09. September 2014, 17:08 Uhr

Lust aufs Landleben auf dem Tannenhof in Allendorf

Allendorf/Lumda (khn). 19 Frankfurter Kinder aus sozial benachteiligten Familien sind eine Woche lang auf dem Tannenhof in Allendorf/Lumda zu Besuch.
09. September 2014, 17:08 Uhr
Großstadtkinder auf dem Land: Die jungen Frankfurter verbringen noch bis Samstag einige Tage auf dem Schulbauernhof Tannenhof in Allendorf.

Das Kälbchen zerrt an dem Strick, will zeigen, wer der Stärkere ist. Die Kinder in den blauen T-Shirts kreischen, haben Angst – aber nur kurz. Denn Goetz Hoffmann, Betreiber des Schulbauernhofs Tannenhof in Allendorf, hat ihnen ein paar Minuten vorher erklärt, nicht zu schreien, wenn sie die Tiere festhalten. »Und wenn sie ausbrechen wollen, führt sie im Kreis«, sagt er. Die Blicke der Kinder? Skeptisch. Aber auch neugierig. Als ob sie sagen: Diese Herausforderung nehme ich an.

19 Kinder aus Frankfurt verbringen seit Montag sechs Tage auf dem Tannenhof. Hier können sie den Alltag in einem landwirtschaftlichen Betrieb kennenlernen. Organisiert und finanziert wird die Freizeit von der Deutschen Fernsehlotterie. Unter der Schirmherrschaft des Deutschen Bundestages und mit Unterstützung des Vereins Allianz für Jugend können so bundesweit 400 Kinder aus wirtschaftlich schwachen und sozial benachteiligten Familien in den Urlaub fahren. Drei Millionen Kinder in Deutschland, hat die Fernsehlotterie ausgerechnet, können aus finanziellen Gründen keine Ferien machen.

Hoffmann gibt den Weg vor. »Ihr bringt die Tiere jetzt zuerst auf eine Wiese und dann weiter auf die Koppel.« Zwei Jungs haben das erste Kalb gut im Griff. Sobald es störrisch wird, drehen sie genauso störrisch eine Runde. Schnell merkt das Tier, dass es den beiden Jungs nicht auf der Nase herumtanzen kann und fügt sich. Anders sieht es bei der wilden Dame aus, die zwei andere Kinder auf die Weide führen müssen. Sie wagt erst einmal einen Ausflug ins Gebüsch. Hoffmann greift ein, hilft den Kindern dabei, das Kalb wieder auf den richtigen Weg zu bringen. »Toll macht ihr das«, ruft er, als die Nachwuchsbauern ihr Tier wieder im Griff haben. Oben auf der Wiese angekommen, werden die Kälber losgelassen. Die Kälber hüpfen wie von der Tarantel gestochen, die Kinder grinsen um die Wette. »Geschafft«, sagt einer. Die anderen kichern. »Guckt mal wie die rennen und hüpfen können!«

»Es sind vor allem Stadtkinder, und ihnen wollen wir ermöglichen, einmal etwas anderes zu entdecken«, sagt Christian Kipp, Geschäftsführer der Deutschen Fernsehlotterie im Gespräch mit dieser Zeitung. Aber es soll nicht nur um Spaß gehen in der Woche auf dem Schulbauernhof. »Der Mehrwert für die Kinder ist uns wichtig«, sagt er. Soll heißen: Die Besucher sollen etwas mitnehmen, eine neue Erfahrung, die Erkenntnis, etwas bewegen zu können, gebraucht und für Geleistetes anerkannt und gelobt zu werden.

Matthias Hoffmann ist Geschäftsstellenleiter der Allianz in Gießen. Er engagiert sich – auch persönlich – für die Belange benachteiligter Kinder in der Region. »Wir freuen uns, dass wir mit dieser Aktion einigen Kindern mehr ein paar spannende Ferientage ermöglichen können«, sagt er. Und spannend sind die Tage in der Tat – auch wenn nicht alles ein Zuckerschlecken ist, was die Kinder machen. Eingeteilt sind die 19 Nachwuchslandwirte in drei Gruppen – in wechselnder Besetzung. Die erste Gruppe kümmert sich um den Stall und steht morgens um 6.30 Uhr auf. Dann heißt es Stall ausmisten und Kühe melken. Die Hauswirtschaftsgruppe wird um kurz nach 7 Uhr geweckt und bereitet in der Zwischenzeit das Frühstück vor. Die Kleintiergruppe hat es leichter und muss erst um
8 Uhr zum gemeinsamen Frühstück aus den Federn. Später stehT für die Stallburschen und -mädchen die Arbeit in der Käserei an. Sie stellen Sahne, Butter und Käse her – jeden Tag etwas anderes. Und die Hauswirtschafter – natürlich – kümmern sich derweil ums Mittagessen. Die Kleintierpfleger? Verpflegen Katzen, Hühner und Schafe. Am Nachmittag stehen Spiele oder Ausflüge an.

»Wir versuchen hier auf dem Schulbauernhof seit 14 Jahren den Spagat zwischen Spaß und Ernsthaftigkeit«, sagt Hoffmann. Die Kinder, die momentan zu Besuch seien, seien »von der Landwirtschaft entfremdet«. Viele hätten noch nie ein Schwein gesehen und dementsprechend Angst vor dem unbekannten Wesen. Überbehütet seien sie ebenfalls. Fass dieses nicht an, fass jenes nicht an. Finger weg! Hoffmann betont: »Was wir hier machen, ist keine Beschäftigungstherapie. Wir nehmen die Kinder ernst und trauen ihnen etwas zu.«

Zum Beispiel das Treiben der Schweinchen ins Außengehege. Der Landwirt erklärt seinen Kurzzeitazubis, dass Schweine gut riechen könnten, aber extrem kurzsichtig seien. »Deshalb müsst ihr euch bewegen, wenn die Tiere auf euch zukommen.« Der Stall wird geöffnet, die Schweine flitzen quiekend um die Ecke – und von den Kindern geleitet hinter das Gatter. Das Mädchen, das vorher am lautesten gerufen hat, nicht mitmachen zu wollen, ist am Ende die erste, die eines der Schweine hinter den Zaun schiebt und es anschließend tätschelt.

Verantwortung übernehmen, Grenzen überschreiten – darum geht es auch beim Besuch auf dem Schulbauernhof. Hoffmann kann das aber nur machen, weil er den Kindern am Anreisetag die Regeln erklärt hat, an die sie sich ohne Wenn und Aber halten müssen. »Das sind die Grenzen, in deren Rahmen sich die Kinder bewegen können«, sagt er. Ein Beispiel? Er erklärt den kleinen Besuchern, dass sie nicht auf das Stroh auf dem Heuboden treten dürfen. Denn es sei das Essen für die Tiere. »Wenn sie es doch tun, muss ich ihnen erklären, dass sie so das Essen verderben können und ich es wegschmeißen muss. « Und am Ende müsste er wegen Futtermangels ein Tier schlachten, bevor es verhungere. Drastische und überspitzte Worte, dessen ist sich Hoffmann bewusst. »Aber die Kinder sollen hier etwas lernen.«

Mittagessenszeit. Jack und Sham pusten, wischen sich den Schweiß von der Stirn – und grinsen. Der elfjährige Sham ist noch immer beeindruckt von den Erlebnissen auf der Koppel. »Ich habe nicht gewusst, das Kühe so schnell rennen können.« Und gefällt’s ihnen? »Die Arbeit ist schon sehr schwer«, sagt der zehnjährige Jack, »aber es macht total Spaß.« Vor allem das Melken der Kühe – in aller Herrgottsfrühe – habe ihm besonders gefallen. »Ich hatte ja vorher Angst vor den Tieren, aber das hat sich gelegt.«



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