23. Dezember 2016, 17:13 Uhr

Hirten haben Hochkonjunktur

Hungen (us). Sie werden gepriesen und besungen. Sie dürfen in keinem Krippenspiel fehlen, denn sie waren die ersten, denen die Engel die Botschaft von der Geburt Christi verkündeten. Hirten haben zu Weihnachten Hochkonjunktur, jedenfalls in Liedern, Geschichten, Gedichten und in der Kirche. In der Realität haben sie vor allem eins: Arbeit. Auch an Weihnachten.
23. Dezember 2016, 17:13 Uhr

Ralf Meisezahl ist Schäfer. Ein ganz besonderer, denn er steht in Diensten der Stadt Hungen, die sich stolz »Schäferstadt« nennt. Sein Beruf hat viele Facetten. Meisezahl ist Landschaftsschützer und Werbeträger. Er ist auch Tourismusbotschafter. Vor allem aber ist er Tierhalter und -züchter. Mit seiner Herde ist er neun Monate bei Wind und Wetter draußen unterwegs. Vor diesem Hintergrund ist der Heiligabend diesmal für ihn ein besonderer Tag. Heute kommen die Tiere in den Stall. Bis Anfang April werden sie dort bleiben. Wenn sie dann auf die Weiden zurückkehren, werden viele der kleinen Lämmchen, deren Geburt in den kommenden Wochen erwartet wird, mit dabei sein.

Meisezahl hat mit seiner Herde in den vergangenen Tagen gut Strecke gemacht. Am Mittwoch waren die mehr als 600 Tiere noch zwischen Bellersheim und Bettenhausen eingepfercht. Seither sind sie mit dem Schäfer, den Hütehunden Fanny und Atze sowie dem Esel Frieda weitergezogen zum Feldheimer Wald. Von dort geht es heute zurück in den Stall am Riesengrabenweg.

Dass die Tiere überhaupt bis Weihnachten draußen bleiben konnten, hätte Meisezahl gar nicht erwartet. »Das Futter war mehr als bescheiden, der Herbst war zu trocken, das Gras ist nicht mehr gewachsen.« Aber die Greening-Flächen, die die EU den Landwirten abverlangt, halfen den Schafen über die mageren Zeiten weg. Diese Zwischenfrüchte seien wie ein Weihnachtsbraten, scherzt der Schäfer.

Eine Woche vor dem Jahreswechsel aber hat die Natur nichts mehr zu bieten: Die Schafe kommen in den Stall, wo es sich die fünf Böcke schon längst gemütlich machen durften. Auf den Schäfer wartet in den kommenden Monaten anstrengende Arbeit.

Die Klauen müssen beschnitten werden. Und am 10. Januar beginnt die Lammsaison. An manchen Tagen kommen 20 bis 25 Lämmchen auf die Welt, je nachdem, wie hochwertig die Nahrung war, die Tiere fünf Monate zuvor zum Zeitpunkt der Empfängnis zu sich genommen habe. »Bei eiweißreichem Futter kommen mehr Zwillinge«, weiß der Fachmann.

Die meisten Tiere, die Meisezahl mit sich führt, gehören seinem Arbeitgeber, der Stadt Hungen. Er selbst hat 180 Tiere mit Nachzucht, außerdem führt er in der Herde die Schafe eines Halters aus Inheiden mit.

Früher war das anders. Da betreute Meisezahl Tiere von etwa 15 Privatleuten.

Auch am Sonntag ran

Mit der Zeit wurden es immer weniger. Als vor zwei Jahren der Landwirt, der die meisten Tiere stellte, die Schafhaltung aufgeben wollte, sprang die Stadt in die Bresche und kaufte die Herde. Das Geld dafür spendierte die EU. Nun sind also nicht nur der Schäfer, sondern auch die meisten seiner Tiere quasi Angestellte im öffentlichen Dienst.

Die Arbeitszeiten aber sind und bleiben unorthodox. Kurz nach dem Hellwerden wird Meisezahl heute seine Herde am Feldheimer Wald abholen und mit den Tieren eine Runde drehen. Anschließend wird eingestallt. Spätestens um fünf Uhr muss der Schäfer bei seiner Familie in Villingen sein. Die Tochter spielt mit beim Krippenspiel. Doch der kleine Sohn mag nicht in Kirche gehen. Da ist der Vater daheim gefragt: zum Hüten. Und am Sonntag ruft gleich wieder die Pflicht. Die Schafe wollen gefüttert werden, Meisezahl muss in den Stall. Wie es sich für einen Hirten an Weihnachten eben gehört.



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