Buseck

Ortschronik »800 Jahre Trohe« mit vielen Informationen

Buseck (rüg). Beim Dörfchen Trohe stellt sich – blickt man auf die Ersterwähnung – die berühmte Frage: Was war zuerst da: die Familie von Trohe oder der Ort. Eine Antwort darauf gibt die Ortschronik »800 Jahre Trohe«. Darüber hinaus bietet sie eine Fülle von Informationen.
05. August 2011, 18:05 Uhr
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Stolz auf die Chronik: (von links) die Vereinsvertreter Gerhard Hackel (SPD), Rita Bernhardt (Kegelclub »Alle Neun«), Guido Schemken (Burschenclub »Fidelio), Udo Unruh (Feuerwehr), Thomas Rühl (SG, Troher Weihnachtslichter), Ortsvorsteher Thomas Fleck und Gerhard Dort (Gesangverein »Eintracht«). (Foto: rüg)

Gilt das Jahr 1327 oder doch die frühere Datierung 1210. Eine Antwort auf diese Frage und viele weitere Informationen über den Bu-
secker Ortsteil liefert die Schrift »800 Jahre Trohe – Orts-Chronik 1210 bis 2010«, die im Nachgang zur 800-Jahr-Feier des vergangenen Jahres kürzlich erschienen ist. Denn: Im Besitz der Fürst zu Solms-Licher’schen Rentkammer befindet sich die Ersterwähnungsurkunde der Familie von Trohe, und die weist das Jahr 1210 aus.

Ausschlaggebend für die Festlegung könnte die in der Chronik beschriebene Geschichte der Familie von Peilstein sein. Dieses österreichische Grafengeschlecht aus dem Gebiet der Drau war durch Heirat an Besitzungen der Grafschaft Mörle-Cleeberg gekommen und hatte mit dem Gedanken gespielt, im Bereich von Großen-Buseck eine Stadt zu gründen. Im Gefolge der Peilsteins könnte die Familie von Trohe nach Mittelhessen gekommen sein. »Da die Ersterwähnung einer Ortschaft in der Regel nicht mit ihrer Gründung gleichzusetzen ist (…) könnte die Ortschaft Trohe durchaus auch schon im Jahre 1210 bestanden haben«, schreibt Elke Noppes vom Heimatkundlichen Arbeitskreis Buseck. Ihr dankte Chronik-Initiator und Herausgeber Thomas Rühl besonders, sie habe »den historischen Teil quasi im Alleingang erarbeitet«.

Rund 1000 Arbeitsstunden wurden für das von der Vereinsgemeinschaft beauftragte Werk investiert, »Die Orts-Chronik Trohe bietet einige interessante Beiträge, Geschichten und Anekdoten, die die jeweilige Epoche gut beschreiben. Eine nett zu lesende Sammlung, mit der wir 800 Jahre Trohe für die nachfolgenden Generationen fundiert aufbereitet haben.«

Historisches bieten auch die Abschnitte über die Troher Mühlen und Gaststätten, die örtliche Schule seit dem 16. Jahrhundert bis Ende der 60er Jahre, die Wasserversorgung und den Adel in Trohe. Im Abschnitt »Der Ort«, der die Entwicklung des Dorfes im 20. Jahrhundert zeigt, sind zwei Kapitel der Zeit des Nationalsozialismus gewidmet, eine Zeit, die in vielen örtlichen Chroniken in der Vergangenheit eher stiefmütterlich behandelt wird – zum einen, weil viele Akten, Dokumente und andere Zeugnisse infolge der Kriegsereignisse oder gezielter Vernichtung fehlten, zum anderen weil manche Autoren die dunklen Jahre zwischen 1933 und 1945 eher nicht ins Gedächtnis zurückholen wollten.

Trohe war in der Zeit der Machtergreifung und auch danach ein Ort des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus (darauf weist auch die SPD in ihrem Chronikteil hin). Fast sämtliche Einwohner – so wird ein Text des Alten-Buseckers Heinrich Benner vom August 1965 zitiert – »bis auf einige von der NS-Propaganda Irregeführte – nahmen den Kampf gegen das nationalsozialistische Gewaltregime auf. Alle Formen des Kampfes wurden angewendet. Es wurden heimlich Flugblätter, Plakate, Transparente usw. angefertigt, des Nachts geklebt und verbreitet.«

SA und SS umstellten 1933 Dorf

Die Wut von Gestapo, SS und NS-Bürokratie zeigte sich dann in einer Aktion am 31. März 1933, als 200 SS- und SA-Leute, mit Karabinern bewaffnet, das Dorf umstellten und fast alle Häuser durchsuchten. Einer der führenden Widerstandskämpfer, Ludwig Schwalb, wurde verhaftet und verurteilt, später zu einer Strafeinheit der Wehrmacht versetzt und am 27. April 1943 von hinten erschossen.

Ein weiterer Schwerpunkt im ersten Teil des Buches ist das Festjahr 2010 mit einem übers ganze Jahr verteilten, abwechslungsgreichen Veranstaltungsreigen.

Die Ereignisse finden sich in der reich bebilderten, 440 Seiten starken Chronik in Worten und zahlreichen farbigen Fotos wider. Beeindruckend auch mehrere Luftaufnahmen des Ortes. Interessant aber auch der umfangreiche Abschnitt über das Vereinsleben. So erfährt der Leser, dass es schon am 26. August 1527 eine Kirmes in Trohe gab und dass der Burschenclub »Fidelio« diese Tradition über viele Jahrzehnte fortführte.

Oder dass der Gesangverein »Eintracht« 1977 sein Fortbestehen sicherte, indem er per Briefaktion an die Bevölkerung erfolgreich zur Gründung eines gemischten Chores aufrief.

Interessant auch: Die 1952 gegründete Freiwillige Feuerwehr erlebte nach ruhigen Anfangsjahren ihre erste große Bewährungsprobe bei der Hochwasserkatastrophe 1966, eine weitere beim Großbrand der Diskothek »Atlantis« 1988.

Hochzeitsgeschenk für 48 000 Mark

Beim Preiskegeln des Kegelclubs »Alle Neun« ging es 1905 beim ersten Preis um eine Ziege mit Lamm. Und ein Hochzeitsgeschenk des Vereins kostete im Inflationsjahr 1923 48 000 Mark.

Eine Anekdote aus der Chronik des Kultur- und Dorfverschönerungsvereins: Für manchen Verdruss sorgte die auf dem 1973 eingeweihten Abenteuerspielplatz angebrachte Glocke: Sie wurde von »Spätheimkehrern« oft auch zu nächtlicher Stunde geläutet. Erfolgreich war man dagegen 1983 mit dem dritten Platz beim Wettbewerb »Unser Dorf«.

Und nicht zuletzt die SG Trohe, die nicht nur auf ihre fast 50-jährige Sportgeschichte stolz ist, sondern auch auf Ulla Licher, die in den 70er Jahren als größtes Tischtennis-Talent Trohes in der Bundesliga spielte.

Wie gut das ehrenamtliche Engagement und die Zusammenarbeit in Trohe funktionieren, stellten die Troher Weihnachtslichter in einer Serie von sechs Veranstaltungen zwischen 1999 und 2007 unter Beweis. Rund drei Wochen in der Vorweihnachtszeit war der Ort von mehreren Hundertausend bunten Lämpchen in ein märchenhaftes Lich getaucht, sorgten Karussell, Riesenrad, Glühwein-, Würstchen- und Mandelbuden für adventliche Marktstimmung, die durch die Auftritte zahlreicher Musik- und Tanzgruppen ein besonderes Flair erhielt. Zeitungen Rundfunk und Fernsehen berichteten darüber, und Trohe konnte sich mit Fug und Recht die »Welthauptstadt der Weihnachtslichter« nennen.

Und das alles für einen guten Zweck: Unterm Strich erzielte man über 100 000 Euro Spenden für gemeinnützige Zwecke, unter anderem für die SOS-Kinderdörfer.

Das gerade auch für Neubürger interessante Buch »800 Jahre Trohe – Orts-Chronik 1210-2010« ist bei den Vorsitzenden der Vereine und in den örtlichen Gaststätten zum Preis von 15 Euro erhältlich.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/kreisgiessen/buseck/Buseck-Ortschronik-800-Jahre-Trohe-mit-vielen-Informationen;art84,61355

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