01. April 2016, 18:03 Uhr

Selbst der eigene Tod ist nicht tabu

Biebertal (kus). Patricia Deines hat Krebs. Der Körper der 26-Jährigen ist voller Metastasen, die nicht entfernt werden können. Viele Menschen mit einer solchen Diagnose verkriechen sich, sprechen nur mit Familie und Freunden über ihr Schicksal. Die Biebertalerin geht einen anderen Weg: Sie schreibt in ihrem Online-Tagebuch darüber – über MRT-Befunde, Blutwerte oder Dauerdurchfall. Und über ihren Tod.
01. April 2016, 18:03 Uhr
(Foto: Markus Konle)

Wenn Patricia Deines an der Tastatur ihres Computers sitzt und über ihren Gesundheitszustand berichtet, sind ihr Reaktionen sicher. Über 2200 Menschen folgen bei Facebook ihrem Blog »Der Kampf gegen den Krebs seit 2010«. Ihre Tagebuch-Einträge treiben vielen Lesern Tränen in die Augen. Oft werden ihre Beiträge kommentiert. »Ich bewundere deine Stärke«, »Du bist eine Heldin!«, ist dort zu lesen. Oder: »Es ist so mutig, dies alles mit uns zu teilen.« Diese Aussagen sind Teil der Antwort auf die Frage, warum Patricia Deines nach ihrer zweiten Krebserkrankung den Weg in die Öffentlichkeit sucht. »Der Blog und die vielen Kommentare geben mir Kraft«, sagt sie. »Und ich möchte anderen Menschen Mut machen. Krebs wird viel zu oft totgeschwiegen.«

Totgeschwiegen hat auch sie ihre Krankheit nach der ersten Krebsdiagnose im Jahr 2010. Patricia Deines war wegen einer vermeintlichen Zyste ins Krankenhaus überwiesen worden. Doch bei der OP entdeckten die Mediziner den wahren Grund für ihre Schmerzen – Eierstockkrebs, weitere Organe waren bereits befallen. »Damals haben die Ärzte nicht geglaubt, dass ich es überlebe«, erzählt sie sechs Jahre später. »In einer 14-stündigen Operation wurden Eierstöcke, Gebärmutter, Teile der Leber, der Lunge, des Bauchfells, des Zwerchfells, der Lymphknoten und des Darms entfernt«, schreibt Patricia Deines in ihrem Blog. Eine langwierige Chemotherapie schließt sich an. Nach einem Jahr, in dem sie an nahezu jeder vorstellbaren Nebenwirkung der aggressiven Medikamente leidet, kehrt sie zurück ins Leben. Im Dezember 2012 geht es ihr wieder richtig gut. Zusammen mit ihren Eltern beschließt sie, von Fellingshausen, wo sie ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, in die Nähe von Alsfeld zu ziehen. Sie will alles hinter sich lassen – die Trennung von ihrem gewaltbereiten Ex-Freund im Jahr 2009, die Krankheit und deren Folgen.

»Ich wollte wieder richtig durchstarten«, sagt Patricia Deines. Im Januar 2014 beschleicht sie allerdings ein merkwürdiges Gefühl. Der erste Weg führt sie zum Hausarzt. Ihre Blutwerte lassen Schlimmes erahnen. »Ich wusste schon vor der endgültigen Diagnose, dass der Krebs zurück ist. Ich habe es gespürt«, sagt sie. Als die Bestätigung kommt, bricht sie zusammen. »Ich habe nur noch geheult und geschrien. Ich hatte Metastasen am Enddarm, an der Leber und an vielen anderen Organen.« Patricia Deines erzählt und schreibt schonungslos offen. Sie schildert detailreich und emotional, was in ihr vorgeht. Das kommt nicht bei jedem gut an. »Es gibt Leute, die schreiben mir: Du nutzt Deinen Krebs nur aus, um Aufmerksamkeit zu bekommen. So ein Quatsch.« Erst jüngst hat sie dies wieder lesen müssen, als sie Matthias Schweighöfer und Florian David Fitz in Marburg getroffen hat. Die Schauspieler waren auf Werbetour für ihren Film »Der geilste Tag«, in dem sie zwei todkranke Krebspatienten darstellen. Patricia Deines hatte bei den Kinobetreibern per
E-Mail nach einem Meet & Greet gefragt, von ihrem eigenen Schicksal erzählt – und promt eine Zusage bekommen.

Seit fast zwei Jahren bloggt sie regelmäßig. Auch ihr eigener Tod ist kein Tabu. »Ich bin unheilbar. Die Metastasen kann man operativ nicht entfernen. Sie liegen zu ungünstig. Außerdem ist mein Herz nach über 30 Vollnarkosen zu schwach für eine weitere OP«, sagt sie. Momentan ist ihr Zustand stabil, ihr Tumormarker entspricht zur Überraschung der Mediziner dem eines gesunden Menschen. »Das kommt durch meine positive Energie«, glaubt die junge Frau.

»Die Metastasen sind im Schockzustand. Die Antikörper, die ich regelmäßig bekomme, sorgen dafür, dass sie praktisch eingefroren sind«, erklärt sie und ergänzt schnell: »Hoffentlich bleiben sie das noch lange.« Denn sie möchte noch möglichst viele Punkte auf ihrer »Dinge, die ich noch erleben will«-Liste abhaken. Ganz oben darauf: Den 18. Geburtstag ihres Patenkindes erleben. Der Junge ist zwei Jahre alt.

Ein weiteres großes Ziel: Wieder arbeiten gehen. Zumindest einen halben Tag lang und am liebsten in ihrem alten Job als Bäckerei-fachverkäuferin. Noch sei sie zu schwach dafür, mehr als zwei Stunden würde sie derzeit nicht aushalten, meint Patricia Deines. Außerdem bestimmen Untersuchungen und Therapien ihr Leben. Sie schläft viel, kämpft mit den Problemen, die von der Chemotherapie ausgelöst werden – u. a. mit einer schmerzhaften Vorstufe der Osteoporose (Knochenschwund) und mit einer Fruktose-Allergie, durch die sie dauerhaft Magen-Darm-Probleme hat und eine Diät einhalten muss. Dazukommen regelmäßige Aufenthalte in der Uni-Klinik Gießen. Im Abstand von drei Wochen bekommt sie dort Infusionen mit den für sie lebenswichtigen Antikörpern. Alle drei Monate steht außerdem ein MRT im Kalender und zusätzliche Checks in Heidelberg. Das alles kostet Kraft. Ein Ventil und Ablenkung, wenn ihr wieder einmal die Decke auf den Kopf zu fallen droht, hat sie in kreativen Hobbys gefunden: Wenn es ihr gut geht, malt Patricia Deines. Oder sie baut Lampen aus Holz, auch Töpfern hat sie schon probiert.

Ihre schönste Aufgabe derzeit sind aber die Vorbereitungen für die kirchliche Trauung mit ihrem Mann Viktor im Mai. »Es wird eine richtige Prinzessin-Hochzeit«, sagt sie strahlend. Sie kannten sich seit gut einem Jahr, als sie 2010 die Krebsdiagnose erhielt. Sie habe ihm damals vor der ersten OP gesagt: »Du kannst gehen, aber dann bitte gleich. Wenn ich die OP überstehe und die Chemo mache, kann ich nicht auch noch Herzschmerz gebrauchen.« Viktor blieb. »Was er alles für mich getan hat, hätte kein anderer Mann getan«, ist sich die 26-Jährige sicher. Er bestärkt sie auch immer wieder darin, ihre Erlebnisse mit anderen zu teilen. Die sollen in den nächsten Wochen seltener von MRT-Befunden, Blutwerten oder Dauerdurchfall lesen – sondern eher vom Brautkleid, der Trauung und den Flitterwochen in der Karibik.

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