02. Januar 2017, 19:34 Uhr

Zurück zur alten Ansicht

Es steht an exponierter Stelle, aber ein schöner Anblick ist es nicht. Das Anwesen in der Obertorstraße 39, vielen Hungenern auch als das Frutig-Haus bekannt, verlor in den 1960er Jahren seinen ursprünglichen Charakter. Gerhard Jockel hat es gekauft und will den »Hessischen Mann« zum Leben erwecken.
02. Januar 2017, 19:34 Uhr
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Von Christina Jung
So wie das Frutig-Haus (links im Bild) vielen älteren Hungenern noch in Erinnerung ist, so soll es Ende 2017 wieder aussehen. Dass sich Gerhard Jockel dem Anwesen annimmt, ist für die Stadt ein Glücksfall, steht das Gebäude doch an exponierter Stelle. (Fotos: ti/bf)
Alte Gebäude sind für die beiden kein neues Terrain. In der Hungener Raiffeisenstraße hatte Gerhard Jockel 2010 die Sanierung seines Elternhauses abgeschlossen. Seine Lebensgefährtin Elke Patzer nahm sich 2014 der Grün-Villa an und machte aus dem heruntergekommenen Gebäude mit viel Liebe zum Detail einen wahren Schatz, wurde dafür sogar von der hessischen Denkmalschutzbehörde ausgezeichnet. Mittlerweile beschäftigt Gerhard Jockel ein neues Projekt. Er hat sich der ehemaligen Bäckerei Frutig angenommen, deren Standort in der Obertorstraße 39 an exponierter Stelle mitten im Gebiet der Stadtsanierung liegt. Sein Ziel: sieben moderne Appartements hinter historischer Fassade.
Sechs Jahre lang hatte sich das Haus, das aus einem dreigeschossigen Fachwerkbau aus Eichenholz besteht und aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts stammt, im Besitz der GSW befunden, bevor es der 65-Jährige im Sommer übernahm. Es ist eines von vielen Gebäuden, die in den vergangen 20 Jahren über Sanierungsmittel gekauft worden waren, ebenso wie beispielsweise das Hotel am Markt oder die Gaststätte »Sterntaler«. Dass sich Jockel dem unansehnlichen Haus in exponierter Lage widmet, bezeichnet Bürgermeister Rainer Wengorsch als einen »Glücksfall für die Stadt«. Mit der Grün-Villa hätten Jockel und Patzer gezeigt, dass sie mit viel Engagement und Liebe ans Werk gingen. »Ich bin froh, dass sich die beiden auch diesem Objekt angenommen haben.« Derzeit nämlich bietet die Ansicht keine positiven Aspekte für das Stadtbild. Der Grund: Nicht nur die Fachwerkfassade war in den 1960er Jahren verputzt und das massive Mauerwerk im Erdgeschoss durch große Schaufenster für einen Bäckerladen ersetzt worden. Auch in den Obergeschossen wurden die Fenstergruppen zu jeweils einer großen Öffnung umgebaut, was den Charakter des Hauses radikal veränderte.
Das will Gerhard Jockel ändern. Er hat sich dazu jenen Experten an die Seite geholt, der schon die Sanierung der Grün-Villa begleitet hatte: den Licher Architekten Berchtold Büxel. Unter seiner Leitung soll die Fassade und damit der für die Region typische traufständige zweizonige Fachwerkbau in hessisch-fränkischer Stilbauweise – gekennzeichnet durch den sogenannten Hessischen Mann – wieder sichtbar werden. Die Fensteröffnungen, die vor rund 50 Jahren vergrößert worden waren, werden wieder in ihren Ursprungszustand versetzt. Die Rekonstruktion erfolgt mit altem Eichenholz. Gleiches gilt für das Fachwerk, das an einigen Stellen von Pilz befallen ist.
Dahinter entstehen auf vier Ebenen vier Wohnungen zwischen 40 und 90 Quadratmetern, wobei das Innere des Gebäudes komplett neu geordnet wird. »Lediglich die Außenwände bleiben stehen«, sagt Büxel. Dazu kommen drei weitere Appartements im Neubau, der im Hof entstehen wird, wo sich derzeit noch ein Anbau und eine Scheune befinden. Beides wird abgerissen. Insgesamt wird es sieben Wohnungen auf 330 Quadratmetern geben, allesamt erschlossen über ein Treppenhaus zwischen Alt- und Neubau. Die teils noch vorhandenen Buntglasfenster sollen ebenso erhalten bleiben wie die historischen Fliesen im Erdgeschoss, letztere allerdings an anderer Stelle. Erweitert wird das Dach des Altbaus um zwei Gauben, außerdem sind vier Balkone und drei Terrassen vorgesehen.
Vor sechs Wochen wurde damit begonnen, die Außenfassade freizulegen, ebenso wie im Inneren punktuell die Wände. »Wir mussten wissen, welche Materialien wir vorfinden und wie die Statik aufgebaut ist«, erklärt Büxel, denn die vorhandenen Pläne seien nicht aussagekräftig gewesen. Auch im Fußboden wurden Stichproben genommen.
Nach der Bestandsaufnahme schlossen im November Bauherr und Architekt die Planungen ab und reichten den Bauantrag ein. Der Zeitplan ist straff, die Fertigstellung visiert Jockel für Ende 2017 an. Sobald die Baugenehmigung vorliegt – Büxel rechnet damit im Januar –, geht es los. Ob das einzuhalten ist, hängt von dem ab, was während der Sanierung ungeplanterweise dazu kommt. Büxel: »Das ist anders als bei einem Bau auf der grünen Wiese.«


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