen (us). Seit ihrer Gründung im Jahr 1988 hat die Arbeitsgruppe »Spurensuche« in Hungen einiges erreicht: sie hat die Errichtung des Denkmals am jüdischen Friedhof initiiert, sie organisiert dort alljährlich am 10. November die Gedenkfeiern, und sie hat vier Broschüren herausgebracht, die vor allem das Schicksal der jüdischen Einwohner Hungens während es Nationalsozialismus in den Blick nehmen. Nun will die Gruppe ihr Arbeitsspektrum erweitern.
15. Januar 2009, 18:46 Uhr
Stolpersteine - drei Beispiele aus Gießen: Vor Häusern, in denen Juden lebten, erinnern die Messingtafeln des Kölner Künstlers Gunter Demnig an die einstigen Bewohner. (Archivfoto: Schepp)

Hungen (us). Seit ihrer Gründung im Jahr 1988 hat die Arbeitsgruppe »Spurensuche« in Hungen einiges erreicht: sie hat die Errichtung des Denkmals am jüdischen Friedhof initiiert, sie organisiert dort alljährlich am 10. November die Gedenkfeiern, und sie hat vier Broschüren herausgebracht, die vor allem das Schicksal der jüdischen Einwohner Hungens während es Nationalsozialismus in den Blick nehmen. Nun will die Gruppe ihr Arbeitsspektrum erweitern. »Die Juden sollen nicht nur als Opfer betrachtet werden«, sagt Prof. Gottfried Erb bei einem Pressegespräch. Gemeinsam mit Erhard Eller, Ingrid Meybohm, Michael Groth und Walter Kreuzinger stellte er neue Pläne vor: eine Vortragsreihe über »Jüdisches Leben«, ein Projekt mit der Gesamtschule Hungen über jüdische Geschichte. Außerdem will die Gruppe die »Stolpersteine« nach Hungen holen, die vor den früheren Wohnhäusern jüdischer Familien verlegt werden. Diese Messingtafeln des Kölner Künstlers Guinter Demnig sind mittlerweile in zahlreichen deutschen Städten zu finden, so auch in Gießen und Linden.

Für die Erweiterung der Perspektive über die Zeit des Nationalsozialismus hinaus führte Erb zwei Gründe an. Zum einen habe man das Schicksal der Hungener Juden zwischen 1933 und 1945 in den vergangenen 20 Jahren ausgiebig erforscht, zum anderen gebe es, vor allem wegen der Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion, inzwischen wieder jüdisches Leben in Deutschland. Da biete es sich an, diese weitgehend unbekannte Kultur näher zu beleuchten. Den Auftakt macht am Freitag, dem 23. Januar, um 19 Uhr der Frankfurter Pädagogik-Professor Micha Brumlik. Er wird um 19 Uhr im Blauen Saal des Schlosses sprechen. Sein Thema: »Das hessische Landjudentum - eine lebendige Tradition?« Für den Herbst ist ein weiteres Referat geplant. Gabriele Reber wird dann »Jüdische Feste« vorstellen. Und für 2010 wird eine Veranstaltung mit jüdischen Dorfgeschichte und Musik ins Auge gefasst.

Damit Interessenten sich bei Bedarf intensiver mit dem Thema beschäftigen können, soll in der Hungener Stadtbücherei, auch mit Hilfe von Buchspenden aus Privatbesitz, eine jüdische Abteilung eingerichtet werden. Mit den Lehrern Hubert Wiesenbach und Stefan Kämmerer von der Gesamtschule Hungen plant die Arbeitsgruppe darüber hinaus im kommenden Schuljahr ein großangelegtes Projekt über jüdische Geschichte. Die Basis dafür bildet die seit einigen Jahren enge Zusammenarbeit mit der Schule bei den alljährlichen November-Gedenkfeiern, die von verschiedenen Schülergruppen mit szenischen Lesungen und Präsentationen bereichert wurden. Dabei habe man stets gute Erfahrungen gemacht, berichtete Erb.

Die Stolpersteine-Aktion will die Gruppe erst 2011 in Angriff nehmen, dann, wenn die umfangreichen Straßenbauarbeiten in der Innenstadt abgeschlossen sind.

»Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist« sagt Künstler Gunter Demnig, der die ersten Messingplaketten 1997 in Berlin-Kreuzberg verlegt hat. Mit den Steinen vor den Häusern will er die Erinnerung an die Menschen, die einst darin wohnten, lebendig halten. In mehr als 300 Städten und Gemeinden ist diese Idee bereits realisiert worden. Auch die Hungener »Spurensucher« wollen offiziell bei der Stadt um Unterstützung anfragen, Erb hofft auf eine breite Diskussion und auf einen positiven Beschluss der Stadtverordnetenvesammlung. Auch die jetzigen Bewohner der Häuser, vor denen die Tafeln verlegt werden sollen, will die Arbeitsgruppe einbeziehen. Die Finanzierung der Plaketten könnte über Patenschaften erfolgen.



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