24. September 2015, 09:23 Uhr

Für Sozialstation Grünberg 80 000 Euro Defizit erwartet

Grünberg (tb). Da sind sich Grünbergs Stadtväter einig: Der ambulante Pflegedienst muss keine Gewinne abwerfen. Die Dienstleistungen, aktuell von rund 70 zumeist älteren Menschen in Anspruch genommen, werden als Ausdruck sozialer Verantwortung einer Kommune gesehen. Doch wie hoch darf der Zuschuss sein, schon gar in einer Stadt mit defizitärem Haushalt? Die in diesem Jahr erwarteten 80 000 Euro, auch da besteht Einigkeit, sind zu viel.
24. September 2015, 09:23 Uhr
Blutdruck messen bringt nicht viel, so manche Pflegeleistung wird zu gering vergütet. Nur ein Grund für das Defizit der Sozialstation der Stadt Grünberg. Erwogen wird nun, einen mittleren fünfstelligen Betrag in eine Unternehmensberatung zu investieren. (Foto: dpa)

Und: Nicht sicher ist, ob’s dabei bleibt: Bürgermeister Frank Ide: »Nach dem ersten Halbjahr gibt es keine Hinweise, dass es besser wird – eher im Gegenteil.«

Vor dieser trüben Kulisse hatte das Stadt-parlament im Frühsommer, in Abänderung eines CDU-Antrags (kurz: alles außer Privatisierung), eine Optimierung der Organisation des Pflegedienstes beschlossen. Nach ein, zwei guten Jahren macht der bekanntlich schon länger Miese und auch durch die hohe Zahl von Überstunden der 15 Mitarbeiterinnen (aktuell sind es rund 2000). Bekannt sind auch die Erklärungen zu den Ursachen: zurzeit allein drei Langzeiterkrankte (während der Karenzzeit doppelter Lohn), zu viele nicht-lukrative Pflegeleistungen, keine Querfinanzierung möglich wie bei großen Mehrsparten-Unternehmen. Um sich die Sozialstation weiter leisten zu können, erwägt Grünberg nun, eine Unternehmensberatung ins Haus zu holen.

Münch: Nicht jeden annehmen

Am Dienstag stellte Volker Münch (BAP/Beratungservice für ambulante Pflegeeinrichtungen) sein Konzept dem Sozialausschuss vor. Wie der Heusenstammer Berater eingangs reklamierte, habe er bereits mehrere private wie kommunale Sozialstationen zurück in schwarze Zahlen gebracht; auch jene in Heuchelheim, Reiskirchen sowie Buseck (die Allgemeine berichtete, auch über den Verkauf der laut Münch »aufgehübschten Braut« an die Johanniter, freilich verbunden mit einer Nachzahlung von 280 000 Euro an die Zusatzversorgungskasse).

Münch skizzierte eingangs das Spannungsfeld, in dem sich auch »Grünberg« befindet: Vorgaben der Gesundheits- oder Berufspolitik, Versorgungsverträge mit Kassen, betriebswirtschaftliche Auswertung hier, interne Faktoren wie »gewachsene Arbeitsabläufe und Eigenheiten« dort. Das Rezept zur Gesundung: betriebswirtschaftliche Steuerung der Aufbau- und Ablauforganisation, Qualitätsmanagement, das organisatorische Strukturen wie auch die Personalausstattung umfasst, dezidierte Zeiterfassung, Controlling.

Wesentlich, so weiter Münch, seien »schlanke und klare Prozessstrukturen«, stets unter Beachtung »vertraglicher, konzeptioneller und qualitätsrelevanter Vorgaben«. Über alledem habe der betriebswirtschaftliche Grundsatz zu stehen: »So viel wie nötig, so wenig wie möglich.«

Was heißt das konkret, lautete da eine Frage aus dem Ausschuss. Ein Rat des Unternehmensberaters, der freilich bisher nur erste Eindrücke aus Gesprächen mit der Verwaltung gewonnen hat: Darauf achten, dass der Anteil nicht-produktiver Arbeitszeit (»30-35 Prozent normal«) minimiert wird, nicht zu viele unrentable Pflegeleistungen erbracht werden. Beispiel: Für das Anziehen von Kompressionsstrümpfen erstatte die Kasse nicht mal zwei Euro, auf eine Stunde gerechnet, seien damit 13-14 Euro zu erlösen – bei Personalkosten von 35 und 40 Euro...

Das Verhältnis zwischen solcherart »Zuschussgeschäften« und lohnenden Leistungen müsse einfach stimmen, entsprechend müsse die Pflegedienstleitung steuern, für Transparenz sorgen. Münch: »Wenn man bereits zehn aufwendige Wundversorgungen hat, muss man nicht noch eine weitere akzeptieren.« Nicht alles, was gewünscht werde, sollte man machen. Und wenn doch, mit Pauschalen – zum Beispiel für Brötchen oder Medikamente holen – abgelten. »Das machen Private ja auch.« Und an die Adresse der Politiker wie der Mitarbeiterinnen: »Sie sind als Stadt nicht verpflichtet, jeden zu nehmen.« Den Auftrag zur Sicherstellung der Versorgung hätten in erster Linie die Kassen, diesen müsse klar gemacht werden, dass ihre Sätze für gewisse Leistungen zu gering seien. Und abschließend: »Je mehr Ihnen Private Patienten abgreifen, desto mehr müssen Sie sich dem Wettbewerb stellen.« Nicht zuletzt mit »Alleinstellungsmerkmalen«.

Wie gehts’s weiter? Im Fachausschuss wurde keine Stimme laut, einen weiteren Unternehmensberater zu hören. Der Ältestenrat wird sich der Sache annehmen, letztlich wird das Plenum zu entscheiden haben, ob man für den Berater, der die Kolleginnen 30 Tage, verteilt über anderthalb Jahre, begleiten würde, einen »mittleren fünfstelligen Betrag« investiert. Dass im Zuge der Diskussionen sich drei private Betreiber bei der Stadt gemeldet haben, die die städtische Sozialstation übernehmen möchten, sei noch angemerkt.



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