09. April 2010, 17:04 Uhr

Nach 66 Jahren noch bewegend

Buseck/Rabenau (bf). Sie zählen zu den ersten Adressen im Gießener Land, wenn es um das Zuordnen von Fundstücken aus dem Zweiten Weltkrieg geht. 24 Stunden rund um die Uhr bleiben Horst Jeckel und Gerd Schönhals aus der Rabenau sowie Dirk Sohl aus Ebsdorf hellhörig - es könnte sich ja jemand melden und etwas zu berichten haben.
09. April 2010, 17:04 Uhr
Ortstermin in Buseck - mit Erwin Schließner und Walter Ranft (Foto: Foto: bf)

Buseck/Rabenau (bf). Sie zählen zu den ersten Adressen im Gießener Land, wenn es um das Zuordnen von Fundstücken aus dem Zweiten Weltkrieg geht. 24 Stunden rund um die Uhr bleiben Horst Jeckel und Gerd Schönhals aus der Rabenau sowie Dirk Sohl aus Ebsdorf hellhörig - es könnte sich ja jemand melden und etwas zu berichten haben. So wie am vergangenen Wochenende, konkret: Ostermontag. Telefonanruf aus Buseck. Tage zuvor hatte der Beuerner Landwirt Erwin Schließner bei der Feldarbeit auf einem Acker an der Hohen Straße Überreste eines Flugzeuges ans Tageslicht befördert, ein Propeller-Teilstück jener Messerschmitt BF 110, die im Februar 1944 über Beuern abgeschossen worden war.

Wie Jeckel gegenüber dieser Zeitung sagte, liegt der mit dem Abschussort identische Fundort zwischen Beuern und dem Reiskirchener Ortsteil Bersrod. Die Geschichte sei in den vergangenen Jahrzehnten in Vergessenheit geraten - und mit Schließner Tagwerk wieder ins Bewusstsein gerückt. »Wie sich bei den anschließenden Nachforschungen herausstellte, hatte der Flugzeugführer zwar den Absturz überlebt. Er war aber noch am 7. Mai 1945, einen Tag vor dem Kriegsende, erschossen worden.«

Ortstermin am Donnerstag auf dem frisch eingesäten Acker. Die Metallstücke, die Walter Ranft und Erwin Schließner in Händen halten, sind verformt. Ein Stück Gummischlauch mit Verschraubung ist mit Erde überzogen. Kleine Plexiglasteile, geschmolzene Metallklumpen, Verstrebungen - immer mehr Fundstücke gibt die Erde nach 66 Jahren wieder frei. Nach Auffassung der Kenner Überreste einer Messerschmitt die in den Tagen des Zweiten Weltkrieges am Himmel über Beuern abgeschossen worden war.

Walter Ranft, damals 15 Jahre alt, hatte den Absturz gesehen. Der 75-jährige Schließner war dann mit dem Teil zu ihm gegangen, das sich in der Kreiselegge verfgangen hatte. Ranft seinerseits schaltetedie ihm bekannten Fachleute für Flugzeugabstürze im heimischen Raum ein. Zusammen mit Dirk Sohl, Horst Jeckel und Gerd Schönhals trafen sich die Beuerner an der Fundstelle.

»Post-Walters« Erinnerungen an den 24. 2. 1944

Was Ranft und andere am 24. Februar 1944 gesehen hatten, war - laut Jeckel - der Abschuss einer deutschen Messerschmitt BF 110 G-2 der 9. Staffel des Zerstörergeschwaders 26. »Diese Maschine, während des Kriegs gut 6000-mal gebaut, war wohl die von Leutnant Hermann Gern.« Der sei Jahrgang 1916 und aus Ebingen Albstadt gewesen und - wie angemerkt - im Mai 1945 in Leck erschossen worden.

Walter Ranft ist der interessierten Öffentlichkeit auch bekannt, weil er 2005 ein Buch veröffentlicht hat: »Der Post-Walter - Erlebnisse eines Jungen in schlimmer Zeit«.

Darin aufgezeichnet sind die Erlebnisse aus den Jahren 1943 bis 1946 - und darunter auch den Flugzeugabsturz.

Es war im Frühjahr 1944. An schattigen Stellen im Feld und an den Berghängen von Beuern lag noch der »Schnee von gestern«. Der Winter hatte die wenigen Kohlen, die an unsere Volksschule geliefert werden konnten, längst aufgebraucht. Wir Schulkinder hatten schon wochenlang »Kohleferien«. (...) Es herrschte trockene Kälte bei blauem Himmel und Sonnenschein. An diesem Tag saß ich beim Schuster Gustav Keil in der Schusterbude. Ich war gerade 15 geworden und durfte mithelfen, alte Schuhe zu reparieren. Da es zu dieser Zeit kaum neue Schuhe zu kaufen gab, hatte sich beim Schuhmacher eine große Menge von diesen reparaturbedürftigen alten Klamotten angesammelt.

Da hörte ich ein gleichmäßiges Brummen. Im Grunde bedeutete das Fliegeralarm, der aber in den Dörfern schon nicht mehr immer gegeben wurde. Der sehr tiefe Brummton ließ jeden wissen, dass es sich um den Überflug eines feindlichen Bomberverbandes mit mehreren hundert Viermotorigen handelte.

Ich lief auf die Straße und stand an der Ecke des alten Friedhofgäßchens. Unzählige Bomber zogen in sehr großer Höhe in südöstlicher Richtung über Beuern hinweg. Der Großverband hatte kein Interesse an einem kleinen Dorf, (...) hatte wohl den Auftrag, Tod und Verderben über eine deutsche Großstadt zu bringen. (...) Dann vermischte sich das eintönige Brummen mit dem Fluglärm einer einzelnen, niedriger fliegenden Maschine. Es war eine deutsche Messerschmitt BF 110, die im Begriff war, den Bomberpulk von unten anzugreifen. Die Chancen, die der Angreifer hatte, waren gleich null. Bevor er zum Schuss kam, hatten viele Bordschützen der über ihm fliegenden Festungen das Feuer eröffnet.

Der deutsche Zerstörer wurde sofort voll getroffen. Ein Punkt löste sich von demselben, der dann am geöffneten Fallschirm nach unten schwebte. Aus dem deutschen Flugzeug kam ein Feuerstrahl mit einer Explosion, und die Maschine löste sich schon in der Luft auf. Das markante Leitwerk kam einzeln herunter und landete genau quer über dem Lorsbachweg in Richtung Bersrod. Der Rest des Kampfflugzeuges stürzte schräg ab und bohrte sich über dem Steinberg »An der hohen Straße« in der Nähe des Waldes mit gleichzeitiger Explosion in einen Acker. Die Entfernung zum Dorf betrug knapp zwei Kilometer.

Ich hörte den Aufschlag des Flugzeuges mit einer weiteren Explosion als dumpfen Knall. (...) Es waren schon einige Leute wie der Bauer Keil da. Weil das Wrack noch brannte und immer wieder Munition explodierte, sperrte man das Gelände zuerst einmal weiträumig ab. Schon am nächsten Tag, nachdem die brennenden Flugzeugteile erkaltet waren, wurden sie von einem Räumkommando eingesammelt und abgeholt. Beim Aufprall des Flugzeuges war die Maschinengewehr- und Bordkanonenmunition teils sehr entfernt von der Absturzstelle weggeflogen und lag weit verstreut im Feld.

Man darf heute nicht mehr daran denken. Um diese scharfe Munition kümmerte sich niemand außer uns Buben, indem wir sie in großer Menge einsammelten und teils unter einer Werkbank in der Metzengässer Schmiede versteckten. Der Schmiedemeister war im Krieg, aber der Sohn und wir Kollegen trieben in der Schmiede ein äußerst gefährliches Handwerk. (...)

Vom Schicksal des Jagdfliegers Hermann Gern

An diesem 24. Februar 1944 habe bei Flensungen hinter Grünberg eine der »fliegenden Festungen« notlanden müssen, eine Boeing B 17, berichtet Jeckel. Von der Besatzung hätten acht der zehn Männer überlebt. »Und bei Hungen wurde einer dieser viermotorigen Bomber abgeschossen. Dieser Abschuss wird Leutnant Hermann Gern zugerechnet.« Gern und dessen Bordschütze, über den bisher nichts in Erfahrung zu bringen gewesen sei, seien anschließend über Beuern selbst abgeschossen worden.

Walter Ranft: »Ich sah noch, wie die übermächtigen Amerikaner mit Leuchtspurgeschossen den am Fallschirm hängenden wehrlosen deutschen Flugzeugführer aufs Korn nahmen. Er trieb durch die Windrichtung nach Westen ab und landete verwundet auf dem großen Acker von ›Esau‹ zwischen Beuern und Großen-Buseck. Der bedauernswerte Flieger kam in ein Lazarett nach Gießen. Aus diesem Lazarett nahmen die Beuerner damals immer wieder fast geheilte Verwundete auf, um sie einen Tag lang gut zu verköstigen.«

Gern war, wie Jeckel und seine Mitstreiter herausgefunden haben, im Verlauf des Kriegs zum Jagdflieger umgeschult worden. »Anfang Mai 1945 lagen die Reste des Jagdgeschwaders 11 beim Fliegerhorst in Leck / Schleswig-Holstein.« Am Abend des 3. Mai 1945 habe Hermann Gern zusammen mit einem Feldwebel wohl den Entschluss gefasst, mit einem der zahlreich umherstehenden Flugzeuge nach Süddeutschland zu fliegen - in die Heimat. So zu lesen in der Chronik des Jagdgeschwaders (1 + 11, Teil 3, Jochen Prien / Peter Rodeike, ISBN 3-923457-251, Struve-Druck, Eutin, Seiten 1565 ff.).

Ein Fall für den Beuerner Heimatverein

Dieses Vorhaben sei den Männern als Fahnenflucht ausgelegt worden. »Noch an der startbereiten Maschine erfolgte die Verhaftung. Am Abend des 4. Mai 1945 kamen sie vor ein Kriegsgericht und wurden zum Tode verurteilt.« Am Morgen des 7. Mai habe man Hermann Gern - der Feldwebel sei begnadigt worden - im Beisein eines evangelischen Pastors zum Schiesstand des Fliegerhorstes gebracht. Hermann Gerns Grab befindet sich in Leck.

Die Fundstücke vom Acker »An der hohen Straße« könnten, geht es nach dem Willen von Erwin Schließner und Walter Ranft, einen Platz beim Beuerner Heimatverein finden um an den Absturz, an das Schicksal von Herman Gern und die Unmenschlichkeit des Krieges zu erinnern.

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