09. September 2014, 17:18 Uhr

Wo ist Platz für Flüchtlinge in Allendorf/Lumda?

Allendorf/Lumda (jwr). In vielen Kommunen im Landkreis finden Menschen, die ihre Heimat verlassen haben und in Deutschland um Asyl ersuchen, eine vorübergehende Bleibe. Aber warum eigentlich nicht in Allendorf?
09. September 2014, 17:18 Uhr

In Treis leben Flüchtlinge unter einem Dach, und erst kürzlich hat der Landkreis ein Objekt in Londorf als sogenannte Gemeinschaftsunterkunft angemietet, teilt das zuständige Team Asyl des Landkreises Gießen mit. Zwischen diesen beiden Orten, in der kleinsten Kreiskommune Allendorf/Lumda, leben dagegen – abgesehen von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen im Landschulheim Burg Nordeck – keine Flüchtlinge, wie Bürgermeisterin Annette Bergen-Krause (SPD) auf Anfrage bestätigt.

Rund 900 Asylbewerber in verschiedenen Stadien des Asylverfahrens werden derzeit vom Team Asyl betreut. Gemäß einem festgelegten Verteilungsschlüssel muss der Kreis sich um 4,35 Prozent der Asylbewerber in Hessen kümmern. Würden sie entsprechend der Einwohnerzahl gleichmäßig auf die Kreiskommunen verteilt werden, so wäre Allendorf – rein statistisch – für rund 15 Menschen zuständig.

Dass die Realität anders aussieht, hängt auch damit zusammen, dass der Kreis geeignete Gemeinschaftsunterkünfte – meist von Privatbesitzern – anmietet. Kommunale Grenzen spielen insofern bei der Zuweisung eine untergeordnete Rolle, zumindest im Gießener Land. Man hat sich dort gegen eine Quotenregelung entschieden, die Kommunen in anderen Kreisen mitunter in Bedrängnis bringt. »Das System funktioniert ganz gut«, sagt Jörg-Glasenhardt-Freymann, Leiter des Teams Asyl. Die Erfahrungen mit den beteiligten Eigentümern und Kommunen seien positiv.

Der Stadt Allendorf/Lumda selbst fehlen, wie die Bürgermeisterin erklärt, mögliche Gemeinschaftsunterkünfte in kommunalem Besitz. Man verfüge nur über eine vermietete Wohnung über dem Allendorfer Kindergarten sowie fünf Wohneinheiten in einem Haus an der Lindengasse – vorgesehen für Personen, die von Obdachlosigkeit bedroht oder »sozial schwach« seien, etwa als Hartz-IV-Bezieher. Vier der Wohnungen sind laut Auskunft aus dem Rathaus derzeit vermietet, eine weitere werde »für den Fall einer drohende Obdachlosigkeit« vorgehalten. Der Magistrat entscheide über die Nutzung. Bergen-Krause verweist auch auf die Mindestanforderungen für Gemeinschaftsunterkünfte, etwa ausreichende Sanitärräume. Ein geeignetes Objekt besitze die Stadt derzeit leider nicht.

Wie Asylbewerber in der Praxis in die Kommunen gelangen, erklärt der Leiter des Teams Asyl: Die Bürgermeister würden zwar eingebunden, Verträge schließe der Landkreis aber direkt mit den Eigentümern von geeigneten Gebäuden für Gemeinschaftsunterkünfte. Dort bringt der Kreis die Asylbewerber für meist einige Monate unter, wobei sie sich selbst versorgen. Nach dieser Phase können die Geflüchteten sich selbst eine Wohnung suchen – sofern der Staat sie nicht abgeschoben hat.

Der lokale Wohnungsmarkt entscheidet also mit darüber, wo wie viele Flüchtlinge leben. Doch wie steht die Bürgermeisterin grundsätzlich dazu, Flüchtlingen eine zumindest zeitweilige Perspektive zu geben? »Ich persönlich sehe es als eine humanitäre Pflicht und Selbstverständlichkeit, Flüchtlinge aufzunehmen«, antwortet Bergen-Krause. Sie betrachte es als »unsere Bürgerpflicht, traumatisierten Erwachsenen und Kindern Zuflucht und Schutz zu bieten«. Allerdings sei »das Thema in Allendorf noch nicht so präsent«. Eine stärkere Vernetzung von Akteuren wie den Kirchen oder dem Netzwerk für Demokratie und Toleranz halte sie für notwendig. Auf politische Ebene, sagt Bergen-Krause, informiere sie regelmäßig den Magistrat darüber, was bei der Bürgermeisterdienstversammlung zu Gemeinschaftsunterkünften besprochen werde. Mit ihren Amtskollegen habe sie »auch schon darüber nachgedacht, etwas in Eigenregie zu machen«. Doch Ideen wie die Gründung einer kommunalen Wohnungsbaugesellschaft umzusetzen seien schwierig.

Die Suche nach geeigneten Unterkünften wird Bergen-Krause und ihre Amtskollegen wohl weiterhin beschäftigen, der Bedarf steigt rapide: Der Landkreis geht davon aus, dass bis Jahresende rund 200 weitere Plätze in Gemeinschaftsunterkünften benötigt werden, vor allem für Asylbewerber aus Krisengebieten im Nahen und Mittleren Osten, aber auch aus Eritrea und Somalia.

Flüchtlingen ein Dach über dem Kopf zu bieten, ist nur ein Aspekt. Sie sind im Alltag mit Sprachbarrieren und komplizierter Bürokratie konfrontiert. Hilfe, zum Beispiel als Hausaufgabenbetreuer oder bei Arztbesuchen, können auch Privatleute leisten. Kontakte zu Vereinen und Organisationen würden gefördert, heißt es beim Team Asyl. Unter anderem habe man schon Praktikumsplätze bei der Stadt Hungen und im Holz- und Technik-Museum in Wettenberg an Flüchtlinge vermittelt. »So langsam läuft das an«, sagt Teamleiter Glasenhardt-Freymann im Gespräch mit dieser Zeitung – vielleicht auch in Allendorf?

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