07. November 2008, 19:42 Uhr

Leben und Leiden aus dem Blickwinkel Betroffener erzählt

Grünberg (jhm). »Es gibt zwar sehr viele Berichte und Zahlen zur Reichspogromnacht, aber nicht aus dem Blick der Betroffenen.« Mit diesen Worten eröffnete am Donnerstag Ruth Verroen, Enkelin des Sprachwissenschaftlers Hermann Jacobsohn, die Ausstellung in der Theo-Koch Schule zum Leben und Leiden ihrer Familie in der Zeit des Nationalsozialismus. Zu sehen sei gewissermaßen ein »Sammelsurium« aus persönlichen Dokumenten, Urkunden, Zeitungsausschnitten und Zeugnissen der Familie, aufbewahrt von der Witwe Hermann Jacobsohns, Margarethe, und 1997 gefunden in einer Bettruhe auf dem Dachboden. Sie vermitteln ein authentisches Bild vom Leben einer deutsch-jüdischen Familie im Kaiserreich, der Weimarer Republik und jener Zeit nach 1933, in der das »unnormale Leben in Deutschland für unsere Familie begann«, wie es Verroen formuliert.
07. November 2008, 19:42 Uhr
Ruth Verroen

Grünberg (jhm). »Es gibt zwar sehr viele Berichte und Zahlen zur Reichspogromnacht, aber nicht aus dem Blick der Betroffenen.« Mit diesen Worten eröffnete am Donnerstag Ruth Verroen, Enkelin des Sprachwissenschaftlers Hermann Jacobsohn, die Ausstellung in der Theo-Koch Schule zum Leben und Leiden ihrer Familie in der Zeit des Nationalsozialismus. Zu sehen sei gewissermaßen ein »Sammelsurium« aus persönlichen Dokumenten, Urkunden, Zeitungsausschnitten und Zeugnissen der Familie, aufbewahrt von der Witwe Hermann Jacobsohns, Margarethe, und 1997 gefunden in einer Bettruhe auf dem Dachboden. Sie vermitteln ein authentisches Bild vom Leben einer deutsch-jüdischen Familie im Kaiserreich, der Weimarer Republik und jener Zeit nach 1933, in der das »unnormale Leben in Deutschland für unsere Familie begann«, wie es Verroen formuliert.

Der Beginn der Ausstellung zeigt zunächst den Aufstieg der Familie im Kaiserreich. Ein umfangreicher Weihnachtswunschzettel von Sohn Moritz in kantiger Kinderschrift zeugt davon ebenso wie Portraits der im Kriegsdienst stehenden männlichen Jacobsohns. Die Postkarten der patriotischen Familie zeigen den Kaiser zu Pferde, General-Feldmarschall von Hindenburg am Schreibtisch. Doch die Kriegsbegeisterung schwand, Briefe an Soldaten kamen unbeantwortet zurück. Antisemitischen Anfeindungen war die Familie seit den 1920er Jahren ausgesetzt, doch der »eigentliche Wendepunkt unseres Lebens« (Verroen) folgte nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933.

Zuerst bekam dies Hermann Jakobsohn zu spüren. Am 25. April wurde der »Indogermanist und Leiter des Deutschen Schreibatlasses« im Zuge der Bestimmungen des »Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« an der Uni Marburg entlassen. Er verkraftete diese Schmach nicht, zwei Tage später warf er sich vor einen Zug. Fortan zeigen die privaten Erinnerungstücke der Familie v.a. den Überlebenskampf von Margarethe Jacobsohn und ihrer Kinder, die Demütigung und Ermordung weiterer Angehöriger. Margarethe Jacobsohns Schreibheft mit Sprüchen ihrer Kinder, die Pappschachtel mit den Haarlocken der Kinder, aber auch die braunen Briefmarken mit dem Portrait Hitlers und der Arierausweis mit Ahnenpass machen die Geschichte der Familie anschaulich. In der Reichspogromnacht am 9. November 1938, von den Nazis zynisch »Reichskristallnacht« genannt, wurden Margarethe und die Kinder von »fünf Schlägertypen überfallen«, wie Verroen erzählt. »Sie zerstörten unsere Wohnung und auch jüdische Gebäude in der Stadt wie die Synagoge.«1943, ein Jahr nach ihrer Enteignung, wurde Ruth Weinberger, Schwester Hermann Jacobsohns, in Auschwitz zusammen mit ihren Kindern ermordet. Neben den Akten der Gestapo hängen die Fotos der Ermodeten: ein siebenjähriges Mädchen, das sich lächelnd an einen großen Teddybären drückt, und ein Zwölfjähriger in Denkerpose. Hierzu verlasen mit Anja Bien, Nina James und Isabella Müller Schülerinnen Dokumente der Familie, so etwa den letzten telegraphischen Gruß von Ruth Weinberger an ihre Familie vor der Deportation: »Abreise Donnerstag / Sind zuversichtlich / Herzliche Grüsse - Ruth«. Nach dem Ende des Krieges und damit des Dritten Reiches wirft ein verschollener Bekannter jene Frage an Margarethe Jacobsohn, die der Ausstellung ihren Namen verlieh, auf: »Leben sie?«

In seiner Eröffnungsrede erinnerte Schulleiter Stündl an die Verantwortung, Geschichte aufzuarbeiten: »Wir sind froh, dass Jude in Deutschland zu sein, 2008 wieder Wirklichkeit ist. Die Friedens- und Versöhnungsarbeit bietet die Grundlage dafür, dass die Kinder und Enkel der damaligen Opfer wie der Täter die Zukunft bewusst und gemeinsam ohne Hass und Vorurteile gestalten können.« Die TKS sei als staatliche Institution in ein Bündnis mit lokalen Kirchen integriert und versuche stets, durch Aktionen und Projekte das »Wissen über die im Lehrplan viel zu wenig berücksichtigte Zeit des Nationalsozialismus zu kompensieren.« Stündl dankte Oberstudienrat Berthold Hahn und Schulpfarrerin Ilse Staude für die Organisation und Ruth Verroen für die engagierte Arbeit, »die dafür sorgt, dass die Erinnerung an die Ermordeten wach gehalten wird.«

»Rassismus entschlossen entgegentreten!«

Stadtrat Tobias Lux betonte die Notwendigkeit, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus entschlossen entgegen zu treten. »Ich hoffe, dass vor allem Jugendliche die Ausstellung sehen werden.« Umrahmt wurde die Eröffnung der Ausstellung, die bis Donnerstag während der Unterrichtszeiten und am heutigen Samstag, 10 - 13 Uhr, in der Aula zu sehen ist, von dem Klarinettenquartett der Musik- und Kunstschule mit Jennifer Uhlig, Teresa Vörckel, Liz Haack und Jessika Zehnpfennig. (Foto: jhm)

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