05. November 2010, 19:10 Uhr

Kaffekränzchen mal mit Burger und Chicken McNuggets

Hungen/Nidda (mlu). Ein etwas anderer Besuch bei McDonald's: Wenn man in der Werbung jemanden in einen Burger beißen sieht, hat das tendenziell etwas Raubtierhaftes: extremer Genuss soll zum Ausdruck kommen. Beim 75-jährigen Günter Schwarz, der seinen Hamburger vorsichtig zwischen drei Finger geklemmt hat, denkt man hingegen eher an einen Schüler, der, etwas zaghaft, von seinem Pausenbrot abbeißt, um es dann ordentlich durchzukauen.
05. November 2010, 19:10 Uhr
Kaffekränzchen mal mit Burger und Chicken McNuggets (Foto: Kaffekränzchen mal mit Burger und Chicken McNuggets)

Gefragt nach seinem Geschmackserlebnis, bildet er mit Zeigefinger und Daumen der freien Rechten einen Kreis. Optimal also – mit vollem Mund spricht man schließlich nicht.

Übersetzungen sollte es geben

Es handelt sich bei dieser Szene, die sich an einem Dienstagnachmittag bei McDonalds in Harb abspielt, durchaus nicht um einen Werbespot, mit dem das amerikanische Fast-Food-Lokal eine neue Zielgruppe auf dem deutschen Markt erschließen will, sondern um einen der Ausflüge, die der Utpher Seniorenkreis »Kaffeekränzchen« regelmäßig unternimmt, seitdem er sich vor zwei Jahren auf Initiative von Ingrid Reeb, Bärbel Petersen und Ute Ries gegründet hat.

Die drei Frauen kennen sich durch den Hungener Verein »Bürger für Bürger«, der Familien bei der Betreuung ihrer Angehörigen unterstützt. Vor einem Monat saß man gemeinsam in Kloster Arnsburg bei Kaffee und Kuchen. Der anhaltende Regen hatte die Heimreise verzögert und einer sagte: »Jetzt krieg ich langsam Hunger. Da müssen wir nochmal bei McDonalds vorbeifahren«, erzählt Reeb.

Alle lachten, weil das doch gar nicht zu ihrem Alter passt. »McDonalds? Ja was ist das eigentlich, was gibt’s denn da zu essen?«, hatte Schwarz gerufen und prompt eine Antwort erhalten, die neues Gelächter generierte: »Hoierzeuch!« Damit waren wohl die Chicken McNuggets gemeint, die nun als Beilage in kleinen Pappschälchen auf den Tischen zum Verzehr bereit stehen.

Tatsächlich war kaum jemand jemals zuvor bei McDonalds gewesen, und so stand schnell fest, wohin die nächste Reise gehen soll.

Den ersten Unterschied zum konventionellen Restaurant oder Café hiesiger Prägung bemerken die neugierigen Senioren schon beim Ablegen der Oberbekleidung. Vergeblich suchen sie eine Garderobe, doch mit Hilfe des Personals ist die Verlegenheit schnell beseitigt.

Franchise-Nehmerin Stefanie Gülden ist stolz auf das unlängst renovierte Restaurant, das sich in poppigen Farben präsentiert. Dass die Senioren den Betrieb entschleunigen könnten, befürchtet sie nicht, im Gegenteil. Sie freut sich über die Abwechslung in der Kundschaft: »Wir servieren der Gruppe ein Happy Meal. Anstelle des Spielzeugs gibt es eine Apfeltasche zum Nachtisch, und der Kaffee dazu wird von uns spendiert.«

Bei Heddi Wohlers kommt das Menü gut an. »Das schmeckt lecker«, sagt die 85-Jährige, die sich eigentlich vegetarisch ernährt. Heute macht sie eine Ausnahme. Dass man mit den Händen isst, stört niemanden. »Den Hähnchenschenkel esse ich ja auch immer aus der Hand«, meint Anni Haberzettel unbekümmert und schiebt sich ein Pommes-Stäbchen in den Mund, um es dann mit einem Schluck »Capri-Sonne« hinunter zu spülen.

»Meine Finger sind ja sauber«, kommentiert Günter Schwarz trocken. Während Geschmack und Konsistenz der Nahrungsmittel positiven Anklang finden, äußert sich doch allgemeiner Verdruss, als das Tischgespräch auf die englischen Begriffe kommt.

Fast-Food, Drive-In, Take away und Happy Meal – wer soll denn das verstehen? »Wir sind doch schließlich in Deutschland«, argumentiert Herr Isterling. Dass es zu jedem Gericht auch ein Bild gibt, will niemand gelten lassen. »Wir sind doch hier nicht im Kindergarten«, wird eine entrüstete Stimme laut. Nein, also wenigstens Übersetzungen sollte es geben. »Hoierzeuch« statt Chicken McNuggets, das wäre doch schon mal ein Ansatz.

Die Stimmung ist äußerst gelöst, und genau dafür schätzen die mitunter dementen Teilnehmer den offenen Kreis, der sich nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung zu institutionellen Seniorenangeboten versteht.

Hartes Aufnahme-Kriterium

Die Frauenhilfe beispielsweise findet Erna Schneider, die in der Gruppe für ihren sagenhaften Fundus von Geschichten und Gedichten geschätzt wird, auch gut. »Aber das ist ja eher so wie ein Kurs, so kirchlich«, sagt sie, »da wird aus dem Gesangsbuch gesungen und gebetet. Hier geht es lockerer zu, das finde ich schön. Hier machen wir immer mal was Neues.« Genau das gefällt Herrn Isterling aus Berstadt, der heute nur zu Gast ist und sich eine ähnliche Initiative in seinem Dorf wünscht. Ob er bei den Utphern Anschluss findet, ist fraglich. Zwar heißen sie neue Mitglieder herzlich willkommen, doch hartes Kriterium für die Aufnahme in die Bande, ist ein Bezug zu Utphe.

Erna Schneider und Emma Klimowicz etwa wurden in dem Hungener Ortsteil konfirmiert. Im Laufe ihres Lebens begegneten sich die Freundinnen aus Jugendtagen auf der einen oder anderen Feierlichkeit, doch so richtig zueinander gefunden haben sie erst wieder hier, im ungezwungenen »Kaffeekränzchen.«

»Anni wollte noch ’ne Apfeltasche«

Da kommt auch schon der Kaffee. Stilecht serviert Restaurantleiter Andreas Hensel die dampfenden Pappbecher auf einem roten Plastiktablett. »Ein bisschen stark«, meint die patente Aloisia Sladek. »Aber wenn er zu dünn ist, ist es ja auch nichts. Dann lieber mit Milch verdünnen.«

Die frittierten und ebenfalls eingepappten Apfeltaschen sehen zwar etwas seltsam aus, doch sobald beim Reinbeißen das warme Mus an den Seiten herauszubscht, malt sich auf die Gesichter eine verzückte Miene, die ein Strudel mit Vanilleeis nicht besser hätte hervorrufen können.

Ob man den Besuch einmal wiederholen wolle? »Ja, warum denn nicht?!«, antwortet Robert Freitag, als sich die Senioren-Bande zum Aufbruch anschickt. Ein lautes Stimmengewirr geht mit der Suche nach der eigenen Jacke einher. Man drängt zum Ausgang.

In Richtung Kasse ruft Ingrid Reeb: »Die Anni wollt noch so ne Apfeltasche.«

*

Hoierzeug?! Wer stutzt, weiß nicht, was damit gemeint ist? Hoier – so heißen Hühner überall dort in Oberhessen, wo man sie – im örtlichen Dialekt – nicht Hinkel nennt...! (no)

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