12. Juli 2018, 21:41 Uhr

iPad trifft Klavier und Schlagzeug

Klavier oder Keyboard? Notenblatt oder iPad? Analog oder digital? Kein »oder«, sondern ein »und«! Mit der bewussten Verbindung von konventionellem mit hightechgestütztem Unterricht macht die Musikschule Wettenberg gute Erfahrungen.
12. Juli 2018, 21:41 Uhr
Eine Musikschule in den Ferien: Ohne Schüler bleibt Zeit für Besuch aus Berlin. Bundestagsabgeordnete Dagmar Schmidt lässt sich im Tonstudio von Chris, Pierre und Dieter Reinhardt den Wandel im Unterricht erklären. (Foto: mo)

Chris Reinhardt sitzt am Klavier und hat ein iPad vor sich. Auf dem Boden sitzen fünf, sechs Kinder, haben ebenfalls iPads; ein großer Bildschirm hängt an der Wand. Musikunterricht? Musikunterricht! Die familiengeführte Schule in Wißmar macht seit anderthalb Jahren gute Erfahrungen mit dem Einsatz digitaler Technik. Digitalisierung wird als Bereicherung und Ergänzung der musikalischen Erziehung verstanden, wie Juniorchef Chris Reinhardt betont. »Das macht den Unterricht noch lebendiger«, so der Musikpädagoge. Schon Vater Dieter Reinhardt, der die Schule 1976 gegründet hat, setzte frühzeitig auf Hightech im Fachwerkhaus mitten im Dorf nahe der klassizistischen Kirche: Yamaha-Keybords sind bis heute ein Markenzeichnen der Schule. »Wir sind womöglich die einzige Musikschule in der Region, die im Unterricht auch iPads einsetzt«, ist Chris Reinhardt stolz. Denn er hat beobachtet: »Damit kann ich auch schon die ganz Kleinen begeistern.« Damit bekomme ich auch Grundschulkinder leicht dazu, konzentriert zu arbeiten! Wobei Reinhardt auf Lernspiele setzt und auf Kleingruppen mit vier bis sechs Schülern. Das macht einfach mehr Spaß. Der Unterricht am Instrument selbst, Klavier oder Keyboard, ist dann aber wieder Einzelunterricht. Und es ist auch klar: Die digitale Technik wird als sinnvolle Ergänzung des traditionellen Unterrichts angesehen. »Der Einsatz dieser neuen Unterrichtsform soll und darf keine Abkehr vom Analogunterricht, sondern eine Ergänzung zum Königsweg Musik sein«, postuliert Senior Dieter Reinhardt. Denn für ihn ist klar: Was neben dem Einsatz der neuen Technologie bleibt, das ist die Werterhaltung der alten Handwerkskunst zum Instrumentalspiel.

Die Schüler sind zwischen acht und 75 Jahre alt. Was ihnen allen zudem zugutekommt: Man kann und darf, muss aber keine Noten lesen lernen: Die sogenannte Griffschrift macht es möglich. So gelingt es eigentlich recht schnell, Stücke (nach-)zuspielen. Und mit Unterstützung der entsprechenden Lernprogramme eben auch, eigene Songs zu arrangieren: Zusammen mit Chris Reinhardt schreiben die Schüler Texte, nehmen dann ihre eigenen Songs auf. Und zwar binnen weniger Wochen: »Sommer, Sonne, Liegestuhl...« heißt ein solches kleines, feines Werk, in das Dagmar Schmidt reinhören darf. Die SPD-Bundestagsabgeordnete aus Wetzlar kommt ganz klassisch vom Klavier: »Wir hatten eines zu Hause stehen«, erinnert sie sich beim Besuch in der Musikschule im Rahmen ihrer Sommer-Tour durch den heimischen Wahlkreis. Die Sozialdemokratin, die daneben noch weitere Instrumente gelernt hat (»nur für den Hausgebrauch, aber mit Vergnügen«), weiß aber auch um die Sorgen. Denn der Bund stellt zwar im neuen Digitalpakt für die Schulen rund 10 Milliarden Euro bereit. Aber das Konzept steht noch nicht in Gänze. Denn Schule ist eigentlich Ländersache, und die Länder müssen kofinanzieren. Und private Musikschulen fallen dabei ohnehin durchs Raster, profitieren erst einmal nicht von den Fördermitteln. Eine weitere Baustelle ist das Einbinden von Musikschulen in den Ganztagsausbau der Grundschulen wie der weiterführenden Schulen. Daran wird zwar gearbeitet, aber es funktioniert noch nicht überall reibungslos. Für Sozialdemokratin Schmidt ist aber klar: »Ich halte es für unerlässlich, dass Musikschulen da einbezogen werden.«

Zu diskutieren ist da nicht zuletzt die Frage der Lehrmittelfreiheit: Was ist mit Musikinstrumenten? Und was mit digitalen Endgeräten? Wer zahlt? Die Schulen respektive die Schulträger? Oder die Eltern? Dagmar Schmidt sagt: Digitale Endgeräte seien wie Bücher, fielen also ganz klar unter die geltende Lehrmittelfreiheit. Versprechungen macht sie der Musikschule nicht, wohl aber nimmt sie offene Fragen und Denkanstöße mit. Was Reinhardts sehr begrüßen – im Wissen um den Wandel der Musikschule in der digitalen Zeit: »Spaß beim Lernen wird dann erlebt, wenn der Lernstoff nicht nur gehört oder gelesen, sondern intensiv erlebt wird«, sagt Chris Reinhardt. Und unterstreicht: »Nur wer es versteht, den Wunsch seiner Schüler genau zu treffen und zu erfüllen, wird erfolgreich sein.«

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